Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1916-08-25 · 34 (25.8.1916) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
34 (25.8.1916)
Date
1916-08-25
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102942-9138051--00985-9073811
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Jüdische Echo Bayerische Blätter iür die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M. 4. —, Einzelnummer 10 Pf. — V e r 1 a g des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, mwMwm Al n z e i g e n : Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 34 München / 3. Jahrgang 25. August 1916 Eines Wohltäters Glück und Ende. Inmitten der Tragödie, die sich in den letzten Wochen in Amerika abgespielt hat, steht ein Mann, dessen Name weit über den Bereich der Vereinigten Staaten hinaus bekannt geworden ist: Jacob H. S c h i f f. In dem Drama, dessen tragischer Held er geworden ist, haben Schicksalsgewalten und eigne tragische Schuld zusammengewirkt, um einen Menschen auf der Höhe einer langen, verdienstvollen Laufbahn mit der erschütternden Erkenntnis zu erfüllen, daß die, für die er gesorgt und gestrebt hat, sich von ihm abwenden, daß das Volk, dessen Freund und Führer er zu sein vermeinte, ihn als einen Verräter an seinen heiligsten Gütern brandmarkt. Jacob H. Schiff, der aus Deutschland stammende Jude, der in Amerika zu Vermögen, Ansehen, einer hervorragenden gesellschaftlichen Stellung und einem namhaften Einfluß auf das soziale Leben gelangt, trägt in seiner Brust ein warmes Herz, das voller Mitgefühl für seine jüdischen Stammesgenossen schlägt. Jener kleinen Schicht aus Deutschland eingewanderter Juden angehörig, die in der amerikanischen Judenheit die gesellschaftliche Creme bildet, sieht er einen von Jahr zu Jahr anschwellenden Strom notleidender, hilfsbedürftiger Juden in Amerika einwandern. Sein warmes Herz regt sich: er spen-, det, er rät, er hilft. Zuerst zufällig, planlos, dann, als er gegenüber dem Meer von Bedürfnissen einsieht, daß die Hilfe eines Einzelnen wie ein in die Fluten geworfenes Sternchen ist, immer zielbewußter. Er schließt sich Gesellschaften zur Fürsorge für die jüdischen Einwanderer an, er begründet neue Vereine zu ähnlichem Zweck, hilft die einzelnen Zweige der Hilfstätigkeit zu einer festen Organisation zu verbinden. Und schließlich findet er sich an der Spitze einer kleinen Schar von Männern, die als eine Art von Senat über der Masse der amerikanischen Judenheit stehen, von den Eingewanderten und frisch Einwandernden als ihre Herren und Meister, als Spender leiblicher und geistiger Nahrung, als die Vertreter ihrer Wünsche gegenüber der nichtjüdischen Außenwelt angesehen werden. Nun beginnt der Knoten des Dramas sich zu schürzen: Jacob Schiff lebt noch immer in dem Wahne, einer Schar hilfsbedürftiger Einzelwesen gegenüberzustehen, deren Existenzen er mit seiner Wohltätigkeitsarbeit stützen und im neuen Lande befestigen kann, sein Streben geht noch immer dahin, möglichst viele Juden, zu denen ihn ein warmes Verwandtschaftsgefühl hinzieht, zu gesunden Lebensbedingungen und einem moralischen Standpunkt, der im Einklang mit dem sie umgebenden anständigen Bürgertum steht, hinzuführen. Aber die Tausende von Einzelwesen, für -die er gesorgt hat, haben sich inzwischen zu einer Volksmasse zusammengefügt, und in dieser Volksmasse sind nationale Kräfte, nationale Bedürfnisse, nationale Hoffnungen und Sehnsüchte wach geworden, die sie mit einem Bande Zusammenhalten, das stärker als das Band gemeinsamer äußerer Lebensnot ist. Den Einzelnen, die sich allmählich in Amerika wieder zu einem Volke verbinden, wächst das Herz, das Hirn, der Wille eines Volkes — und Jacob Schiff sieht es nicht. Jacob Schiff steht dem Riesengeschöpf Volk noch immer mit der Geste eines Wohltäters gegenüber, glaubt dieses Geschöpf noch immer mit seinem Einzelwillen beherrschen zu können. Die ersten Schwierigkeiten stellen sich ein: die Volksmasse wird sich ihrer eignen Existenz, ihres Rechtes auf nationale Individualität bewußt, beginnt sich in bewußten Gegensatz zur nationalen Art andrer Völker zu stellen. Jacob Schiff, der Führer, glaubt zuerst, es nur mit einigen unbotmäßigen Eigenbrödlern zu tun haben. Aber dieser, einzelnen werden immer mehr, sie tun sich zusammen, sie streben nach Entfaltung ihrer Volksart und beginnen, sich dem Einfluß derer zu entziehen, die ihnen das Recht auf Eigenart rauben, sie zu einer Horde geduldiger Sklaven eines unbeeinflußbaren Schicksals machen wollen. Unter denen, die der Entfaltung des nationalen Bewußtseins im Wege stehen, ist Jacob Schiff. Man beginnt, in Jacob Schiff, dem Wohltäter so vieler einzelner Juden, einen Gegner des jüdischen Volkes zu sehen. Nun beginnt Jacob Schiffs tragische Schuld: er erkennt allmählich, daß die jüdische Volksmasse mündig geworden ist, sich nicht mehr von einzelnen Persönlichkeiten, die dem Volke ihre Mitarbeit in der Gestalt eines Almosens darboten, gängeln lassen kann, daß es sich nicht mehr von ihnen gängeln lassen darf, wenn es die Achtung vor sich selbst behalten will. Er erkennt, daß nun an jeden einzelnen Juden die Aufgabe herangetreten ist, ein Diener seines Volkes zu werden, und daß auch er, Jacob Schiff, von seinem Herrensitz herabsteigen und — dank seiner großen Erfahrung und seines starken Einflusses — einer der ersten Diener des Volkes, des Volkswillens werden muß. Diese Aufgabe aber ist Jacob Schiff zu schwer, zu wenig steht sie im Einklang mit seinen aristokratischen Neigungen, zu gering ist seine Achtung vor dem Willen des Volkes. Anstatt das Volk selbst über seine Bestrebungen und Wünsche zu Rate zu ziehen, beginnt er stärker als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.