Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 27 (7.7.1916)
- Date
- 1916-07-07
- Page
- Seite 249 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 Das Jüdische Echo 249 komitee, die den Standpunkt vertreten, daß der polnische Jude neben seinen polnischen auch jüdische Interessen zu vertreten habe. Besonders starken Eindruck auf das jüdische Publikum machte ein kurzer Aufruf der chassidischen Rabbiner mit dem Qerer Rabbi an der Spitze, in dem die Juden zur Abgabe ihrer Stimmen auf gefordert werden. So sehr auch die Unsicherheit der allgemeinen politischen Lage als Hemmung des Wahlinteresses zu gelten hat, so wenig sich: bisher über das endgültige Ergebnis der W,ahlen sagen läßt, so wenig noch die Frage der Wahlberechtigung der „Litwaki“ (der aus Rußland stammenden Juden) geklärt ist, so haben dennoch die bevorstehenden Wahlen schon ein Ergebnis gehabt: sie haben den Willen der Warschauer Judenheit zu nationaler Einheit deutlich erwiesen. Zangwills Forderungen an den Friedenskongreß. Israel Zangwill hat im Rahmen eines Buches über „Judenfrage und Friedenskongreß“, das er demnächst herausgeben wird, seine Forderungen an den Friedenskongreß, die vom Conjoint Committee, der Anglo Jewish Association und dem Board of Deputies geteilt werden, formuliert. Das aufgestellte Programm lautet: „1. Wir fordern Rechte für jüdische Bürger in jedem Land; sowohl bürgerliche, politische, religiöse wie nationale Rechte, in demselben Maße, wie sie den meist Bevorrechteten ihrer Mitbürger in dem betreffenden Land gewährt sind oder eingeräumt werden. 2. Obendrein fordern wir für die Juden, die in dem Land, wo sie jetzt ansässig sind, nicht bleiben können oder wollen, die Möglichkeit der Kolonisierung eines Gebietes auf der politischen Grundlage der Autonomie. Das Conjoint Committee fordert, daß diese Möglichkeit zur Kolonisation und Emigration speziell für Palästina gegeben werde, da man annimmt, daß die alliierten Mächte, falls sie siegen, über die Zukunft Palästinas zu bestimmen haben werden. Ich persönlich bin der Meinung, daß kein Gebiet mit welchem Namen auch immer außer Betracht bleiben darf und daß wir insbesondere die Hoffnung auf Mesopotamien oder irgendwelche Kolonie oder Besitzung, welche zum britischen Reich gehört, nicht aus dem Auge verlieren dürfen. Da aber kein Kolonisationsplan selbst im günstigsten Fall die gegenwärtigen Leiden vermindern oder die jetzige Massenemigration umfassen kann, bleibt der Schwerpunkt der Judenfrage noch immer die Frage der Emanzipation in den Ländern der Unterdrückung, und insbesondere in dem Land, das sechs Millionen Juden, somit die Hälfte des Volkes umfaßt. Darum ist die dringendste Frage, die der Friedenskonferenz vorgelegt werden muß, die der Befreiung der russischen Juden.“ Hotel Simson Tutzing am Starnbergersee Pension von Mk. 7.— an bei bekannt guter Verpflegung Welt*Echo Schächtschwierigkeiten in Nürnberg. In Nürnberg hat die Lebensmittelversorgungs-Kommission im Einvernehmen mit dem Magistrat erklärt, daß sie nicht länger bereit sei, der dortigen jüdischen Gemeinde Rinder zum Zwecke des Schächtens zu liefern. Gegen diese Maßnahme wurde sofort Einspruch erhoben, und es steht zu erwarten, daß sie in allernächster Zeit wieder aufgehoben werden wird. Des „Bayerischen Vaterlandes“ merkwürdige Gebetbücher. Ein Gönner des „Bayer. Vaterlandes“ schickt uns Nr. 145 jenes Blättchens, Darin wird eine Reihe hebräischer Gebetbücher aufgezählt, deren Weiterverbreitung das Preßgericht in Suczawa nach § 58 St.G.B., also dem Hochverratsparagraphen, verboten hat. Das „Bayer. Vaterland“ fügt hinzu: „Es scheint sich also um recht — merkwürdige „Gebetbücher“ zu handeln“. Der frdl. Einsender des Blattes schrieb darunter: „Jüd. Patriotismus! Läßt tief blicken!“ — Lieb „Vaterland“, magst ruhig sein. Der „Hochverrat“ besteht darin, daß die vor dem Kriege in Österreich gedruckten, aber für Rußland bestimmten Gebetbücher das Gebet für den Landesherrn, in diesem Falle also den russischen Zaren enthielten. Wir können sogar dem „Vaterland“ verraten, daß in Deutschland ähnliche hochverräterische Gebetbücher gedruckt werden — nämlich solche, die ein Gebet für den Kaiser Franz Josef enthalten, weil sie für Österreich bestimmt sind. Ein jeglicher Giftpfeil trifft ja nicht! — Professor Dr. Martin Philippsohn ist am 27. Juni 70 Jahre alt geworden. Professor Philippsohn war bis vor einigen Jahren erster Vorsitzender des geschäftsführenden Ausschusses des Deutschisraelitischen Gemeindebundes; er ist Begründer und Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, Vorsitzender des Berliner Vereins für jüdische Geschichte und Literatur und Ehrenvorsitzender des Verbandes der jüdischen Literaturvereine in Deutschland. Er beteiligte sich als Freiwilliger am Feldzuge 1870/71, wurde als Historiker 1871 Privatdozent an der Universität Bonn und 1875 a. o. Professor. Von 1878 bis 1891 lehrte er an der Universität Brüssel und war dort jeweilig Rektor der Universität. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Das Zeitalter Ludwigs des XIV.“, „Leben Kaiser Friedrichs III.“, „Geschichte des jüdischen Volkes in der neuesten Zeit“. Die jüdischen Retter. Es ist eine beklagenswerte Erscheinung im Judentum, daß immer wieder kleine Grüppchen wohlhabender und einflußreicher Juden, denen jegliches demokratische Gefühl, jedes Verständnis für die nationale Sonderexistenz des jüdischen Volkes fehlt, hingehen und sich als Führer und Retter der Juden ihres Landes niederlassen. Die neueste Gruppe dieser Art ist das vor einigen Monaten durch die Initiative des Barons Louis Rothschild in Wien gegründete „Zentralkomitee zur Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte der jüdischen Bevölkerung im nördlichen Kriegsgebiet“. Dieses zum großen Teile aus Persönlichkeiten der Finanzwelt zusammengesetzte Komitee hat kürzlich den Behörden in einem Memorandum die „politischen und kulturellen Forderungen der Juden“ vorgelegt und erhielt die Zusicherung wohlwollender Berücksichtigung. Für den Geist dieses Komitees