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Das jüdische Echo · 1916-07-14 · 28 (14.7.1916) · p. Seite 261

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
28 (14.7.1916)
Date
1916-07-14
Page
Seite 261 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 28 Das Jüdische Echo 261 Feuilleton Die Stadt der Toten. Von L. S c h a p i r o. (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) (Schluß.) VI. Lang währt der Winter, so lang, daß der Sommer nur noch wie ein Märchen im Gedanken dämmert. .Beile erinnert sich kaum noch des Flusses: dort, wo ihre Erinnerung ihn sieht, fliegen Schlitten dahin und Menschen gehen leicht und sicher vorbei, als wäre es immer so gewesen .... Aus Süden haucht es feucht und weich. Der glatte, weiße Weg wird kotig und grau. Die Fußgänger gehen vorsichtig vorbei, klopfen {mit Stöcken und horchen .... Die Wagen weichen an manchen Stellen in großem Bogen aus; oft spritzt es unter den Rädern auf. Die Tage werden ein wenig länger. Der Fluß fordert Opfer : ein Mensch versinkt, ein Wagen bricht ein. Löcher und Gruben entstehen. Die Menschen halten sich eine Zeit lang scheu fern: der Schreck vor dem Auferstehen der Toten ist nicht geringer als der vor dem Todeskampf... Eines Nachts fährt Beile aus dem Schlafe empor und fragt erschrocken: „Großvater! Hörst du? Was ist los? . . . “ „Nichts Kind, nichts . . . der Fluß rührt sich.“ Den alten Dan hat es schon lange nicht schlafen fassen. Er raucht im Finstern seine Pfeife und räuspert sich oft. „Ha! Großvater! Was war das?“ — fragte Bejle vor Schreck. „Hm — gar nichts!“ — brummt der Alte und trinkt einen Schluck Wasser. Bejle fühlt, daß Großvater gar nicht so schlecht bei Laune sei. Doch weder er noch sie kennen den Grund der Freude. Der Fluß donnert, daß alle Fenster klirren und die Mauern beben. Bejle blickt mit aufgerissenen Augen in die finstere Nacht der Stube und meint zu sehen, was sie hört. Endlich bricht der Tag an, den sie ungeduldig erwartet hat. Sie eilt aus dier Stube und fällt in die Arme eines linden Windes, der wie ein Sommer-Regen riecht. Unwillkürlich schließt sie die Augen. Dann läuft sie zur Weide und blickt herab. Das Eis bewegt sich. Bejle bemerkt, daß unter dem Eise ein Riese kauert und sich bemüht, mit der Kraft seiner Schultern die schwere Decke zu 4 heben. Das Eis biegt sich und birst an manchen Stellen, dann senkt es sich wieder. Der gefangene Riese wird ungeberdig wild, und in hellem Zorn verdoppelt er seine Kraft. Das Eis wehrt sich verzweifelt gegen die stemmenden Stöße; vergebens: es bricht und kracht. Eisstücke fliegen auf und fallen nieder wie tote Fische, den weißen Bauch nach oben gekehrt .... Wasser fließt aus den Wunden, umspült das Eis, reinigt es und — verschlingt es. Plötzlich erzittert die ganze Masse und bewegt sich. In Hast und scheuer Eile jagen riesige Eisstücke flußabwärts wie eine geschlagene Armee, ohne Ordnung, ohne Ziel. Die Sonne hebt sich immer höher und verfolgt die Fliehenden mit ihren stechendheißen Pfeilen. Hie und da verfängt sich ein Stück Eis in einem Uferwinkel und stirbt eines langsamen schmerzlichen Todes. Mit trauriger Angst blickt es zu den Gefährten hinüber, die wie toll vorbeijagen. Die letzte Eisscholle ist verschwunden. Welle um Welle jagt heran. Das Wasser verschlingt das niedriggelegene linke Ufer und bricht in die Seitentäler ein. Bei Nacht hört Bejle vom Fuße des Berges her ein kurzes tiefes Gurgeln, als unterdrückte der Fluß ein Lachen und risse sich kichernd aus starkfassenden Händen .... Wieder hat das Leben seine leuchtenden Augen geöffnet, VII. Es gab einen einzigen Lebenden, mit dem Bejle Freund zu sein versuchte. Das war Jaszko, das siebenjährige Söhnchen des' Filip Karpenko, des Bauern, der drüben, jenseits des Flusses in einem kleinen Häuschen wohnte. Jaszko hatte eine niedrige Stirn, graue Augen, ein breites, kurzes Gesicht und weite Pluderhosen. Nie trug er einen Hut und sein weißes Flachshaar fiel ihm über die Augen tief ins Gesicht. Den Mund hielt er stets offen, und sein kleiner Finger weilte immer bei einem der beiden Nasenlöcher zu Besuch. Über alles, was er sah, staunte er. Einmal stand Jaszko neben dem Friedhofszaun und guckte auf die grüngelben Birnen, die auf „Großmutters Baum“ wuchsen. Er staunte, wie er es immer tat, und das Wasser lief ihm im Munde zusammen: In seines Vaters Garten wuchsen viele Arten von Birnen, aber gerade solche nicht. Bejle ging am Zaun vorbei und blieb stehen. Jaszko staunte, Bejle lachte hell auf. „Er hat weiße Haare!“ — rief sie lachend und deutete mit dem Finger auf den Jungen. „Was?“ fragte Jaszko und blickte sich um, spähend und suchend, auf wen sie wohl deute. „Du hast weiße Haare, ich habe schwarze!“ — sagte Bejle nähertretend und zerwühlte ihr Haar. Jaszko streckte die Hand aus, um ihr Haar zu befühlen; er wußte noch immer nicht recht, was sie meine. Bejle lachte wieder hell auf, und verlegen zog der Junge seine Hand zurück. Die beiden Kinder blickten einander an. „Gib Birnen!“ — platzte plötzlich Jaszko heraus — und staunte. Bejle stieg flugs auf den Baum. Jaszko kämpfte lange mit sich, dann sprang er über den Zaun und kletterte ihr nach. So begann die Bekanntschaft. Dan wußte lange nichts von der Freundschaft der beiden Kinder. Er war sehr überrascht, als er eines Tages Jaszko mit Bejle zusammen auf dem Friedhofe sah. Jaszko entlief. Dan wurde rot: „Was ist das für ein Bengel?“ Bejle antwortet gelassen: „Jaszko . . .“ „Jaszko? Was für ein Jaszko? .... Pfui, mit so einem Bengel! . . . .“ Bejle war verwundert: „Warum? . . .“ „Warum? .... Wie denn? .... Du bist doch ein Judenkind, was läßt du dich mit ihm ein? ...“ „Es ist doch Jaszko!“ — erklärte Bejle. Ihre Verwunderung stieg. „Hör an: du bist ein Judenkind und er ist ein Goj; — verstehst du jetzt? . . . .“ Bejle verstand nichts. Als Jaszko am nächsten Tage wiederkam, spielte sie mit ihm wie früher. Sie war im Spiel stets diie Führende, schlug Spiele vor, ersann neue, und wichtige „Lebensfragen“ entschied sie. Jaszko dagegen war faul, phlegmatisch und gehorchte ihr ohne Widerrede. Sein größtes Vergnügen war, mit gekreuzten Beinen,

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