Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 30 (28.7.1916)
- Date
- 1916-07-28
- Page
- Seite 279 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 Das Jüdische Echo m Stadt, dieser Name unter vielen hundert Tafeln und Aufschriften zuerst auffällt. Als ich eines Abends über den Hauptplatz von Bayreuth spazierte, schimmerte mir, vom Silberslanze des Mondscheines übergossen, vor allem der trauliche Kolm entgegen. Wo ich immer herumkomme, es läßt mich nicht ruhen, bis ich mir nicht wenigstens einen Kolm für meine Sammlung an die Nadel gespießt habe. Verstimmt durchwanderte ich im letzten Sommer die letzten Straßen von Stuttgart. Ich mochte nach allen Seiten hin auslugen, so scharf ich nur immer konnte, ich fand keinen Kohn. Was sollen mir die Bildergalerie des Königsschlosses und die orientalischen Wunder der Wilhelma! Was frommt mir der Stolz der schwäbischen Küche, das köstliche Gericht der Spätzle mit Sauerkraut! Was habe ich mit den schwarzen Schwänen auf dem Teiche des Parkes, was mit dem fliegenden Riesenengel, dem Perpendikel der Rathausuhr, was mit den sonstigen Sehenswürdigkeiten der schwäbischen Residenz, zu schaffen. Ich brauche meinen Kohn, und kann ich einen Kohn finden, dann: viam diemque perdidi! Der unerbittliche Onkel, der ewige Baedeker, lenkte meine Schritte nach dem alten Schlosse. Dort sollte ich in der Kapelle das Altarbild, Werk des großen Klappermann, bewundern und mit schuldiger Ehrfurcht die vorderste Bank anstaunen, in welcher — nach Varnhagen — die allerhöchsten Herrschaften dem Höchsten ihr Dankesopfer darbringen ... Da — im Dunkel des Torweges leuchtet mir vor einer kleinen Tür ein Täfelchen mit der Aufschrift in güldenen Lettern entgegen: Sebaldus Trauhold Köhnlein, K. Kellermeister. Nun hatte ich endlich meinen Kohn, wenn er auch nur ein Diminutivum war. Befriedigt spießte ich ihn zu den anderen . In Darmstadt vermochte ich mir nur ein einziges Stück aufzutreiben, und auch dieses war ein schwächliches Exemplar, seines Zeichens ein Hausierer. Selbstverständlich prangte sein Name nicht auf einer Firmatafel; ich mußte ihn mühselig aus dem Adressenbuche zutage fördern. Er pflegte am „Langen Tage“ über den reichen Bankier Oppenheim den Segen zu sprechen. Der Hirte in den Schwarzen Bergen ist am Ende auch ein Knez, und mancher Irländer, der kaum satt zu essen hat, stammt aus fürstlichem Gebliite. Was will der urälteste ungarische Adel unserer Kölcfeys und Scemeres besagen gegen den altjüdischen Adel eines Kohn? Heutzutage freilich ist gleich dem Knez und dem Laird auch der Kohn niedergegangen. Seine Ahnherren haben ihrerzeit nicht durch Fideikommisse vorgesorgt. Was war dieses Geschlecht in den Tagen der heiligen Vorzeit! Sie waren die Aristokratie des auserwählten Volkes Gottes; sie waren die mächtige Klasse der Oberhirten, der Minister und Satrapen, durch gemeinsames Interesse und feste Disziplin davor gefeit, daß andere Bresche legen in ihre stramm gefügten Reihen. Da lag vor Jahren der alte Herr von S — r. im Sterben. Ein alter Jude begehrt Einlaß bei ihm, um ihn durch seinen Segen zu stärken und zu prüfen. War er doch ein „Koben“. Der todkranke Nabob laßt sich denn auch „benschen“, kann aber folgende Bemerkung nicht unterdrücken: „Sie sind also ein Hohepriester? Ich habe alleweil gemeint, Sie wären ein Eieckputzer!!“ Darauf die Antwort des renipelfiirsten: „Eieckputzer bin ich auch.“ Fürwahr, große Herren waren sie! Ist doch die Verwandtschaft zwischen dem persischen Khan und dem hebräischen Kohn eine augenfällige. Und wenn ein Kohn auf den hohepriesterlichen Thron der Olmiitzer Diözese berufen und gewählt wurde, so steht der späte Enkel nicht höher, als einer seiner Ahnen stand, der vor 3000 Jahren Erzbischof in Juda war. Darum, wenn auch in alle Welt zersprengt und zerstreut, gebeugt und mit Füßen getreten, ungebrochen besteht das alte Geschlecht, aufrecht heute wie ehedem. Der grausame Hohn fand den Kohn in jedem semitischen Antlitz, ja selbst in der überhängenden, flach gedrückten Nase des Hammels; er erblickte das Abbild seiner Beine in jedem Säbel und in jeder gebogenen Latte. Er las seinen Namen in alle alten und neuen Idiome hinein und scheuchte die Menge von den Repertorien des universellen Wissens mit dem Witze zurück: dieselben seien Kohn hinten und vorne, nämlich Konversations-Lexikon und der Wiener Journalistenverein mache seinem Namen alle Ehre: Er sei eine wahre Cohncordia. Es war der Witzeleien kein Ende und ist’s noch nicht bis auf den heutigen Tag. Der ewige Kohn. Denn Kohn duldet, Kohn ist zäh. Auf Kohn hagelt es seit tausend Jahren und darüber Hieb und Schlag; und weil er unter ihrer Wucht nicht zusammenbricht, härten und stählen, läutern und kräftigen sie ihn. Sankt Darwin ist sein Schutzheiliger. Ei Kohn, du Jude du! Magst dich nicht magyarisieren, gelt? Unser Kohn rafft sich auf und nimmt einen magyarischen Namen an. Doch das ist das wenigste; ja, das ist so gut wie garnichts. Kohn wird Magyare an Geist und an der Zunge, er verlegt sich auf Sprachforschung, er verfaßt die anerkannt beste ungarische Grammatik, er schreibt Theaterstücke und Verse voll glänzender Poesie; Werke, wie sie bisher kein Rumäne und kein Siebenbürger Sachse, kein Schwabe des Alföld, kein Ruthene, kein Kroate und kein Slovake in magyarischer Sprache geschaffen hat. Ei, du säbelbeiniger Kohn, du Feigling du! Mit dir sollen wir in der Zivilehe unser Blut vermengen?! . . . Und Kohn eilt auf den Turnplatz und trainiert seine schwammigen Muskeln zur Härte des Stahles; er lernt schießen wie ein Mr. Paine; er erscheint auf allen Fechtböden und Mensuren und kreuzt seine Klinge mit jenen der gefürchtetsten Raufbolde. Aus dem Revolverjournalisten ist ein Säbeljournalist geworden. Vor kurzem standen in zwei verschiedenen Spalten einer und derselben Zeitung zwei JBerichte Kohns zu lesen: der eine über die Produktenbörse und der andere über sein Duell mit dem Sohne des Herrn Bencze von Istvännffy. Ei du Kohn, nichtsnutziger Jude du! Wenn du morgen deine Schulaufgabe nicht fehlerlos weißt, wirst du ausgestoßen! Nun ist der kleine Kolm so ein „puer mediocris“, nicht besser und nicht schlechter als der Keszeghy Pista, der Efiilök Dani oder der Barogh Peti auch, die alle um ein gut Stück weniger lernen als er. Aber sie kommen mit heiler Haut durch die Klasse, weil der Herr Lehrer ihnen wohl will; den kleinen Kohn aber verabscheut er, den blöden, sommersprossigen rothaarigen Jungen. Und nun wirft sich der kleine Kohn in seiner Angst und in seinem nagenden Schmerz mit aller Kraft aufs Lernen und lernt bis zu jedem Morgen sein Pensum so,