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Das jüdische Echo · 1916-08-11 · 32 (11.8.1916) · p. Seite 295

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
32 (11.8.1916)
Date
1916-08-11
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 32 Das Jüdische Echo 295 Feuilleton Kownoer Jüdische Skizzen. Von Hans Goslar. Theodor Herzls Bild. Seit nunmehr wohl neun Jahren trage ich ein kleines Medaillonbild Herzls in der Brieftasche, von dem ich mich auch im Felde nicht gern trennen mochte. Als ich noch an der Westfront weilte, hat wohl kein Auge außer dem meinigen mein kleines Herzl-Bild geschaut. Denn wir lagen in Wäldern und zerschossenen Dörfern, die auch in Friedenszeiten nur selten eines Juden Fuß betreten hat. Doch als ein freundliches Schicksal mich nach der alten ehrwürdigen Hochburg jüdischer Gottesgelahrheit, nach Kowno am anheimelnden Memelstrand verschlug,;da erlebte mein Bild seine Auferstehung. Wohl zwanzigmal geschah es, daß ich in einem jüdischen Laden mit dem alten runzeligen Krämer, der lebhaften Geschäftsfrau oder der naiv-koketten Tochter in ein Gespräch geriet. Dann zog ich das Medaillon heraus und zeigte es meinem Gegenüber. Warum ich das tat? Nun, als ich das erste Mal einem prächtigen Alten, der mein Judentum auf Grund meiner blonden Haarzier noch mißtrauisch bezweifelte, mit einem beweiskräftigen Argument dienen wollte, da schien sich wie kein zweites das Medaillon zu eignen. Und als der Alte nur einen Blick auf das Bild geworfen, da flüsterte er mit einer Stimme, die respektvolle Ehrfurcht fast melancholich-weich erscheinen ließ: „Oh, der Doktor Herzl!“ Und ich muß sagen: lange hat mir seelisch nichts so wohl getan, als diese scheue, fast zärtliche Ehrfurcht, die der alte Jude in den geflüsterten Namen Herzls hineinlegte. Es war, als spräche er von einem Könige. Wo auch immer ich später ins Gespräch kam, da reizte es mich, wieder einmal diesen Ton erklingen zu lassen. Und niemals, sei es von den Lippen eines jungen dunkeläugigen Mädchens oder von den runzeligen einer gebückten Alten, habe ich Herzls Namen anders nennen hören als in tiefster Ehrerbietung. Und unvergeßlich bleibt es mir, als ich einmal fragte: „Es scheint als kennt doch hier ein jeder Jude Herzls Bild auf den ersten Blick?“ und mir darauf die ganz ehrlich entrüstete Antwort wurde: „Nun, wie kann ein so großer und edler Mann jetzt wohl schon vergessen sein!“ In der Schul’. Viele Gotteshäuser haben die Juden Kownos. Da ist u. a. das alte große Beth-Hamidrasch, ein schöner Kuppelbau, mit einem großen Betraum und einer kleinen Stube für die Wochentage. In dem kleinen Raume wird es eigentlich nie leer. Ist doch die Betstube nicht nur für die Zeit des „Dawnens“ da, sondern auch der Ort, an dem man ein Stündchen miteinander plaudern und auch — ein Schläfchen machen kann. Da kommt der alte jüdische Maurer mit riesigem grauen Bart und einem Paar wunderbarer dunkler Augen voller Schwermut und scheuer Trauer ermüdet von harter Arbeit im bespritzten Werkelgewand zur Tiir herein, läßt sich schwer auf eine Bank fallen und schläft sofort ein. Neben ihm sitzt ein anderer Greis, ein kleiner Handwerker wohl, der sich öin wenig wärmen will und mit einem geduldigen Schmunzeln auf den Zügen das Herannahen der Stunde erwartet, da man das Mincho - Gebet spricht. In einer Ecke an der Wand sitzt, ebenfalls in dem tiefen Schlafe der schweren körperlichen Ermüdung versunken, ein reckenhaft gebauter graubärtiger Mann, den der lange blaue Pelzmantel und die im Schaftstiefel steckende Peitsche als Fuhrmann erkennen lassen. Zwei, drei Klein-Handwerker, Krämer, Teestubenbesitzer kommen herein, gestikulieren lebhaft, besprechen Familien- und allerlei andere Ereignisse, ein Gymnasiast in schwarzer Uniform, ein feiner blasser Junge mit nachtschwarzen, mandelförmigen Augen, ein paar kleine Jungens, die mit großer Wichtigkeit und Gelehrsamkeit sogleich in den riesigen Folianten zu blättern beginnen, die aufeespeichert auf den Fensterbänken liegen, das sind die Insassen des Raumes schon lange vor der Gebetzeit. Dann kommen mit schwerem Tritt und deutlichen Spuren der Arbeit immer neue Männergestalten hinzu, zumeist Arbeiter, Kutscher, Handwerker, Kramhändler, die meisten mit sorgendurchfurchten Gesichtern und einem Ausdruck in den Augen, den ich nicht anders nennen kann als ein Gemisch von Resignation, scheuer Furcht und Trauer. Kaum ein hellblickender, sorgenfreier Mensch zu sehen, -auch die kleinen, possierlich in ihren Schaftstiefeln einherschreitenden Jungen haben meist schon diese traurigen, gleichsam verschleierten Augen. Aber wenn daraus auch viel Trübes und Wehmütiges spricht, so doch auch viel Seelenwärme und Intelligenz. Ich sah einfache alte Handwerker und Trödler mit so abgrundtiefen, sprechenden Augen, daß sie denen eines Goethe- Bildes nicht an Ausdruck und Schönheit nachstanden. Nirgends sah ich eigentlich nichtssagende Augen wie die wasserblauen der Litauer, und es kam mir die alte jüdische Tradition in Erinnerung, nach der große Gelehrte und die vornehmsten Denker die schlichte Arbeit des Handwerkers auszuüben pflegten. Welche ungehobenen Schätze an Seelengröße und Intelligenz, an Willensstärke und Lebenskraft liegen in diesem Volke verborgen, das bis heute in der finsteren Russenzeit sein können und seine reichen Gaben zwangsweise in einer ewigen, entnervenden Defensive, in passiver Resistenz gegen Bestrebungen, die seine Individualität ersticken sollten, verausgaben mußte! — Nebenan in dem großen Saale ist tagsüber das Cheder. Ein uralter Melammed sitzt dort tagaus, tagein, er „lernt“ mit den althergebrachten wiegenden Bewegungen, ein langer, spitz zulaufender weißer Bart fällt ihm auf die Brust herab. An den Wänden die Schüler, blaß und engbrüstig, mit großem Ernst sitzen sie über riesige Bücher gebeugt und schauen nur für kui;ze Zeit verschüchtert auf zu dem fremden Soldaten, der ihnen zärtlich die kleinen, schon mit uraltem Wissen angefüllten Köpfe streichelt. Auf dem Kutschbock. Blaß und engbrüstig sind die kleinen Chederjungen und ich möchte sie am liebsten einmal für ein Jährchen tauschen lassen mit einem von den jungen Kutschern, die ich so oft sehe. Gleich in den ersten Tagen fuhr so ein 15—löjähriger kräftig gebauter jüdischer Junge peitschenknallend an mir vorüber. In seinem langen blauen Pelz, eine Krimmermütze verwegen auf dem Kopf gestülpt, saß er ein Bild jugendlicher Frische und Kraft stolz auf seinem Kutschbock und ließ die helle Freude an seinem schönen Wagen und seinem brav galoppierenden Pferdchen aus den dunklen Augen strahlen. Und er blieb nicht der einzige. Überall -sah ich sie, alte und junge, ja auch Greise, alles schön gebaute, muskulöse Gestalten, die selbstbewußt wie nur ein Wiener Fiaker auf ihrem Gespann thronten. Und

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