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Das jüdische Echo · 1916-07-21 · 29 (21.7.1916) · p. Seite 270

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
29 (21.7.1916)
Date
1916-07-21
Page
Seite 270 (sequence 6)
Language
German
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270 Das Jüdische Echo Nr. 29 Frage nach Wert und Unwert des Judentums kann mit Fug bejahen und verneinen nur der, der sich ehrlich Rechenschaft gegeben hat über die anderen Fragen: Hat nicht der Jude fast alle Werte, die mir selbst, meinem Volk, der Kulturmenschheit heilig sind, miitgeschaffen? Ist nicht die Verneinung des Juden zugleich eine Verneinung meiner selbst, hoher heiliger Güter meines Volks und der Menschheit? Ist die Menschheit ärmer geworden bei der durch ihre ganze Geschichte gehenden jüdisch-christlichen Wechselwirkung? Wäre die Kultur fortgeschrittener ohne den Juden? Ist es wünschenswert, daß der Jude weiter wirke in der Welt? Oder soll jene Wechselwirkung ein Ende finden? Die Antwort auf diese Wertfragen muß notwendig „Ja“ lauten, wenn die historische Frage zu bejahen ist, ob die Werte, von denen aus der Antwortende urteilt, selbst von den Juden mitgeschaffen sind. Somit ist auch die jüdische Weltanschauung nicht Willkür. Das Material, an dem die Weltanschauungen sich bilden, hat die Wissenschaft beizuschaffen. Jüdische Weltanschauung auf wissenschaftlicher Grundlage! Ist dieses Ziel erreicht, so ist wieder — ein Stück Judenfrage gelöst. Welt-Echo Die nationalen Rechte der polnischen Juden. Der Vizepräsident des österreichischen Abgeordnetenhauses, Engelbert Fernerstorf er, schreibt in den „Polnischen Blättern“ über Juden und Polen. Der Aufsatz enthält folgende bemerkenswerte Stellen: „Die große Masse lebt ein betont jüdisches Eigenleben. Es ist töricht, diese Masse, weil sie die an das Deutsche sich anlehnende Mundart, den Jargon spricht, etwa für das Deutschtum reklamieren zu wollen. Aber es ist ebenso unsachgemäß, sie als polnisch erklären zu wollen. Es nützt nichts, sich in theoretische Untersuchungen über den Begriff der Nation einzulassen. Man mag hundertmal feststellen, daß die Juden keine Nation sind, weil ihnen gewisse begriffliche Merkmale einer solchen fehlen. Sie sind in ihrer nationalen Besonderheit nun einmal da, und wenn die Theorie mit ihnen nicht zustande kommt, so ist das ausschließlich ein Malheur für die Theorie.“ „Die Trage, ob der Jargon erhalten werden soll, ob er fortbildungsfähig usw., ist eine Trage, die nur die Juden angeht.“.,Ich lege solchen Nachdruck auf die Lösung der polnischen Judenfrage aus zwei Gründen: endlich soll die Schmach der Bedrückung des Ostjudentums wenigstens in Polen ein Ende finden, und zweitens soll dadurch das neue Reich vor Gefahren geschützt werden, denn bleiben die Juden in Polen auch bei politischer Freiheit ein unzufriedenes Element, so bringt ein solcher Zustand Keime des Verfalls und der Zwietracht in den neuen Staat.“ Die bevorstehende Ernte in Palästina verspricht in diesem Jahre sehr befriedigend zu werden, so daß auf ein baldiges Sinken der hohen Brotpreise, unter denen besonders die arme Bevölkerung leidet, zu hoffen ist. Die größte Schwierigkeit bei den Erntearbeiten dürfte in der Aufbietung der nötigen Menschen- und Tier-Arbeitskräfte bestehen. Russischer Wahnsinn. Wir bringen nachstehend einen Auszug aus einem von dem sozialdemokratischen Abgeordneten Tschchenkeli in der Sitzung der Duma vom 3./16. Juni d. J. zitierten, jüngst erschienenen Zirkular, anscheinend des Ministeriums des Innern oder des berüchtigten Polizei-Departements, das den Beweis erbringt, daß der Judenhaß Wer russischen Machthaber geradezu pathologische Formen annimmt: „Aus den beim Stab des Höchsten Oberkommandierenden eingegangenen Informationen wird festgestellt, daß sich in der letzten Zeit in der Armee Fälle der Erkrankung an geschlechtlichen Krankheiten bedeutend vermehrt haben, insbesondere an Syphilis. Es gibt Anhaltspunkte, daß eine deutsche jüdische Organisation ziemlich bedeutende Beträge zahlt zur Erhaltung von an Syphilis angesteckten Frauen, damit sie Offiziere anlocken und sie syphilitisch infizieren.“ Man wäre geneigt, über diesen Wahnwitz zu lachen, wenn man sich nicht sagen müßte, daß er von dem verblendeten russischen Volke geglaubt wird und furchtbare Folgen haben muß. Der sibirische Städtetag vertritt die Rechte der Juden. Anfang Mai hat in Irkutsk die erste Konferenz von Vertretern der Städte Ostsibiriens und des russischen fernen Ostens stattgefunden. Nachstehende Resolution wurde gefaßt: „In Erwägung, daß in der letzten Zeit gewisse Kreise der russischen Gesellschaft ihre Anstrengungen verstärken, den nationalen Haß in Rußland zu schüren und infolgedessen auch in Sibirien, wo bis nun nationale Trennung fremd war, Versuche bemerkbar wurden, mit der Schuld an der allgemeinen Teuerung des Lebens bestimmte Nationalitäten zu belasten, hält die Konferenz es für notwendig, ihren entschiedenen Protest gegen alle diese Versuche zu erheben, und die Bürde der Beschuldigungen zurückzuweisen, die an dem allgemeinen Unglück unschuldigen Nationen auferlegt werden.“ In einer Resolution über die Ansiedlung von Flüchtlingen in ländlichen Ortschaften wurde „die Notwendigkeit unverzüglicher Beseitigung aller Beschränkungen, inbegriffen der bezüglich des Ansiedlungsrechtes einzelner Nationen“ betont. J. A. K. Eine Rede Jakob Schiffs. Der bekannte jüdischamerikanische Millionär Jakob Schiff, hat vor kurzem in New York eine Rede gehalten, in welcher er gegen die Bestrebungen zur nationalen Erhaltung und Gleichberechtigung des jüdischen Volkes Stellung nahm. Die Juden müßten eine bloße konfessionelle Gemeinschaft werden. Hätten sich die Juden in Rußland und Polen nicht durch die jüdische Sprache von der übrigen Bevölkerung abgesondert, so wären ihnen viele Leiden erspart geblieben. Auch von den Juden Amerikas müsse die sprachliche Assimilation verlangt werden, da sie sonst große Gefahren auf sich herabbeschwören. Diese zuerst in englischen Blättern erschienene Rede, rief in der gesamten jüdischen Öffentlichkeit Amerikas große Empörung hervor. Mit Ausnahme weniger im Dienste des American Jewish Committee stehenden Blätter bezeichnete die Presse aller Richtungen Schiffs Rede als eine Provokation der jüdischen Massen Amerikas und als eine unerhörte Denunziation und Verleumdung der schwer geprüften russischen und polnischen Judenheit. Die Erregung war umso größer, als gewisse englische Blätter me Rede Schiffs zu antisemitischer Propaganda auszunutzen begannen. Die Campagne der jüdischen Presse veranlaßte Schiff, auf der Konferenz der New Yorker „Ke-

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