Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 31 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- Seite 287 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102942-9138046--00964-9073790- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 31 Das Jüdische Echo 287 Interessen. Er arbeitet für sich, will Palästina zur Heimat wiedergewinnen. Er smht daß er dieses nur unter türkischem Schutz vollbringen kann. Er bringt aus Europa ein größeres Verständnis für den Staat und seine Einrichtungen mit, als es z. B. die primitive arabische Bevölkerung besitzt. Je freier die Türkei die jüdische Kolonisation behandelt, desto fester wird diese in Palästina und somit in der Türkei Wurzel schlagen. Die Juden sind im Laufe ihrer Geschichte bekanntlich durch Staatshilfe nicht verwöhnt worden. Könnte die Türkei sich entschließen, sie gut zu behandeln, ja sogar ihnen zur Erreichung ihres ersehnten Zieles zu verhelfen, so wird Dankbarkeit und Treue der Lohn sein. Gerade in Palästina wird den Juden der ihnen so häufig anhaftende Zug von Internationalismus verloren gehen. Ist doch dieser Internationalismus, diese Heimatlosigkeit, wohl in der Hauptsache auf ihre soziale Schichtung zurückzuführen, deren Umwälzung ja ein Hauptziel der jüdischen Kolonisation ist. Auf der national-jüdischen und hebräischen Bewegung ist die ganze Kolonisation Palästinas aufgebaut. Sie muß geachtet werden. Weder darf die Türkei sie unterbinden, noch dürfen wir verlangen, daß die Juden ausschließlich als Vorkämpfer für deutsche Wirtschaft und Sprache auftreten, denn nur so wird Palästina mit jüdischer Hilfe für uns ein sicheres Absatzgebiet unseres Handels und unserer Industrie, für die Türkei eine blühende Provinz, dlie in bedeutender Weise zur Kräftigung des türkischen Reiches beiträgt, und für die Juden selbst wieder zur Heimat.“ Feuilleton Bücher. Von Ä w r o h o m R e i s i n. Deutsch von Alexander E 1 i a s b e r g. Note Scheikes, ein nicht unvermögender Hausbesitzer, der teils vom Geldverleihen und teils vom Schnittwarengeschäft lebte, das seiner Erau gehörte, kam zufrieden und guter Dinge aus der Schul heim. Nach dem Beten hatte er heute einen Disput mit dem Rabbiner gehabt; der Rabbiner hielt hartnäckig an seiner Ansicht fest, doch Note Schaükes gehört nicht zu den Leuten, die so leicht nachgeben: und er blieb auch wirklich Sieger, nachdem er den Rabbiner mit einem Talmudzitat endgültig widerlegt hatte ... Seinem Weibe Slate kann er aber von diesem Sieg nichts erzählen: denn erstens — was \ersteht eine Frau von solchen Dingen? Und zweitens ist heute Freitag, und sie ist darum ganz mit Vorbereitungen zum Sabbat beschäftigt. Das Schnittwarengeschäft wird inzwischen auch nicht vernachlässigt: im Laden sitzt ein angestelltes Mädel. „So spät?“ wendet sie sich an ihren Mann. „Ach!“ sagt er und winkt mit der^ Hand ab. „Decke schon den Tisch!“ sagt Slate zu dei Uteren Tochter Golde, die mit gekrümmtem Kicken sitzt und Kartoffeln zum Sabbat schabt, ■'olange Slate einen eigenen Haushalt hat, gibt s >ei ihr zu jeder Sabbatmahlzeit geschabte Kai- "Golde deckt den Tisch, legt ein sraii-wei!Ses Jrot hin, Note wäscht sich die Hände bricht sich :in Stück Brot ab und spricht darüber den Selensspruch. Dann geht er zu seinem große, Bücherschrank, nimmt einen Band mit dem ite „Der Freund des Glaubens“ heraus, setzt sich damit an den Tisch, kaut seinen Bissen Brot und schaut dabei ins Buch. Das ist schon einmal seine Gewohnheit: wenn «er ißt, muß er immer etwas lesen; sonst schmeckt ihm das Essen nicht. Während er im Bande blättert, merkt er, daß die Seiten stellenweise so dicht mit Staub bedc;kl sind, daß man die Buchstaben kaum entziffern kann; auch riecht das Buch so merkwürdig dumpf. „Die Bücher sind schon lange nicht gelüftet worden!“ sagt er sich vorwurfsvoll. „Heut ist ja ein schöner Tag, es geht auch ein Wind, — also will ich sie gleich ausliiften lassen.“ Nach dem Essen verkündet er seinen Beschluß: „Kinder!“ ruft er freudig aus: „Helft mir die Bücher zum Lüften hinaustragen!“ Die Bücher auslüften! klingt es sofort durch das Haus, und es beginnt ein Rennen und Hasten, wie in der Kaserne, wenn es heißt, daß der Divisionsarzt zur Besichtigung kommen wird. Es geht aber noch lustiger und lebhafter als in der Kaserne zu . . . „Vater!“ schreit das jüngste Söhnchen Ahron: „Man muß doch eine Bank in den Hof hinaustragen, um die Bücher draufzulegen, was?“ „Gewiß!“ sagt Note zustimmend, und streichelt sich dabei den Bart. „Hennele!“ kommandiert Ahron seinem jüngeren Schwesterchen: „komm, hilf mir, die Bank hinaustragen: Vater will die Bücher ausliiften.“ Und die beiden Kinder schleppen mit großem Eifer die Bank; unterwegs werfen sie den langen, krummen Schürhaken um, und dieser fällt Slate auf den Fuß. Doch sie wird gar nicht böse, denn ihr Herz ist mit Ehrfurcht vor der nun beginnenden heiligen Handlung erfüllt . . . Sie wagt nicht, auch nur ein Wort zu sagen . . . Der Vater geht mit den Kindern in den Hof, zeigt ihnen, wo sie die Bank hinstellen sollen, und schickt sie wieder ins Haus, um die Bücher zu holen. Die Kinder beginnen nun die leinengebundenen Bände einer vollständigen Talmudausgabe hinauszutiagen. „Nehmt nicht zu viel auf einmal'“ sagt ihnen der Vater, „sonst werdet ihr schnell müde!“ „Macht nichts!“ entgegnet lustig Ahron. „Hennele, komm nach!“ Note legt nun die Bände auf die lange Bank nebeneinander, so daß der Wind sie abe bestreichen kann. Der Wind verrichtet die ihm zngewiesene heilige Arbeit mit großem Eifer: er wendet die Folioblätter hin und her und scheint von Wißbegier beseelt zu sein: eben erst war er beim Kapitel 1, und im nächsten Augenblick ist er schon bei Kapitel 3 angelangt; plötzlich bekommt er Lust, den ganzen Talmud auf einmal durchzunehmen und wendet alle Blätter gleichzeitig um . . . Ahron und Hennele bringen indessen immer neue Bände herbei: den „Gedeckten Tisch“, die „Grenzmauer“ und dem „Honigseim“; und der Wind studiert sie alle mit dem gleichen Eifer und wendet schnell ein Blatt nach dem andern um, während Note stolz zusieht. „Noch! Noch mehr!“ befiehlt er den Kindern. „Ich weiß!“ keucht Ahron, der vor großer Arbeit kaum atmen kann: „Es ist noch eine Menge da: noch ganze dtlei Regale! Komm Hennele, wir wollen noch eine Bank bringen.“ Und die Kinder bringen noch eine Bank herbei,