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Das jüdische Echo · 1916-07-21 · 29 (21.7.1916) · p. Seite 269

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
29 (21.7.1916)
Date
1916-07-21
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29 Das Jüdische Echo k69 ihren Themas — verschweigen, insbesondere trotz mancher Ansätze Ziegler, R. M. Meyer und Sombart selbst. Ein Beispiel! Wie jetzt der Sombart von 1910 das nichtjüdische Wirtschaftsleben nach der jüdischen Mitwirkung dabei durchforschte, so muß zum Beispiel das Leben und Schaffen Gerhart Hauptmanns durchforscht werden: was ist jüdisch an ihm, dem größten lebenden, gänzlich unjüdischem Blut entstammenden Dichter, der in seiner Jugend in eine von Juden wesentlich beeinflußte literarische Bewegung geriet, dessen bester persönlicher Freund ein Jude ist. dessen Frau Jüdin ist, dessen einflußreichste Kritiker Juden sind, dessen Schauspiele ihre beste Darstellung von jüdischen Theaterdirektoren und zum Teil von jüdischen Schauspielern erfahren, dessen maßgebendes Publikum zum großen Teil aus Juden besteht. Wie immer der Einzelne geneigt sein mag, jüdischen Einfluß zu werten, ob als vorteilhaft, als nachteilig oder als gleichgültig für „arische“ Kultur: politische Folgerungen sollten Antisemiten, Phiilosemiten und Indifferente erst aus Tatsachen ziehen, die aber kennen sie nicht genügend. Und wenn sie sie kennen werden —. werden sie dann noch Antisemiten, Philosemiten, Indifferente sein? An den Schluß seiner Broschüre stellt der Verfasser das folgende Fazit: „Es ist aber die Aufgabe der jüdischen Wissenschaft, .den besonderen realen Inhalt aller möglichen und gegebenen Verquickungen festzustellen; für Deutschland speziell: die Möglichkeiten und TatsächlickeitLn der Mischung deutsch-jüdisch in Körper und Geist, Juden und Deutschen, sowie in allen Objektivationen des jüdisch-deutschen Geistes, in der deutschen Kultur zu erforschen und festzustellen. Das ist die Aufgabe der jüdischen Wissenschaft. Die Judenpolitik aber hat die Aufgabe: das jüdische und christliche Dasein zu einer lebendigen und harmonischen Einheit zu machen. Dies ist die von der Wissenschaft gegebene formale Lösung des deutsch-jüdischen Problems. Freilich, die praktische Lösung aller persönlichen und gesellschaftlichen deutsch - jüdischen Verquickungsfragen ist damit nicht gegeben. Hier hat die empirische Forschung noch zu arbeiten. Wir wissen zu. wenig über die tatsächliche Wirkung der Verquickung des Jüdischen mit dem Nichtjüdischen. Mit andern, besonders rein persönlichen Fragen wird wohl stets die Lebenskunst des Einzelnen selbst fertig zu werden haben. Wo immer das Wissen im Stiche läßt, muß der Instinkt, der Takt, die Persönlichkeit versuchen, diese Judenfragen zu lösen. Ich habe oben bereits dem einzelnen deutschen Juden der Jetztzeit als Lebenspostulat gesetzt: er — der Jude — muß trachten, die deutschen und jüdischen heterogenen Bestandteile seiner Existenz durch die einigende Potenz seiner Persönlichkeit zu homogenisieren; praktische Assimilationskunst treiben, das ist auch die Aufgabe, die jeddn einzelnen Nichtjuden , dem Staat, der Gesellschaft hinsichtlich des jüdischen Volksbestandteils gesetzt ist. Nicht trennen, was zusammen ist und zusammen will; aber auch nicht künstlich zusammenschmelzen, was eigenartig weiterleben will und kann. Dieses Postulat ist freilich wie der kategorische Imperativ. Aber verständnisvolle Einsicht in jüdisches und deutsches Wesen, Aufrichtigkeit, Taktgefühl und auch eine nicht zu kleine Portion Optimismus unter Verbannung aller Überängstlichkeit werden einzelnen Falles den richtigen Weg führen. Dann wird auch das deutsch-jüdische Zusammenleben friedlicher und freundlicher sich gestalten und die einzelne von der deutsch-jüdischen Verquickung erfaßte Persönlichkeit harmonischer werden, als es heute der Fall ist. Assimilationskunst, wie sie soeben empfohlen worden ist, ist nichts als die Technik der persönlichen und gesellschaftlichen Praxis, gleicher Weise gültig für Juden und Christen, Staat und Gesellschaft in Deutschland und überhaupt in den Ländern, in denen eine kleine Minderheit Juden wohnt, räumlich zerstreut unter den übrigen Staatsbürgern, ihre Rechte und geistige Kultur teilend; durch diese Technik soll das Zusammenleben harmonisch gestaltet werden. Die Assimilationskunst ist also empfohlen als ein Mittel zur Lösung der vielen einzelnen Judenfragen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens, nicht aber als die Lösung der universalen Judenfrage, noch weniger als jüdische Weltanschauung. Weltanschaung zu empfehlen ist überhaupt nicht die Aufgabe einer wissenschaftlichen Untersuchung. Gegenstand dieser Untersuchung sind die jüdischen Weltanschauungen nur weil sie ebenfalls ein Teil (des gesamten jüdischen Tatbestandes sind und weil die erkenntnistheoretische Grundlegung auch dieses Elements des jüdischen Tatbestandes dringend von nöten ist. Auch die jüdische Weltanschauung hat es mit der „Judenfrage“ zu tun, nicht aber mit der Judenfrage als einem Komplex von Problemen, die zu lösen sind, sondern als einer Frage, die von dem Befragten Antwort heischt, und zwar die Antwort: Ja oder Nein. Jüdische Weltanschauungen sind die verschiedenen Beantwortungen, die gegeben werden auf die Fragen: Glaubst Du, daß das Judentum erhalten werden kann? Wünschest Du, daß es erhalten wird? Die oben erörterten jüdischen Hauptrichtungen — Orthodoxie, Zionismus, Assimilantismus — sind solche Weltanschauungen. Orthodoxie und Zionismus gehören als Weltanschauungen zusammen: Beide sind überzeugt, daß das Judentum erhalten werden wird, und beide wollen es erhalten. Sie beide sind positiv jüdisch. Der Assimilantismus dagegen ist negativ jüdisch; die ihm angehörigen Juden sind überzeugt, das jüdische Volk sei bestimmt, in der Menschheit aufzugehen. Und hier scheint auch die Warte zu sein, die allen Nichtjuden, die die Judenfrage als brennendes Menschheitspproblem empfinden, eine wahrhaft weite Schau auf die jüdischen Dinge ermöglicht. Die ganze Kulturmenschheit, die geistig und körperlich allerorten und alltäglich den Juden nicht nur neben sich, sondern auch in sich selbst erlebt, sucht befriedigende Antwort auf die zwei Fragen: Wird der Jude erhalten werden? Ist es wünschenswert, daß er erhalten wird? Auf die erste Frage wird der auf jener Warte stehende wohl mit Ja antworten. Für manchen enthält die Bejahung der ersten Frage schon die der zweiten. Freilich ist nicht alles wert erhalten zu werden, was existiert, nur weil es, anscheinend unvernichtbar, existiert. Der ästhetisch Wertende wird sich hier vielleicht scheiden von dem, der die Antwort auf die zweite Judenfrage vom Standpunkt anderer geistiger Werte sucht. Kann überhaupt die ästhetische Weltanschauung, die sich unabhängig von jedem unmittelbar persönlichen Interesse der Vielfältigkeit der Erscheinungen und jeder Besonderheit innerhalb des Gleichen freut, das jüdische Volk verneinen? Schwerer mag dem kulturell Wertenden die Antwort werden. Die

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