Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 28 (14.7.1916)
- Date
- 1916-07-14
- Page
- Seite 262 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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262 Das Jüdische Echo Nr. 28 den Finger in der Nase, dazusitzen und gedankenlos ins Blaue zu starren, Qott weiß wie lange. Da kam es dann vor, daß er darüber einschlicf; er erschrack heftig, wenn ihn dann Bejlc mit fröhlichhellem Schreien weckte. Er kam Tag für Tag, Birnen vom Baum reißen, spielen und schwatzen. Die Gespräche der Kinder waren recht sonderbar, sonderbar auch die Sprache, ein Hilfsgemisch aus Jüdisch, Russisch, Geberden und Lautenachahmungen. „Hast einen alten Großvater?“ —- fragte Bejle mit Interesse. Jaszko hielt den Finger weiter in der Nase und schüttelt den Kopf: Nie.1) Bei mir Tatko2) und Matka3) und ein Brat4) und zwei Schwesterlein . . . “ „Und Hruszki5) sind bei dir im Garten?“ „Ja. Und Himbeeren und Korowa.“6) „Korowa? . . .“ wiederholte Bejle in unsicher fragendem Ton; sie wußte nicht, was für eine Art Obst das sei. „Ja, Korowa .... Muuh!“ — verdeutlichte Jaszko und setzte sich mit den Fingern zwei Hörner auf. „Aha!“ sagte Bejle nachdenklich. So gings durch einige Wochen. Die beiden Kinder lebten in einer eigenen Welt. Ein kleines Geschöpf zerstörte diese Welt und verlor dabei auch sein eigenes Leben. Während die Kinder einmal im Grase saßen, flog ein Vöglein vor ihnen vorbei. Jaszko faßte es. Er hielt es an einem Flügel und das arme Vöglein suchte sich verzweifelt loszureißen, piepste jämmerlich und zappelte furchtsam zwischen Jaszkos Fingern. Jaszko staunte und betrachtete das Schauspiel mit großer Neugierde. Bejle zitterte: „Laß los! Laß das Seelchen los!“ — rief sie angstvoll. „Was?“ — Jaszko verstand nicht und riß dem Vöglein einen Flügel aus. Bejle faßte ihn fest an der Hand. Jaszko wurde zornig: „Pustj!“7) — schrie er und suchte sich loszureißen. Bejle ließ nicht los. „Du, du . . . Tschort!“8) — ächzte Jaszko hervor, zerdrückte das Vöglein, warf es fort und versetzte mit der freien Hand Bejle einen Stoß. Bejle sprang auf. Ihr Gesicht war leichenblaß. Die blauen Augen wurden furchtbar finster und zwischen den halboffenen Lippen funkelten zwei Reihen scharfer, weißer Zähne. Die gruben sich in Jaszkos Hand. — Jaszko riß die Augen auf und staunte. Dann brüllte er wie ein Besessener. Als Bejle ihn endlich los ließ, lief er laut heulend nach Hause. Mit funkelnden Augen und zusammengepreßten Lippen sah sie ihm nach. Nach diesem Vorfall ging Bejle ein paar Tage ganz verstört umher. Wie sehr auch der Groß- D Nein. 2) Vater. 3) Mutter. 4) Bruder. 5) Birnen. G) Kuh. 7) Laß los! 8) Teufel! vater bat, er konnte nicht erfahren, was ihr fehle. Dan war sehr besorgt und still betete er: „Herr der Welt! Erbarme dich meines Alters und ihrer Kindheit! Heile ihre Wunden! . . . ö, meine Tochter, meine Tochter .... Fine Woche war vergangen und Jaszko kam wieder Er hatte alles längst vergessen und sein breites Gesicht lächelte weich und gutmütig wie sonst. Als ihm Bejle klar und deutlich auseinandersetzte, sie wollte mit ihm nichts mehr zu tun haben, ging er tiefbetrübt weg. Er konnte durchaus nicht begreifen, was für eine Sünde er begangen hatte, daß seine Kameradin ihm so böse sei. Vergebens mühte sich sein gedankenarmer Kopf, das schwere Rätsel zu lösen, das ihm Bejles Verhalten aufgegeben hatte .... VIII. Viermal ist der Fluß seither gestorben und viermal hat ihn der Frühling wieder zum Leben erweckt. Viermal hat „Großmutters Baum“ seine grünlichgelben, herben Birnen lässig auf den Boden gestreut. Die älteren Bäume sind trockener geworden und etwas gebeugt, die jungen haben sich geradegereckt und ihre starken schlanken Glieder zittern vor Jugenderregung. Der graue Bart des alten Dan ist weiß. Seine kleine gerade Gestalt ist jetzt ein wenig geneigt. Er besucht jetzt häufiger den Baum bei Malkes Grab und sitzt immer länger dort in tiefem Sinnen. Wenn er beim Weggehen über die Buchstaben auf dem Steine streicht, zittern seine Finger ein wenig und die Lippen bewegen sich leise. Die Worte auf dem Grabstein sind ein wenig verwischt; doch für den Alten werden sie immer schärfer und deutlicher. Aus ihnen formt sich ein gutes bleiches Gesicht, traulich-alt, mit stillem Lächeln in freundlichen Augen. Sie schauen ihn an, wie einst vor vielen, vielen Jahren .... Bejle ist gewachsen. Ihr Gesichtchen ist länger, um die großen Augen liegt etwas Träumerisches. Bejle horcht auf etwas. Es ist schwer zu entscheiden, ob sie den Klängen der Außenwelt horche, jenen Ewigkeitstönen von Himmel und Erde, oder ob sie in sich, in den Tiefe ihres Kinderherzchens eine mächtige Stimme höre, die da saust und ruft — noch ist der Ruf undeutlich, manchmal klingt er wie ein fernes Lied, manchmal braust er wie der Atem des Sturmes, dessen Wucht in sich ersteht .... Dan sah sie an einem heißen Sommertage am Ufer des Flusses: Nackt stand sie da, die Hände über den Kopf gekreuzt. Dann warf sie sich jäh in die graue träumende Flut. Der Alte erschrak: Er vermeinte ein Wesen aus einer anderen Welt zu sehen mit blinkender Haut und zarten Gliedern, * die unmerklich zittern wie eine Saite. Als der blendende halb kindliche Körper nun in der Luft erglänzte und pfeilschnell ins Wasser flog, da ent- DrKlebs Joghurt Präparate unterdrücken die Bildung von Darmgiften, regeln unschädlich Yerstopfung, Magenu. Darmkatarrh, erleichtern die Altersbeschwerden. Glänzende Anerkennungen. Erhältlich in Apotheken u. Drogerien, wenn dort nicht zu haben, auch direkt zu beziehen Prospekte u. Proben kostenlos. _ _ Kostenlos. Chem.-Bakt. Labor. Dr. E. Klebs, München, Schillerstr. 28 A iv