Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den V erlag — Bezugspreis: Yiertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M.4.—, Einzelnummer 10 Pf. — Y erlag des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, /Inzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 32 München / 3. Jahrgang 11. Äugust 1916 Von Bayerns Judennöten.*) 4. Das sozial-ökonomische Manko der Gemeinden. Von Felix A. T h e i 1 h a b e r (im Felde). „Die Juden, ein Volk geboren zur Sklaverei — wie Tacitus und die ganze antike Welt sagt; das auserwählte Volk unter (dien Völkeim wie .siel selbst sagen und glauben — die Juden haben jenes Wunderstück der Umkehrung zustande gebracht, dank welchem das Leben auf der Erde für ein paar Jahrtausende einen neuen und gefährlichen Reiz erhalten hat; — ihre Propheten haben ,reich*, gewalttätig*, ,sinnlich* in eins verschmolzen und zum erstenmal das Wort .Weit* zum Schandwort gemünzt. In dieser Umkehrung der Werte (zu der es gehört das Wort ,arm* als synomym mit .heilig* und .Freund* zu gebrauchen), liegt die Bedeutung des jüdischen Volkes“. Nietzsche kennzeichnet mit diesen Worten die starke ethische Wertung, die der Jude den sozialen Problemen gab; er fühlt, wie erstmalig und gewaltig ein System der Sozialpolitik einem Volke zu eigen wird. Selbst in den abgesplitterten Partikeln des Volkes wirkt diese soziale Tendenz. Die Nachkommen der Mendelsohn, Rießer — längst getauft — sind darin noch stark erblich belastet. Dies Motiv treibt den Juden in die radikalen Parteien. Selbst der jüdische Vertreter der Geldmacht erkennt seine Pflichten gegen die jüdische soziale Gemeinschaft. Deutsche Millionäre wie Krupp, Stinnes, Thyssen haben auch ihre Verdienste für die Versorgung ihrer eigenen Arbeiter — darüber hinaus erlischt das soziale Interesse. Die Millionäre der Juden, die Rothschild, Hirsch, die Schiff, Strauß e tutti quanti fassen ihre soziale Pflicht weitherziger auf. Und man vergleiche mit den vielgelästerten jüdischen Kaufleuten das soziale Pflichtbewußtsein der Morgan, Astor, Rockefeller, Gould. Dieser soziale Sinn der Juden sollte unseren Gemeinden ihr Gepräge geben. Statt dessen sehen wir, daß das große Gebäude unserer Gemeinschaft kein Eckstein unseres Lebens mehr ist; die jüdische Gemeinde ist in ihrer heutigen Stellung stark beeinflußt von der christlichen Religionsgemeinschaft. Die praktisch-ethische Lebensgemeinschaft der Juden wurde vielfach zu einem Kultusverein mit Prunktempeln, anspruchsvollen Gottesdiensten, Orgelaufführungen mit Gesangseinlagen und mit akademisch approbierten geistlichen *) Vergl. Nr. 15, 18, 26 des „Jüd. Echos“. Räten. Die Verwaltung wurde an vielen Orten zu einer verknöcherten Bürokratie. Das Judentum wurde aus einer sozialen und kulturellen Volksgemeinschaft in eine metaphysische Philosophie verwandelt. Aber obwohl die Existenz des Volkes geleugnet, gelinde gesagt, übersehen wurde, blieb das Volk doch bestehen. Nicht nur die Pogrome des Ostens weckten die Erinnerung an den nationalen Zusammenhang; auch im Westen — bei uns — konnte die Vogel-Strauß- Politik unser körperliches Dasein nicht verschwinden lassen. Nur verschloß man die Augen vor der Tatsache, daß Massen von Juden auf dem Lande durch antisemitische Politik verdrängt wurden. Am stärksten in Posen und allen Provinzen des östlichen Preußens. Aber auch in Bayern. Nicht ganz zufällig entvölkerte sich das jüdische Unterfranken. Der christliche Bauernbund, die katholischen Bauerngenossenschaften usw. gingen dem jüdischen Mittler zu Leibe. Es kamen einzelne Verordnungen, die sich offen gegen die Juden richteten, nicht nur die kleinen Leute, z. B. die Güterhändler (die Staatsentschließungen dürften darüber noch in Erinnerung sein), sondern z. B. bei den Justizbehörden, wo der Justizminister offen Front gegen die jüdischen Anwärter machte. Der organisierte und der vereinzelte antisemische Angriff fand bei uns keinen geschlossenen Widerstand. Selbst die soziale Fürsorge der jüdischen Gemeinden war auf das notdürftigste beschränkt. Nur der völlig Verarmte konnte auf ein Almosen rechnen. Die Aufgabe, die Menschen nicht erst bis zur Verarmung kommen zu lassen, lag außerhalb des Rahmens der jüdischen Gemeindetätigkeit. E)as soziale Interesse in den jüdischen Gemeinden ist bis zum äußersten Tiefstand gesunken. Keiner, der für sein Judentum in seinem Beruf Zurücksetzung, Haß und Konkurrenz fand, konnte auf das Judentum seiner Gemeinschaft rechnen. Und die Folgen unserer heutigen Gemeindepolitik? Der aus der Leugnung einer Blutsgemeinschaft entstehende Mangel einer sozialen Organisation führt zur ständig fortschreitenden Lockerung der) jüdischen Gemeinschaftsbande. Schwache Naturen, die innerhalb der Gemeinde keinen persönlichen Schutz fanden, treten aus dieser Gemeinde aus. Danach aber ist bis zur Mischehe und zum Übertritt in eine andere Kirche nur noch ein kleiner Schritt. Keine Partei denkt daran, sich beim Abfall einer größeren Zahl von Mitgliedern mit dem Gedanken zu trösten, daß dieser Abfall die Minderwertigkeit der Austretenden beweise. Der Rückgang jedes Geschäftes, jeder Organisation, jedes Staates zeigt, daß in ihnen etwas „faul“ ist. Wir