Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 27 (7.7.1916)
- Date
- 1916-07-07
- Page
- Seite 254 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Das Jüdische Echo Nr 27 gar keine echten Menschen, das ist nur Spielzeug. Wie schön wär’s doch, solch ein Spielzeug zu öffnen und zu sehen, wie es innen aussieht! Da müssen Rädchen und Walzen und Zähne drin sein, ■— wie in Großvaters alter. Wanduhr, die einmal herabgefallen ist und seither so .krächzt... Sonderbare Geschöpfe, die Menschlein dort und die Uhren .... Manchmal verläßt Bejle den Stamm der Weide, faßt einen Ast und hängt sich mit den Händen an ihn. Die Weide wiegt sich und murmelt etwas... ja, sie murmelt etwas! . . . Bejle schwebt leicht und frei. Wenn sie hinabschaut, sieht sie, wie der Fluß ihr entgegenrollt, auf und ab . . . Dan sah sie einmal so schaukeln. Die Haare standen ihm zu Berge. So wuchs Bejle auf dem Friedhof heran. Säfte hoben sich vom Boden und flössen in ihre Adern, drangen in ihre Knochen und kräftigten sie. Die Sonne füllte und färbte ihre Wangen, wie sie die Äpfel füllt und färbt. Blumen blühen und Vögel singen des Sommers Lied. Und die reinen stillen Seelen der einst so friedlosen Menschen schweben um Bejle und hüten jeden ihrer Schritte; sie flüstern ihr ins Ohr: „Du Kind ... Du Mädchen . . . Mädchen . . . Kind . . .“ IV. - Im Elul, als auf das heiße, erregte Antlitz des Sommers die ersten Spuren der Müdigkeit traten, da wallte das. Leben in der Stadt dort unten stärker auf, brandete an dem Hügel mit stürmischen Wellen und ergoß sich in die Stadt der Toten. Vom Morgen bis in die späte Nacht zogen über den Weg, der die Toten mit den Lebenden verbindet, Scharen von Männern, Weibern und Kindern, zu Fuß und zu Wagen, bald vom Friedhof, bald zum Friedhof. Das graue Tor unter dem spangrünen Dach stand breit offen und das Leben strömte durch, das Leben als hungriges Bettlertum und als wohlgenährte Behaglichkeit. Beim Torweg stand eine Gasse von Bettlern und Krüppeln. Gekrümmte Greise und bleiche Weiber mit tränenverschwollenen Augen streckten ihre Hände aus, ächzten und murmelten mit scheuen Stimmen. Manchmal wurden die Stimmen voll, wenn einer mit dem andern um Gaben stritt. Hart am Tore saßen an zwei langen Tischen .Juden mit Tellern und Büchern und Zetteln und Büchsen und schrieben den ganzen Tag. Von allen Seiten des Friedhofplans, zwischen den Grabsteinen, aus den fernsten Winkeln drang Gebet und Weinen und Schreien empor, langes, wehes, kummervolles Schreien. Menschen stießen es aus in Weh und Kummer und Sorge. Die Seelen der Totenstadt erschraken. Von oben war strenges Gebot gekommen, den Friedhof den ganzen Monat hindurch nicht zu verlassen. Nun bargen sie sich in ihren Gräbern und hörten all’ die Klagen und Sorgen, die alten Leiden und das alte Weh, dem sie längst entrückt waren. Auf den Gräbern und Gräsern, auf Menschen und Seelen lag starr und schwer ein zusammengewürfeltes Gemisch von Sonnengold und Menschenstöhnen. Ebenso wie sich der alte Dan nicht an den Tod gewöhnen konnte, so konnte sich Bejle nicht in das Leben finden. Seit sie beim Großvater wohnte, war sie vielleicht dreimal In der Stadt gewesen. Immer kam sie verstört heim. Wenn man einen neuen Bewohner zur Totenstadt brachte, versteckte sich Bejle zwischen den Gräbern und betrachtete aufmjerksam, mit wilder Unruhe das Totengeleit, die Menschen .... Sie erschienen ihr alle fremd und fern, wie jene Menschlein auf den Dampfern, die sie von der Weide aus sah. Es schien ihr, als seien das Menschenfiguren; und keine ganze, einfache Bejle war unter ihnen. Sie tun so als ob sie gingen, sprächen und weinten und lachten, — doch das ist so mechanisch! . . . Großvater, der ist ganz anders. Er ist — der Großvater, Bejles Großvater. Sie weiß, wie er wirklich ist, ob er nun sich bemüht, böse dreinzuschauen, wenn er froh ist, oder froh zu scheinen, wenn sein Herz schwer ist. Ja, Großvater ist fast wie Bejle, aber die andern Menschen — nicht. Wenn aber der Elul kam, konnte Bejle keine Ruhe finden. Den ganzen Monat hindurch kochte und schäumte um sie das Leben. Immer und immer kreischten um sie die Rädchen in den sonderbaren Spielzeugen, drehten sich fieberhaft rasch; und die Menschen weinten, murmelten etwas und weinten wieder. In manchem Menschlein verrissen sich die Rädchen ineinander und standen einen Augenblick still; dann stieß das Menschlein ein ersticktes Stöhnen hervor und fiel wie eine Gliederpuppe vor dem Grabstein nieder .... Oft glaubte Bejle das Spiel zu verstehen. Vergessene Bilder und versunkene Klänge tauchten in ihr auf, fern und undeutlich .... Und es gibt keine Ruhe vor ihnen! Wo ein Winkel und ein Hügel ist, da sind sie und wohin sie kommen, von dort vertreiben sie die lieben guten Seelen und tragen Unruhe in ihren heiligen Frieden. Bejle erschauderte. Erst wenn der Monat um, wenn die Feiertage vergangen waren und der Menschenstrom sich zurück ins Tal ergoß, atmete Bejle frei. Dann verließen die Seelen der Totenstadt für eine Zeit ihren Ort und schwebten zum Himmel empor. Ein Bangen blieb zurück. So ist der Herbst da. Er ähnelt dem Großvater; grau und grimmig schaut er drein, doch er ist gut im tiefsten Grunde. Auf den Friedhof senken sich schwermütige Nebel. Die Bäume werden mager und dürr. Die Weide murmelt, doch ganz anders, ganz anders als früher. Regen und Wind erheben sich. Fort ist der liebe blaue Himmel, fort .... V. „Großvater, Großvaiter! Dlie Seelien kommen aus dem Himmel zurück!“ — schreit die kleine Bejle vom Fenster her und stürmt aus der Stube. Wahrhaftig: die Seelen schweben hernieder. Zart und weiß kommen sie von allen Seiten des Himmels, wiegen sich in der Luft und sinken dann weich auf das Kind; auf ihrem Haar, ihren Brauen und Backen hocken sie fröhlich, raunen ihr schelmisch ein Geheimnis ins Ohr und verschwinden huschend wie ein Lächeln. Und neue kommen, unzählig. viele, wie die kleinen Sterne des Himmels. Wie im Rausch tanzt Bejle umher und hascht nach den weißen Blütensternen, die vom Himmel schweben. Dicht und dichtet fallen die Flocken, der Boden wird grau, dann licht und endlich deckt ihn eine seidigweiche weiße Decke. Ihre Falten schmiegen sich an die Erde und raunen gütige Worte dem kleinen Kinderfuß zu, der über sie hinschreitet. Und nun gar der Fluß, der liebe Kamerad Bejles! Mit ihm ist sie täglich beisammen; und nun sieht sie, wie er wild zwischen den weißen Ufern seine dunklen Fluten wälzt. Sie sind fast schwarz und blicken grimmig in Ahnung böser Tage der Haft. Kaltschneidender Wind pfeift von Norden her über den Fluß; — und der Fluß wird dunkelblau, zittert vor Kälte erschauernd, biegt sich und