Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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292 Das Jüdische Echo Nr. 32 Henry Morgenthau erklärt denn auch in Wirklichkeit, daß er mit den türkischen Ministern verhandelt hat, das Palästinaproblem auf diese Weise zu ordnen, daß die Türkei an die zionistischen Vereinigungen die Territorien verkauft, welche diese wünschen, was der Regierung große Geldmittel verschaffen würde. Die türkische Regierung zögerte, darauf einzugehen, wurde aber von den Deutschen dazu gedrängt. Sie erörterte dennoch mit Morgenthau die näheren Einzelheiten bei der Abtretung. Sie wurden darüber einig, daß den zionistischen Vereinigungen Konzessionen eingeräumt würden in bezug auf Verbesserung der Wege, Errichtung von Hotels, Errichtung von Schulen und einer hebräischen Universität usw., sowie darüber, daß beim Friedensschlüsse eine kleine unabhängige Republik aufgerichtet werden soll, bestehend aus den Territorien, die von den zionistischen Vereinigungen erworben worden waren.“ Diesie Sensationsmeldung der Kopenhagener Zeitung aus Paris hat schon ihre Geschichte. Schon vor mehreren Wochen brachte die Londoner Times ein Telegramm ihres amerikanischen Korrespondenten über angebliche Reden des früheren amerikanischen Botschafters in Konstantinopel, der zwar nicht, wie die Meldungen angeben, ein organisierter Zionist ist, aber seine Sympathien für die jüdische Siedlung in Palästina und die zionistische Arbeit niemals verhehlt hat. (Wir veröffentlichen diese Meldung an deren Richtigkeit wir sofort Zweifel aussprachen. D. R.) Es ist bekannt, daß seine Beziehungen zur türkischen Regierung die denkbar besten waren, und daß er aus Konstantinopel keinesweg s „abberufen“ worden, sondern aus privaten, geschäftlichen Gründen von seinem Amt zurückgetreten ist. Die kurze Meldung der „Times“ ist seinerzeit von fast der gesamten englischen und französischen Presse wiedergegeben worden und auch in die Presse der neutralen Länder gekommen. Seit einiger Zeit macht sie ihre zweite Runde durch Europa. Am 17. Juli brachte die „Gazette de Lausanne“ unter dem Titel „La Palestine republique juive“ eine Meldung aus Paris über die angeblichen Verhandlungen Morgenthaus mit der türkischen Regierung, wobei übrigens der Besorgnis Ausdruck gegeben wurde, die Interessen der Entente könnten durch den amerikanischen Einfluß zu Schaden kommen. Nun ist die Meldung wieder über Paris zurück nach Kopenhagen gelangt und mit einigen anderen Details versehen worden. Es erübrigt sich, auf diese Einzelheiten einzugehen. Sie tragen deutlich genug den Stempel der Mystifikation. Denunzianten. Unserer Festnagelung einer unerhörten Denunziation möchten wir die sehr sachliche Kritik vorausschicken, welche die „F nankfurter Zeitung“ an den von englischer Seite ausgestreuten Sensationsmeldungen über eine angebliche jüdische Republik übt. Die „Frankfurter Zeitung“ schreibt: „Mit dieser sensationellen Nachricht soll ein Doppeltes erreicht werden. In erster Linie soll die Aufmerksamkeit der türkischen Staatsmänner auf die politischen Ziele der Zionisten gelenkt werden, um dann durch gewisse Verstimmungen Unzufriedenheit in bestimmten Kreisen hervorzurufen. Andererseits soll den amerikanischen und europäischen Juden damit gesagt werden, daß man in England mit einem solchen Projekt sympathisiere Als man nach Eintritt der I iirkei in den Krieg durch ähnliche tendenziöse Ausstreuungen in einem Teile der Ententepresse sich bemühte, den Patriotismus der Juden verdächtigen zu lassen, hat der Großrabbiner von Jerusalem in einer offiziellen Denkschrift feierlich erklärt, daß unter dem jüdischen Volke auch nicht der Schatten einer gegen die Hoheit des Vaterlandes [gerichtetem Strömung vorhanden ist. Es handelt sich somit auch in diesem Falle uni nichts anderes als um einen tendenziösen Bluff.“ Dies schreibt eine deutsche Tageszeitung. Die „Allgemeine Zeitung des Judentum s“, das Organ des Herrn Geheimrat Ludwig Geiger, nimmt die gleiche Kunde mit folgendem Kommentar auf: „Wir haben häufig genug unserer Meinung Ausdruck gegeben, daß wir die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina, ob Republik oder Monarchie, für ein großes Unglück halten, gleichviel ob dadurch der Plan verfolgt wird, sämtliche Juden Europas allmählich in dieses Reich zu transportieren, oder ob nur die dort bereits wohnenden und freiwillig dorthin übersiedelten Juden zu einem staatlichen Gemeinwesen zusammengeschlossen werden sollen. Wir können nicht glauben, daß die türkische Regierung zur Ausführung einer solchen Idee ihre Hand bieten kann. Denn sie würde sich dadurch unübersehbare Schwierigkeiten bereiten. Indessen überlassen wir diese Sorge der türkischen Regierung. Was wir bekämpfen, ist der Gedanke eines jüdischen Staates überhaupt. Wir würden darin ein ungeheueres Unglück sehen, weil damit die antisemitischen Gedanken in den europäischen Staaten nur neue Nahrung erhalten würden, ferner weil dadurch der von uns immer bekämpfte national-jüdische Standpunkt eine ungeahnte Stärkung erhalten würde, und endlich, weil ein solcher immerhin kleiner jüdischer Staat den Keim namenlosen Unglücks für unsere in Palästina wohnenden Glaubensbrüder in sich tragen müßte. Deutschland kann kein Interesse daran haben mit einem solch schwachen Staate sich zu verbinden. Kommen daher wieder einmal ruhige Zeiten, so würde ein solcher Staat vermutlich, von England und Frankreich beeinflußt, wider Deutschland gehetzt werden, und zu unseren zahlreichen Feinden, d. h. zu den Feinden des Deutschtums, würde sich ein neues Gemeinwesen gesellen. Aber wir sehen in dieser Beziehung ruhig der Zukunft entgegen. Ein solches jüdisches Staatswesen ist und bleibt ein utopistisches Gebilde, an dessen Verwirklichung wir hoffentlich in absehbarer Zeit nicht zu glauben brauchen.“ Also: Die Allgemeine Zeitung des Judentums“ sieht die seit Jahrtausenden erhellte Rückkehr der Juden nach Palästina als ein Unglück an. Die „Allgemeine Zeitung des Jude!.1 t.u rn s‘‘» der es bekannt ist, daß heute in I alästina lausende von Juden leben, die vom Wohlwollen der türkischen Regierung abhängig sind, macht die türkische Regierung auf die uniibei sehbaren Schwierigkeiten aufmerksam, die mi aus einem jüdischen Gemeinwesen in Palästina erwachsen können, Die „A J1 g e m e i n e Zeit u n g des Judentums“ kann sich ein jüdisches staatliches uemeinwesen nur in einer solchen Form vorstellen, daß es den Antisemitismus in Europa stärken würde.