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Das jüdische Echo · 1916-08-04 · 31 (4.8.1916) · p. Seite 282

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
31 (4.8.1916)
Date
1916-08-04
Page
Seite 282 (sequence 2)
Language
German
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282 Das Jüdische Echo Nr. Bl Wurzeln ihres Wesens dem Ghettojuden verbunden ist, und so den Charakter eines Übergangsgeschlechtes trägt. Alle Kennzeichen desselben, der Sehnsucht und der Sicherheit und Geschlossenheit der Vergangenheit, des alten überwundenen Stadiums, die Unsicherheit innerhalb der neuen Sphäre, die Zerrissenheit und Dualität ihrer Seele, all das hat in Perez einen Darsteller von unvergleichlicher Kraft und Tiefe gefunden. Da aber dies ja das letzte und notwendige Schicksal alles Golusjudentums ist, aus dem Ghetto herauszukommen, ohne doch in den fremden Kulturen ganz bodenständig zu werden, so hat Perez durch die Darstellung der Zerrissenheit des modernen Ostjudentums in Wahrheit die tiefste innere Not des' Golus überhaupt verewigt und ist so zum großen Dichter der Golustragik geworden. Hier ruht seine bleibende Bedeutung für die jüdische Kultur. Auch Scholaum-Aleichems Werk betrifft im Grunde dasselbe Darstellungsobjekt wie dasjenige von Perez. Auch er ist der Schilderer dieser ostjüdischen Übergangsgeneration, die aus dem Ghetto heraus ist und krampfhaft danach strebt, sich in der neuen europäischen Welt zurechtzufinden und einzuordnen. Aber die Art seiner Darstellung, seiner Auffassung, seines Blickes, mit dem er diesen Prozeß sieht, ist ganz anders als diejenige von Perez, ja gerade die entgegengesetzte. Jener sah diesen Entwurzelungsprozeß in seinem tragischen Aspekt, dieser in seinem komischen. Beide Auffassungsweisen sind berechtigt. Denn der Übergangsmensch ist ja stets ebensosehr ein tragischer wie ein komischer Typus; tragisch in der Zerrissenheit des Entwurzelten, in der Sehnsucht und Hilflosigkeit des Schwachen, in der Luft Schwebenden; komisch aber in der Hast und Kopflosigkeit des Fremden, der sich zurechtfinden will in der rastlosen Geschäftigkeit und Manierlosigkeit desWurzellosen. Es ist eigentlich derselbe Mensch, der uns in Perez’ Schriften so erschüttert, und in Scholaum-Aleichems Romanen so sehr zum Lachen fortreißt. Und erst in dieser Doppelseitigkeit, gesehen zugleich durch Perez’ und Scholaum-Aleichems Auge, erfaßt man ihn ganz in seinem wahren und innersten Wesen; das eben 'tra g i k o in ii>s c h ist. Und was wir von Perez vorhin sagten, daß er in der Darstellung der Tragik und Zerrissenheit des modernen Ostjuden in Wahrheit den Golusjuden überhaupt geschildert hat, dies gilt ebenso von Scholaum-Aleichem. Der komische, in allem' so lächerliche und im Grunde doch so tragische Mensch seiner Romane ist in der äußeren Erscheinungsform des Ostjuden der letzten Generation eigentlich der Golusjude schlechthin. Denn auch dessen Wesen ist ja im letzten Grunde tragikomisch. So gesehen, bedeutet aber Scholaum-Aleichem einen Fortschritt gegenüber Perez, nicht etwa in künstlerischer Hinsicht — sie sind zu Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel Königshof) verschiedene Individualitäten, als daß ihre Vergleichung vom rein künstlerischen Standpunkt überhaupt möglich wäre — sondern im Sinne des inneren Entwicklungsganges des indischen Volkes aus dem Golus heraus zur Überwindung desselben. Scholaum-Aleichems Humor ist der erste Versuch zu dieser Überwindung. Hierin ruht der letzte, höchste Sinn seines Humors; er ist das Mittel, die Not des Golus zu ertragen und zu überwinden, indem man sie humoristisch sieht und wertet; denn ein Ding lächerlich machen, heißt ihm ja stets seinen Giftstachel rauben. Hätte das Golusjudentum nur den tragischen Blick Perez’ besessen, es hätte sein Schicksal nicht ertragen und überdauern können; daß es auch das humoristische Auge Scholaum-Aleichems hatte, das hat es erhalten und gerettet. Mag Perez’ Anschauung die tiefere sein, diejenige Scholaum- Aleichems ist die höhere, überlegenere. Vielleicht ist Perez wahrer, stärker ist Scholaum-Aleichem. Will man im Golus das Golusschicksal erträglich und überwindbar machen, so muß man den Bahnen folgen, die der große heroische Lacher gewiesen hat. Aber dennoch bleibt sein Weg nur ein Anfang, seine Methode nur ein Versuch, sein System nur ein Notmittel, ein Surrogat. Wahrhaft überwinden kann man den Golus auch durch Scholaum Aleichems Humor nicht. Denn dieser Humor ist nicht das wahrhaft überwindende Lächeln des Weisen, der die Dinge gekostet und sie als schal befunden, sondern die resignatorische, skeptische Geste des notgedrungen Verzichtenden, der die Dinge belacht, weil er weiß, daß sie ihm unerreichbar sind. Es steckt zuviel Bitternis und Galle in diesem Humor —• der ja drum so oft und so leicht Spott und giftige Ironie wird — als daß er wahrhaft befreiend und erlösend wirken könnte. Im höchsten Sinne versagt auch er, muß er versagen, weil im Golus selbst eben keine Erlösung vom Golus möglich ist. Es ist für mich durchaus kein Zufall, daß Scholaum-Aleichem in diesem Kriege, der furchtbarsten Krise, die das Golusjudentum je durchlebt hat, gestorben ist; in diesen Monaten, die das Tragische unseres Golusschicksals in solch unverhüllter Entsetzlichkeit offenbart haben wie nie zuvor eine Epoche in unserer Diasporageschichte. Es kann kein Zweifel bestehen, daß der Jammer dieser Zeit, das namenlose Elend, das der Krieg dem russischen Judentum gebracht hat, mit eine der Ursachen war, die Scholaum-Aleichem innerlich gebrochen und daniedergeworfen haben. Angesichts der Not dieser Jage half ihm auch sein Humor nicht mehr; als er von den Tausenden jüdischer Frauen, Kindern und Greisen las, die man wochenlang ohne I rank und Speise in zugesiegelten Viehwagen transportierte, da konnte ihm auch sein Lachen keinen Trost mehr geben. Und so starb er. Diese furchtbarste Offenbarung des Golus brach ihn, üer den Weg weisen wollte zur Überwindung des Golus im Golus. So ist sein Werk der Schwanensang des jüdischen Golushumors, und er selbst dei letzte fahrende Sänger des jüdischen Goluslachens. Und sein Tod bedeutet so etwas wie den inneren Bankerott dieses Systems der Golusliberwindung, das dieser Humor ja letzten Endes darstellt, und die endgültige Bekräftigung der Erkenntnis, daß im Golus die Überwindung des Gohis nicht möglich ist. Und in diesen Wochen, da Perez’ Todestag sich jahrt, und Scholaum-Aleichems Tod uns erschiit-

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