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Das jüdische Echo · 1916-07-07 · 27 (7.7.1916) · p. Seite 253

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
27 (7.7.1916)
Date
1916-07-07
Page
Seite 253 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 27 Das Jüdische Echo 253 ist ja geschehen: — ein Mensch ist hingegangen, um Rechnung zu legen .... Der Erdhiigel wächst und das Volk zerstreut sich. Dann erst geht der Alte nahe zum Grabe, betrachtet es aufmerksam, sieht zu den Grabnachbarn hinüber — und wird ruhiger. Ein paar Wochen vergehen; aus dem frischen Hügel ist ein Grabstein gewachsen. Dan verzeichnet ihn in einem Buche und von dem Menschen ist nichts übrig als ein Name .... Namen, nur Namen .... dreißig Jahre! .... Einmal freilich, da ist das Häuschen nicht so leer gewesen! Söhne, Töchter, Schwiegertöchter und Schwiegersöhne waren darin. Alles fort, zerronnen wie Wasser! Einige sind tot, andere in Amerika, andere — Gott weiß es! Nicht gar lang ist’s her, da hat noch Dans Frau gelebt. Da war es doch in dem kleinen Häuschen viel traulicher als jetzt .... Aber vor etwa drei Jahren, als man nach „der“ Geschichte die kleine Bejle herbrachte, da ging’s zu Ende mit der Alten. Zwei Monate nur vergingen seit dem Tage und die Alte zog aus der Stube, dorthin, unter den alten Birnbaum, der neben dem Zaun steht . . . Wenn es dem Alten gar zu sehr das Herz abdrückt, da schleicht er sich leise, daß Bejle nichts merke, zum Baum. Er liest, als wäre es zum ersten Mal, die Inschrift auf dem Grabstein: „Frau Malke, Salomos Tochter“. Dann setzt er sich neben das Grab. Im Kopfe drängt sich etwas, — nicht Gedanken, eher närrisches Zeug; und das Herz zittert ein wenig. Einmal merkt der Alte: Neben Malke ist so ein schönes Plätzchen, ein stiller friedlicher Winkel! . . . Doch — sein Ruhort wird ja dort sein, zwischen den Männern! .... Bevor er vom Grabe geht, streicht er jedesmal mit den Fingern über die Buchstaben des Grabsteines. Dann geht er langsam dem Hause zu.... So wohnt der alte Dan mit Bejle, seinem Enkclkinde. Als sie in die Totenstadt kam, war sie still und scheu und ging wie traumwandelnd umher. Jetzt aber klingt ihr Lachen durch den stillen Ort der Heiligkeit. Sie hat schwarze Locken, und in ihrem blassen Gesichtchen leuchten zwei hellhellblaue Äuglein. „Ein Königskind!“ geht es dem Alten durch den Kopf, wenn er sie sieht. Es wird ihm eigen ums Herz vor ihr, als wäre er jener altgetreue Diener im Märchen, dem die hohe Ehre zufiel, eine Prinzessin zu hüten. Der alte Dan hat graue, harte Augen und einen bösborstigen Bart. Er weiß es und versucht vor Bejle ein grimmes Gesicht zu machen, wenn er streng sein wfill. Doch die Kleine fühlt Großvaters gutes Herz und lacht; — sie lacht so freudig bell, daß der alte Dan mit den Augen blinzelt; dann brummt er etwas und — seine Finger streicheln ihr seidenweiches Kinderhaar. Doch der alte Dan hat seine liebe Sorge mit dem Kind. „Ich weiß nicht —, das Mädel kennt keine Furcht! Da klettert sie schon wieder auf die Bäume! Jetzt springt sie über den Zaun! Hui, da rennt sie zwischen den Gräbern herum; ich versuche es nicht erst, sie einzuholen! Vergebene Müh’! . . .“ Dort wo der Fluß am Fuß des Hügels fließt, auf dem der Friedhof liegt, ist die Totenstadt nicht umzäunt. Dort stürzt der Abhang jäh zum Flußufer hinab. Dan hat Furcht, jenem Orte auch nur nahezukommen. Doch Bejle springt furchtlos den Abhang hinab und wieder zurück und badet und schwimmt lustig im Flusse ... Noch eines beunruhigt den Alten: „Da redet sie mir wieder mit jemandem; jetzt lacht sie gar. Sie ist mit „ihnen“ zu vertraut. Sieht sie sie denn? Es ist kein gutes Zeichen, wenn ein Lebender mit „ihnen“ so vertraut ist . . . Sie ist ein Kind, noch rein von Sünde. Da haben „sie“ keine Macht über sie. Aber .... Jetzt redet sie schon wieder! .... Bejle! Mit wem sprichst du dort? . . . .“ Argen Schrecken aber steht der Alte aus, wenn Bejle ruhig sitzt — das kommt wohl nur selten vor — und in Gedanken versinkt. Darm runzelt sich ihre weiße glatte Kinderstirn wie bei einem steinalten Greise. Zwischen den schwarzen schmalen Brauen zeichnet sich eine lange dunkle Furche und wirft einen Schatten auf das helle Gesichtchen. Und ihre hellen, blauen Augen werden dunkel und finster, beinahe schwarz, wie ein grundlos-tiefer Bergsee. Der Alte zittert: Er sieht, wie das Kind sich quält, um sich an etwas zu erinnern. Ihr Gesicht wird blaß und alt. So hat ihre Mutter ausgesehen, ja, ihre Mutter — sie ruhe in Frieden! Das Bild seiner Tochter steht lebhaft vor Dans Augen .... „Bejle!“ — ruft der Alte mit zitternder Stimme — „Willst du nicht etwas essen, mein Kind? . . . III. Auf dem Friedhof stehen einige Birnbäume, auf denen kleine harte Birnen wachsen. Bejle hat großes Vergnügen daran, die herben Holzbirnen zu essen. Keine anderen schmecken ihr so gut. Noch mehr Freude macht es ihr, einen Ast zu fassen und ihn zu schütteln .... Die Birnen hüpfen herab, tanzen um Bejle herum, wie ein Hagel und manch’ schelmisches Birnlein versteckt sich im Grase und ist nicht mehr zu finden, mag’s auch vor Bejles Füßen liegen. Bejles höchste Lust aber ist es, auf den alten Birnbaum zu klettern, der neben Großmutters Grab steht. Sie steigt bis zum höchsten Wipfel, reißt die Birnen von den dichten Zweigen und wirt sie hinab nach rechts und links .... Die Welt sieht ganz anders aus, wenn man sie von der Spitze des Baumes besieht! Der Himmel weitet sich. Die Erde wird größer und der Friedhof kleiner. Man kann die Stadt ganz deutlich sehen: sie sieht aus wie ein altes Kleid aus grünen, roten, weißen und vielen schmutzigen Lappen. Der Fluß ist groß und träumt so träge dahin! Wenn Großvater unten vorbeigeht, sieht er so klein aus! Und die Füße stellt er so eigenartig — es ist zum Lachen! — einen vor den andern und er selbst pendelt in der Mitte . . . Dan hört hoch über sich helles Lachen. Erschrocken blickt er empor. Selten gelingt es ihm, mit Bitten Bejle vom Baume zu bringen .... Wo der Abhang des Friedhofs zum Flusse abfällt, wächst eine alte, krumme Weide. Sie hängt über dem Abgrund. Doch sie steht fest; denn mit ihren Wnrzelfingern hat sie sich tief in den Lehmboden gegraben und ihre langen, dünnen Finger ineinandergeschlungen. Der Wind wiegt ihre Zweige in liebendem Spiel. Und die Weide träumt in stillem Glück .... Auf dieser Weide sitzt die kleine Bejle gar gern und blickt auf den Fluß. Unten steht am anderen Ufer die dunkelgrüne Fährhiitte. An ihren beiden Seiten wiegen sich Kähne und Flösse. Manchmal raucht ein Dampfer vorüber. Bejle guckt neugierig auf das Deck: Da steht eine Bäuerin, in ein rotes Tuch gewickelt . . . Neben ihr ein Mann mit einem runden steifen Hut, einen Zwicker auf der Nase .... Wieviel verschiedene Menschen es doch auf der Welt gibt; bald grün, bald rot, mit Tüchern und Zwickern. Das sind wohl dort

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