Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 29 (21.7.1916)
- Date
- 1916-07-21
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102942-9138043--00943-9073769- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
268 Das Jüdische Echo Nr. 29 Als eine Zeitschrift, die sich an einen durch die Konfession begrenzten Interessenkreis richtet, haben wir — gleich allen derartigen Blättern — ein Interesse daran, zu erfahren: 1. welche Konfession Sie meinen; 2. woher Sie, Herr Landtagsabgeordneter, das Recht nehmen, der Regierung den Vorwurf zu machen, sie ermögliche es den Angehörigen einer ganzen in Deutschland vertretenen Konfession, sich als „unabkömmlich“ zu bezeichnen und sich damit dem Heeresdienste zu entziehen. Wir, und wie wir erwarten dürfen, auch andre an eine einzelne Konfession sich richtende Blätter, erwarten, daß Sie die beiden obigen Fragen deutlich und öffentlich beantworten, und daß Sie die Beschuldigung der „Unabkömmlichkeit“ irgendeiner Konfession im Deutschen Reiche (imd die Ermöglichung dieser „Unabkömmlichkeit“ seitens der Regierung auf Zahlen und Beweise stützen. PP. Die wissenschaftliche und die politische Judenfrage. Von Sigbert Feuchtwanger. (Schluß.) Jüdische Wissenschaft. Was sind die positiven Folgerungen aus obiger Kritik? Die Antwort auf die Frage ist die Antwort auf eine andere Frage; Was heißt und'zu welchem Ende treiben wir jüdische Geschichte? Diese Frage ist die „wissenschaftliche Judenfrage“. Jüdische Geschichte ist die Darstellung des Einflusses der Wirtsvölker auf das Leben der Juden und des Einflusses der Juden auf das Leben der Wirtsvölker, kurz: der jüdisch-christlichen Wechselwirkungen (wobei ich prägnant „christlich“ für alles Nichtjüdische sage). Die Lösung der wissenschaftlichen Judenfrage aber ist die Voraussetzung der Lösung der politischen Judenfrage. Wo jüdisches Wesen und Wirken erforscht werden soll, gilt die Regel, nicht in mechanischer Weise Dinge, die oberflächlich getrennt erscheinen, auseinander reißen, sondern sie erkennen in ihrer organischen Zusammengehörigkeit, in ihrer dynamischen Verquickung! Einmal schon war klar die Untrennbarkeit jüdischer von nicht-jüdischen sozialen Erscheinungen erkannt worden. Der das tat, war Karl Marx in seiner „Judenfrage“. Ihm war die Judenfrage identisch mit der sozialen Frage; es komme nicht auf den „Juden“ an, nicht auf dessen Aufnahme in die bürgerliche Gesellschaft, sondern auf das „Jüdische“; das aber sei schon in der Gesellschaft. Weder der Statistiker, noch der Philologe kommt dem Juden bei; beide erfassen nur Äußerlichkeiten. Die junge Wissenschaft der Soziologie wird auf den Juden ohnehin in allen ihren Forschungsgebieten stoßen. Dann wird (sich auch ohne eine bewußte Renaissance der jüdischen Wissenschaft der Jude als wissenschaftliches Objekt durchsetzen, und unsere Kritik wird dann praktisch ihre Rechtfertigung finden. Gerade weil der Jude überall steckt, muß er nicht ex professo erforscht werden. Je tiefer eine Fachwissenschaft schürft, desto eher trifft sie auf ihn und muß sich mit ihm befassen. Nur als gründlicher Erforscher des Kapitalismus konnte Sombart plötzlich im homo capitilisticus den hoino judaicus entdecken. Schon hat auch ein anderer den Juden entdeckt: Robert Michels1) hat Untersuchungen angestellt über Soziologie des Partei- und Gruppenlebens und besonders über die oligarcluischen Tendenzen in den demokratischen Parteien. Bei Analyse der sozialen Auslese der Führerschaft traf er auf den Juden als den Organisator fast aller politischen — auch der entgegengesetzten — Bewegungen des letzten Jahrhunderts und als den Vertreter eines besonderen Typus sozialdemokratischer Führer, worüber er äußerst wertvolle Ausführungen macht. — Es wird wohl bei eindringlicher Untersuchung gar manches Kulturgebiets sich ergeben: viele sozialen Gesetzmäßigkeiten dürfen festgestellt werden nur mit dem stillschweigenden Vorbehalt: wie würden sie lauten, ohne daß es Juden gäbe, oder wie vollzieht sich die gleiche kulturelle Erscheinung da, wo offenbar keine Juden mitgewirkt haben? Der Jude in seiner zufälligen und höchst tätigen konkreten Realität raubt aller Feststellung sozialer Gesetzmäßigkeiten die abstrakt-generelle Bestimmtheit; freilich nur solange der Jude, d. h. das Jüdische, selbst nicht wissenschaftlich erfaßt ist und nicht sozusagen auf seine soziologische Formel gebracht ist, verlangt die Wahrheitsliebe jene clausula judaica, die da erstmal mit bewußter Entschlossenheit Sombart seinen eigenen Feststellungen über die Entstehung des Kapitalismus beisetzte. Der erforschte Jude wird aufhören, ein irrationaler Faktor in der Erkenntnis zu sein und — in der Politik. Wo ist der Jude? Bequemer ist die Antwort auf die Frage: Wo nicht? Von vielen Gebieten, wie Wirtschaftsleben, Journalistik, Politik, Kritik, Jurisprudenz, Medizin usw., weiß man schon lange, daß die Juden einflußreich sind. Über Umfang und Gründe dieses Einflusses fehlt befriedigendes Wissen. Eine vollkommene Feststellung jüdischen Einflusses wird ja daran scheitern, daß die Wirkung des vielen jüdischen Blutes, das seit je, vornehmlich aber im neunzehnten Jahrhundert (eine Viertel Million Taufen!) ins arische Volkstum überging, mit wissenschaftlicher Sicherheit nur ausnahmsweise erkannt, zumeist nur noch geahnt werden kann. An den einzelnen ungewöhnlichen Persönlichkeiten, wie Paul Heyse, Hans von Marees, Adolf Hildebrand, läßt die Wirkung einer Blutsmischung sich vortrefflich studieren*). Namen wie Heine, Disraeli, Stahl, Gambetta, Marx, Laband, Bizet, Ehrlich, Bergson, Liebermann3), Reinhardt4), mögen statt längerer Ausführungen symbolisch die Vielfältigkeit jüdischer Mitarbeit am europäischen Kulturleben bezeichnen. Man wird nach dem bislang Gesagten ermessen können, was uns die allgemein bekannten Werke, die zur Jahrhundertwende die Entwicklung des neunzehnten Jahrhunderts nach den verschiedenen Kulturgebieten darstellten, von 1) Band XXI der „Philosophisch-soziologischen Bücherei“, Leipzig 1911. 2) Alle dreiii sind ebenso starke Kunstschöpfer, wie Kunsttheoretiker, ringen um das „Problem de rorm“ als Künstler wie als Denker; bei Marees wird diese Doppeltheit zum tragischen Zwiespalt (der Denker war dem Künstler immer um einen Schritt voraus). Alle drei erstreben die schöpferische Verwirklichung leinar ästhetisch-theoretiriC. len Kunstform in Reinkultur (Novelle, Gemälde, Plastik). ,l) Auch dieser Kunstdenker, — Schriftsteller und Künstler zugleich. 4) Neueste Namen: Haber, Willstätter, Einstein.