Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 28 (14.7.1916)
- Date
- 1916-07-14
- Page
- Seite 263 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 Das Jüdische Echo 263 lief der alte Dan erschrocken lind verstört, ohne zu wissen, warum er es tat. Er setzte sich ans Fensters eines Häuschens und wartete auf die Enkelin. Es sprach in ihm: „Das ist nicht mehr Bejle, nicht mehr dieselbe Bejle. Was wird sie sagen, wenn sie kommt? .. . Nach einer halben Stunde wurde Bejle auf dem schmalen Pfade sichtbar, der vom Abhang beim Flusse zum kleinen Häuschen Dans führt. Ihre Haare waren naß und gelöst, das Antlitz leicht gerötet und der Blick müde. Langsam und anmutig wie eine Prinzessin bewegte sie sich mit leichtem Schritt der bloßen Füße über das weiche Gras. Auf den unsicheren Blick des Großvaters antwortete sie mit einem herzlichen Kinderlächeln. Dan wurde lebhaft: „Hast du gebadet? He? . . .“ fragte er lächelnd. „Es ist heiß, ja, sehr heiß...“ IX. Die Julihitze war unerträglich. Den ganzen Tag schaute die Sonne scharf auf die Erde nieder, als wollte sie sagen: „Wer mir nicht ins Gesicht sehen kann, muß fort von der Welt!“ Die Erde schien sich in weißen Staub verwandeln zu wollen. Endlich kam ein anderer Tag. Der Himmel bedeckte sich mit grünlichem Schleier. Schwer atmeten alle Geschöpfe die dicke Luft. Zornig schaute eine blutrote Sonne nieder. Schon am Morgen ging Bejle unruhig umher und zwischen ihren Brauen lag eine tiefe Furche, ihre Stirnfurche. Und als sie nachts auf ihrem Lager lag und das Klagen des Windes zwischen den Grabsteinen vernahm, da zitterte sie an allen Gliedern: Was ist dort draußen? Wessen Angst zittert in den Lüften? Wen quält man dort? .... „Großvater! Schläfst du, Großvater? .... Man ruft mich, Großvater! Hörst du’s? . . . Nein, ich gehe nicht! Was willst du dort, du? . . . Ich gehe nicht! Ich . . . gehe .... nicht! . . . .“ Leise öffnete sich die Tür und eine kleine weiße Gestalt huschte aus dem Zimmer .... In dieser Nacht war die Weit in der Macht einer bösen schwarzen Hexe, die mit der Flut ihres grauen bösen Haares den ganzen Himmel bedeckte .... In dieser Nacht wurde der Friedhof lebendig, die Toten erinnerten sich ihres Lebens, dort, in der Stadt der Lebende_n, alles dessen, was sie gelitten und gelassen hatten. Und während die Stadt der Lebenden drüben wie ausgestorben lag und keines Lichtleins Glanz einen lebenden Blick herübersandte, war hier, in der Stadt der Toten, kein Grashalm ruhig. Ein schwerer Seufzer strich über den Boden hin. In den Lüften, wo die Häupter der Bäume düsterten, zog ersticktes Ächzen und gedrücktes Murmeln durch die Nacht. Zwischen den Gräbern rangen todwunde Vöglefn mit dem Tode und schlugen mit sterbensmatten Flügeln an die Grabsteine .... Pfeilschnell durcheilte Bejle den Friedhof und hastete zur Weide, die stumm und verbissen bald in den Abgrund tauchte, bald sich zum Himmel reckte. Mit Gier riß der Wind Bejles Hemd vom Leibe und preßte sich mit wilder Lust an ihren brennendheißen, weißen Körper. Sie schwang sich auf die Weide, krampfte sich mit ihren kleinen Fingern an die flatternden Äste fest und blickte in den Abgrund nieder. Tiefes Dunkel. Von Zeit zu Zeit nur blitzt unten ein Silberstreif auf und vergeht rasch, wie ein tiefes Dunkel. Und dort unten im Dunkel ringt es. und schluchzt es, tobt und tost wild und blutgierig. Bekannter Klang, 'geahnt — bekannt .... Er ist schon einmal erklungen .... Einst .... Wann? Wo? .... Bejles Mund entrissen sich zwei kurze Schreie: „Mutter! — Mutter!“ — Es war das erstemal seit sie beim Großvater wohnte. Mit einem Male riß der schwere Schleier, welcher all1 die langen Jahre um Bejles Haupt gelegen war. Und sie sah .... X. Eine kleine ärmliche Stube. Beim Fenster steht ein düsterer Mann in dumpfem Schweigen — Bejles Vater. Hinter ihm ein helles Frauenantlitz — ihre liebe gute Mutter. Auf der Gasse draußen Schreien und Pfeifen, Klopfen und Klirren, wie der Sturm. Im Zimmer — drückende Stille. Die Töne nähern sich. Der Vater wird bleich. Mit wankendem Schritt geht die Mutter zum Bette und setzt sich nieder. Die Tür kracht und brichce. Der Vater faßt einen Stuhl, die Augen der Mutter werden tieischwarz. Böslustiges Poltern und Pfeifen. Rote Gesichter und derbe Fäuste, Hacken und Hämmer. Der Vater trifft mit dem Stuhl ein Gesicht. Ein Hammer saust auf Vaters Kopf. Der Vater sinkt um. Die kleine Bejle überläuft es kalt. Ihre Zähne drücken sich aufeinander und die Lippen öffnen sich. Sie sitzt auf der Erde und ihr Blick starrt. Mutters Gesicht verzerrt sich. Ein riesiger Mensch mit rotem Schnurbart stürzt sich auf die Mutter und bedeckt ihren Mund mit der Hand. Bejle sieht einen großen Stiefel neben dem Bette. Ihr Blut erstarrt. Dumpf schreit die Mutter: „Chaim!“ Vom Fenster her — Hammerschläge, dumpf und weich. Die Mutter stöhnt: „Be—j—1 e!“ In heißem Strom löst sich die Starrheit von den Gliedern der kleinen Bejle. Sie blickt auf den Fuß mit dem großen Stiefel. Ihre Zähne werden scharf. Sie kriecht am Boden näher und näher. Die Zähne schärfen sich mehr und mehr. Der Stiefel ist schon ganz nah und die kleinen Zähne graben sich ein mit wildberauschter Freude. Ein kurzer Schrei. Der Stiefel hebt sich und die kleine Bejle schwebt in der Luft. Dann wird es finster und still . . . still. XI. Der Sturm hatte seinen höchsten Grad erreicht. Es war kein Sturm mehr — in tollem Rasen stürzten sich die Elemente auf die erschreckte wehrlose Erde. Die Seelen warfen sich auf ihre Grabsteine, rüttelten sie und rissen sie aus, als wollten sie jetzt die Totenstadt aus dem Antlitz der Erde ausmerzen. Die Welt schien zum Chaos zurückkehren zu wollen, aus dem sie entstanden ist, von dem sie sich — ach — so wenig entfernt hat .... — Von der Weide über dem Flusse tönt klagendes Wimmern: „Mutter! — Mutter! — . . . .“ Jetzt hat endlich das sonderbare Menschenspielzeug alle seine Rädchen gezeigt! Alle Rädchen, mit all’ ihrem Mechanismus und wirrem Drehen. Das Menschlein, das starr und bitter auf die Grabsteine seiner Lieben sinkt, hat große Angst vor Weh und Schande, fiebrische Angst vor Weh und Schande — und quält und martert und schändet in selbstvergessender Lust. Die Rädchen sausen, die Zähnchen fassen — und das Menschlein tanzt, das Menschlein tanzt .... tanzt! „Mutter! — Mutter! — . . . “