Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 30 (28.7.1916)
- Date
- 1916-07-28
- Page
- Seite 277 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 Das Jüdische Echo 277 zulcgcn, sich durclizusetzen vermochte. Groß war die Gegnerschaft derer, die es Vandalismus nannten, einen der ältesten und besonders charakteristischen Stadtteile von Amsterdam einfach verschwinden zu lassen. Das Ziel der Ausstellung, ein möglichst vollständiges Bild des Amsterdamer Judentums zu geben, ist dank der eifrigen Mitarbeit aus den holländischen und portugiesischen Kreisen der jüdischen Bevölkerung und der verschiedenen kirchlichen und wissenschaftlichen Einrichtungen durchaus gelungen. In neun Abteilungen mit 1548 Nummern ist hier ein Stück jüdischer Kulturgeschichte zusammenghäuft, wie inan es in solcher Anschaulichkeit und Reichhaltigkeit kaum je beisammen gesehen hat. Einzigartige Kostbarkeiten sind da ausgestellt, wie eine prachtvolle Handschrift aus dem 13. Jahrhundert mit Gebeten für die jüdischen Festtage. Welchen Wert man dieser Handschrift beimißt, geht daraus hervor, daß sie für die kurze Dauer dieser Ausstellung mit der Summe von 90 000 Gulden versichert wurde. Auch die bis in die kleinsten Einzelheiten gehende Nachbildung eines typischen Ghettozimmers mit all den Gegenständen für die rituellen Gebräuche ist von besonderem Interesse, ebenso wie die reichhaltige Bildersammlung mit einem bisher unbekannten Porträt von Spinoza. Kulturarbeit im Osten. Der jüdische Nationalverein „Jawnah“ in Lodz tritt gemeinsam mit dem hebräischen Sprachverein an die Eröffnung einer zeitgemäßen hebräischen Knabenschule für das kommende Schuljahr heran. Der Lehrstoff dieser sechsklassigen Schule wird außer den allgemeinen Fächern insbesondere aus jüdischen Lehrgegenständen, wie Bibelkunde, jüdische Geschichte, alte und neue hebräische Literatur und Talmud bestehen. Als Unterrichtssprache ist für alle Lehrfächer, mit Ausnahme fremder Sprachen, hebräisch festgesetzt. Infolge der guten Entwicklung der hebräischen Knabenschule des Vereins „Hatechijah“ in Lodz wird dieselbe im kommenden Schuljahr in ein hebräisches Progymnasium umgewandelt. Der erwähnte Verein hat vor kurzem auch hebräische Abendkurse für jüdische Mädchen eingerichtet. literarisches Echo Auf den Spuren einer Volksseele. Es ist noch nicht lange, her, da wußte man von den polnischen Juden nichts weiter, als daß sie zu Hunderttausenden im Osten lebten und unter den dürftigsten Verhältnissen dahinvegetierten. Erst der Zusammenhang, den die national-jüdische Bewegung in die verstreuten Glieder des jüdischen Volkes gebracht hat, erweckte das Interesse der gesamten Judenheit für ihre Stammesgenossen im Osten. Und zwar erkannte man, daß nicht allem deren soziale Lage das Interesse der Mitjuden beanspruchte, sondern daß bei ihnen ein geistiges Leben pulsierte, ein Judentum lebendig wa.i, das an Kraft und Tiefe dem jüdischen Leben der Westjuden weit überlegen. Und nachdem einmal eine Reihe so bedeutender ostjüdischer Schriftsteller wie z. B. Perez, Bialik, Scholem Alejchem ihre Stimmen über die Grenzen ihres Landes hinaus hatten erschallen lassen, begann der Westjude einzusehen, idaß seine Unkenntnis der ostjudischen Kultur ein unverzeihliches Manko bedeudete. Aber auch außerhalb des jüdischen Lageis erwachte das Interesse an den Ostjuden. Der Krieg brachte die Berührung der deutschen Heere und Beamten mit den Juden des Ostens mit sich, und auch in deutschen Kreisen beginnt man heute den Versuch, in das Wesen der Massen Polens einzudringen. Als sehr wichtigen Beitrag zur Kenntnis der Ostjuden hat der Jüdische Verlag in Berlin nun ein Werk erscheinen lassen, das sich „Das Buch von den polnischen Juden“ nennt und von S. Agnon und Ahron Eliasberg herausgegeben ist. Die Herausgeber dieses Buches wollen die Juden des Ostens selbst zu Worte kommen lassen. Sie greifen Märchen, Sagen, Sprichwörter, historische Schilderungen aus der reichen Volksdichtung der polnischen Juden heraus und stellen zwischen diese teils folkloristischen, teils zu naiven Dichtwerken roh behauenen Edelsteine einige literarische Kunstgebilde von bekannten und bewußten ostjüdischen Schriftstellern, aus denen teils die äußere Lage, teils die Wesensart des Geschilderten deutlich hervorgeht. Das Buch gibt historische, kulturhistorische, soziale, religiöse und allgemeinmenschliche Ausblicke, und gibt dem Leser eine Ahnung von der reichen, vielgestaltigen Volksseele. Unter den Beiträgen, die die Bezeichnung „literarisch“ verdienen, sind solche von Agnon, Buber, Perez, Schalom Asch, Sokolow, Frischmann u. a. Eine der schönsten und charakteristischsten Erzählungen ist die von Nahum Sokolow: „Kowed“. Das Buch ist sowohl vom künstlerischen wie vom kulturhistorischen Standpunkt aus ein äußerst wertvoller Beitrag zur deutschjüdischen Literatur. „Der Rabbi von Suwalki“ von S. Schachn owitz. Der Jüdische Volksschriften-Verlag in Frankfurt am Main hat als Band 18 und 19 eine Novelle obigen Namens erscheinen lassen. Die Novelle, welche in der Hauptsache auf wahren Begebenheiten beruhen soll, gibt uns ein Bild von der Aufregung der jüdischen Bevölkerung in den deutsch-russischen Grenzbezirken zu Beginn des Krieges, führt uns in das Kriegsgebiet mit all seinen Schreckensbildern hinein, um zum Schlüsse einem liebenden Paare den Segen des sterbenden Vaters — des Rabbi von Suwalki — zuteil werden zu lassen. Die Bände des Verlags hatten sich bisher vieler Freunde zu erfreuen und dürfte auch dieser Band den Kreis derselben — besonders den mit religiösen Gefühlen — erweitern. J. F. Feuilleton Vom ewigen Kohn. Von A. A g a i. Die Sammlerleidenschaft ist eine vielfältige Passion. Selbstverständlich ist sie verschieden, je nach Objekten und Vermögen. Dem einen erlauben es seine Mittel, sich auf gute Gemälde zu verlegen, der andere muß sich’s an Briefmarken genügen lassen. Mein seliger Vetter sammelte Spazierstöcke und: Konzert-Programme. Vom krummgriffigen Schäferstecken, vom knorrigen Knüppel aufwärts bis zum kurzen' dicken Stocke, wie ihn unsere jeunesse doree zu tragen pflegt, waren alle Gattungen und Arten in der Kollektion vertreten, die er im Ofenwinkel seiner Stube aufgespeichert hatte; und sein Prachtalbum enthielt alle Programmzettel von Frau Mink bis auf Ma-