Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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290 Das Jüdische Echo Nr. 32 täten besser, an die Abstellung der Mängel in unseren Gemeinden zu schreiten, als uns über den Austritt der wurmstichigen Elemente zu freuen. Das Judentum ist keine Einrichtung, deren Mitglieder sich mit einigen Fetzen jüdischen Wissens, mit ein paar Stunden Festgottesdienstes, mit der Zugehörigkeit zum Verein gegen Wanderbettelei und einer 3 Markspende für die Ferienkolonie schwindsüchtiger Kinder begnügen können. Das Judentum, das als Hochburg des sozia^ len Schaffens früher andere Gemeinschaften überragte, kann nicht länger im Zustande des Zerfalls belassen werden. Man sage nicht, das bayerische Judentum habe keine Bevökerungsklasse, die in ihrer Wesenheit der ökonomischen Führung bedarf. Ich erinnere nur an das große Kontiingent jüdischelr Viehhändler, die durch die veränderte Zeit, aber nicht minder durch die Juden oder durch die konfessionelle Exklusivität der bäuerischen Genossenschaft in ihrer Existenz untergraben worden sind und der führenden Hand bedürfen. Stellenweise vermochten sich ihre Kinder iw den freien Handel zu retten, an vielen Orten wußten sie sich nur durch die Auswanderung nach Amerika vor dem Untergang zu schützen, viefach aber konnten sie sich gar nicht helfen. Die jüdische Gemeinschaft als solche hat diese Dinge in ihrer Tiefe und Bedeutung nie erfaßt. Oder denken wir an die Siedelung der Ausländer, an ihr Schicksal und das ihrer Kinder! Es ist leicht darüber zu raisonnieren, wenn sie sich Erwerbszweigen zuwenden, die keine gesunde Basis besitzen. Einige Logen versuchten auf dem Gebiete der Einwandererfürsorge einzugreifen. Aber ihre Macht und ihre Mittel sind beschränkt. Solange die Allgemeinheit nicht zum Bewußtsein ihrer Pflicht erwacht, kann auf dem Gebiete der ökonomischen Fürsorge nur Stückwerk geleistet werden, etwa eine Organisation für Beschaffung von Brennholz für Arme. Die soziale Verfassung und der soziale Zustand des Ghettos, welche den einzelnen Mitgliedern stets wirtschaftliche Unterstützung sicherten, welche z. B. die Ausstattung der heiratsfähigen, unbemittelten Töchter und vieles andere gewährleisteten, ist gegenüber den sozialen Verdiensten der westpreußischen jüdischen Kultusgemeinden eine viel bessere gewesen. Daß die Juden trotz aller Schranken, die sich ihnen entgegenstellten, in der Mehrheit zu wirtschaftlichem Wohlstand gelangten, ist eben nur ihrer traditionellen Tüchtigkeit zu verdanken. „Das Blut der Ahnen schreibt dem Enkel die Bahnen.“ Wo aber eine gewisse Stufe erreicht ist, wird die Zugehörigkeit zum Judentum ein fast unüberwindliches Hemmnis zu weiterem Aufstieg auf der gesellschaftlichen Leiter. Neben dem Kampf f ii r flj II den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel Königshof) München einzelne Gemeindemitglieder und gewisse gehobene Stellungen im Staate steht unsere allgemeine popularistische Aufgabe: die soziale Fürsorge für die Massen. Man denke ja nicht, daß es kein jüdisches Proletariat und keine jüdisch-soziale Arbeit für dieses Proletariat gibt. Dieses muß sich heute notgedrungen an die sozialistische Organisation anlehnen, die tatsächlich großes für sie leistet, während z. B. unsere Arbeitsnachweise (auch nur privater Fürsorge entstanden) so unzulänglich sind, daß — wie ich durch Beispiele belegen kann — man dabei verhungern kann. Der jüdische Proletarier hat am jüdischen Bourgois de facto keinen Bruder und Freund mehr. Ich resümiere: E i n e j ii d i, s c h e Gern e i n d e o r g a n i s a t i o n ohne tatkräftige soziale Tendenzen hat ihre eigentlichen ethischen und religiösen Aufgaben verkannt. Durch den Verzicht auf gemeinsame ökonomische Arbeit überlassen wir unsere Gemeinschaft dem Zerfall und den Widerständen anderer Organisationen. Geist und Körper lassen sich nicht willkürlich scheiden. Der Leib, dem wir entsprossen, muß uns ebenso unsere geistige und sittliche wie auch unsere wirtschaftliche Existenz sichern können. Das Judentum ist eine hohe sittlicheXebensgemeinschaft (siehe u. a. auch Speisegesetze, Ehegebote, Brith Mileh usw.). Es als metaphysische Betgenossenschaft zu organisieren, war der größte historische Denkfehler, den man begehen konnte. Der moralische Dienstzwang in England. Die englandfreundliche Zeitung „Verdensgang“ macht aufsehenerregende Veröffentlichungen über die Behandlung russischer politischer Flüchtlinge und Juden, die sich seit Jahren in England aufgehalten hatten und dort ein sicheres Nest gefunden zu haben glaubten. Danach hat die englische Behörde von 300 000 Flüchtlingen, die allein in London sich befanden, 25 Oüü Juden ausgewählt und sie vor die Wahl gestellt, entweder nach Flandern als Soldaten zu gehen oder an Rußland /ausgeliefert zu werden. Diese 25 000 stehen, wie ein glücklich entkommener Flüchtling im „Verdensgang“ erzählt, Tag und Nacht unter polizeilicher Bewachung. Die politischen Flüchtlinge würden jedoch kaum nach Flandern, sondern, wie bereits begonnen, an die russische Knute oder an den Galgen ausgeliefert. Rußland schlage so 2 Fliegen mit einer Klappe. Es erhalte 25 000 verhaßte Juden als Kanonenfutter und die jungen russischen Akademiker ausgeliefert, die zu lausenden aus politischen Gründen Rußland den Rücken gekehrt haben. Diesen würden an der Front sicher Uriasposten gegeben, um sie so schnell los zu werden. Noch wahrscheinlicher sei jedoch, daß man sie sofort an den Galgen knüpfen oder . nach Sibirien senden werde. Mit Maxim Gorki wäre sicherlich ein Gleiches geschehen, wenn man nicht Europa fürchtete. Alle die jungen Menschen, die man jetzt aus London gewaltsam Rußland in die Arme treibe: Studenten, Julisten, Ingenieure, Schriftsteller und die Juden, die schon zu Friedenszeiten in Rußland wie in einer Hölle lebten, seien jetzt mit einem Male gut genug, für Rußland in den Kampf eu gehen wie Negersklaven. Man bringe sie in London an Bord von Segelschiffen und werfe sie in Ladungsräume. Die Schiffe fahren direkt nach Archangelsk und