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Das jüdische Echo · 1916-07-07 · 27 (7.7.1916) · p. Seite 248

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
27 (7.7.1916)
Date
1916-07-07
Page
Seite 248 (sequence 4)
Language
German
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848 Das Jüdische Echo Nr. 27 Gewalt dieses sittlichen Triebes im Juden kennen lernen will, der lese Jeremia, Kap. 20, Vers 9. — Ganz das Gleiche gilt vom Begriff der „Umkehr . Wo dieser bei den Propheten erscheint, hat er eine sittliche Bedeutung. Sagen wir es ruhig, ob es auch einer neuen Richtung im jungen Judentum hausbacken klingt: Die Wertung alles Menschlichen unter dem Gesichtswinkel des Sittlichen — das ist die Großtat und unerhörte Entdeckung des alten Judentums. Und das ist auch die Zukunft des neuen Judentums, für die wir arbeiten. Denn noch ist nicht „die Erde voll von Gotteserkenntnis, wie das Wasser das Meer bedeckt (Jes, Xi, 9).“ Iph muß es mir an dieser Stelle versagen, des Näheren auszuführen, was man als „Geist des Judentums“ ansehen muß, wenn man von der Bibel ausgeht. Aber mit wenigen Worten sei noch des Ausgangspunktes von Bubers Untersuchung gedacht. Wir halten es nicht für möglich, den Orientalen als motorischen, den Okzidentalen als sensorischen Menschen in dieser Breite gegenüberzustellen. Orientale — von China bis Judäia gefaßt — hört auf, ein Begriff zu sein, weil seine Glieder zu heterogen sind. Es geht auch nicht an, den Inder zum motorischen Typus zu rechnen; ebensowenig aber den Römer zum sensorischen, denn „sein Denken meint Wirken“. Enger gefaßt, etwa auf den klassischen Juden und den klassischen Griechen beschränkt, würde die Antithese bedeutend an Tiefe und Treffsicherheit gewinnen. Aber auch dann noch dürfte eine leise Verschiebung notwendig sein. Gewiß, der Jude erfaßt mehr die Welt als bewegt, der Grieche als sinnlich-bildhaft. Aber noch wesentlicher ist: der Jude erfaßt die Welt gefühlsmäßig, unter dem Begriff des Wertes, der Grieche logisch, unter dem Begriff der Kausalität. — Doch das sind immer nur einzelne Teile der Wahrheit; fraglich bleibt es vielmehr, ob man die Verschiedenheit zweier Völker so tief im Allgemeinsten zu verankern berechtigt ist. Obwohl Buber von dieser obersten Deduktion ausgeht, ist sie für sein Buch doch nicht unentbehrlich; ja, letzten Endes paßt zu ihr der Geist des Judentums, wie ihn Buber entwickelt, weniger als der, den wir oben angedeutet haben. Wir verdanken dem wundervollen Buche Martin Bubers eine große Bereicherung der Literatur über das Judentum, ja der Betrachtung von Welt und Menschenseele. Jeden ernsten Menschen wird es zum Nachdenken über tiefste Fragen anregen. Jedoch, daß es uns den Geist des Judentums wirklichkeitstreu, überzeugend und abschließend zeichne, können wir nicht zugeben. Der Aufruf der Fremdvölker in Rufiland. Zu dem bekannten Aufruf bringt die „Deutsche Tageszeitung“ folgende Ausführungen des Grafen Ernst Reventlow: „Der mitgeteilte Aufruf der „Liga der Fremdvölker Rußlands“ an alle Stammesgenossen und ihre Freunde verdient eine gewisse Beachtung auch dann, wenn man in einer Zeit, wie der jetzigen, nicht allzu geneigt ist, Aufrufen und Vereinigungen, welche sich nicht auf reale eigene Macht stützen, allzuviel Bedeutung beizumessen. Als Fremdvölker Rußlands haben sich in dem Aufrufe bezeichnet: die Bewohner Finnlands, der baltischen Provinzen und Litauens, die Ukrainer und Weißruthenen, die Georgier, außerdem die Mohammedaner als Bekenner einer russischen Religion und die Juden als eine in Rußland unbeliebte R Die Liga geht so weit, ihr Vertrauen auf die „oft bewiesene Gerechtigkeit der Nationen zu betonen, welche heute mit Rußland verbündet sind.“ Rußland mißbrauche sie als Bundesgenossen, um die Ausrottung seiner eigenen Fremdvölker zu betreiben. Dieser Appell an England dürfte in erster Linie von den russischen Juden ausgehen, ebenso wie diese in dem Appell an die Vereinigten Staaten, wo die Macht der Juden bekanntlich sehr groß ist, die Hilfe des Präsidenten in Anspruch nehmen möchten. Ob die führenden amerikanischen Juden unter den obwaltenden Weltverhältnissen für gegeben halten werden, in politischem Sinne gemeinsame Sache mit den russichen Juden gegen das russische Reich und gegen Großbritannien, dessen stiller Teilhaber die Vereinigten Staaten sind, zu machen, ist wohl zweifelhaft. Immerhin dürfte Wilson es an einer wort- und grundsatzreichen Antwort sicher nicht fehlen lassen. Bemerkenswert ist an dem Aufrufe, daß er politisch sich lediglich an die Bundesgenossen Rußlands wendet, abgesehen von der Erwähnung des Appells an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, — und dann an „alle in der Welt, die stammverwandt mit uns sind und in deren Adern unser Blut fließt, alle, die unsere Freunde sind“. Von deutscher Seite kann hierzu wohl gesagt werden, daß alles, was gleichzeitig dem deutschen Interesse entspricht und in deutscher Macht liegt, den Wünschen und Zielen der Fremdvölker Rußlands zugute kommen werde. Was die amerikanischen Juden betrifft, so sind unsere Leser unterrichtet. Die Massen stehen geschlossen auf Seiten der Zentralmächte, eine kleine, nicht einflußlose, wenn, auch zahlenmäßig geringe Oberschicht ist ententefreundlich. Interessant ist das Zusammengehen der jüdischen Massen und der irischen und deutschen bei der Präsidentenwahl. Das „jüdische Votum“ dürfte fast geschlossen Hughes zufallen.“ Wir geben die obigen Ausführungen wieder, weil sie vieles Zutreffende enthalten. Die Warschauer Stadtwahlen. In Polen rüstet man sich zu einem Ereignis, das die Gemüter in die größte Aufregung setzt: die Wahl der Stadtverwaltung auf Grund der neuen Wahlverordnungen. Man rechnet auf die Stimmabgabe von 50 (XX) Wählern, worunter 20 000 Juden sein werden. Die Polen haben zwei, Wahlkomitees gebildet, nämlich das „Zentrale Nationale Wahlkomitee“ und das „Demokratische Wahlkomitee“. Beide haben so offensichtlich antisemitische Tendenzen, daß man schon aus diesem Grunde in jüdischen Kreisen sich veranlaßt sah, ein jüdisches Wahlkomitee zu bilden. Aber auch ohne diese antisemitischen Strömungen würde es sich erwiesen haben, daß die Warschauer jüdische Bevölkerung sich ihrer nationalen Zusammengehörigkeit bewußt geworden ist. In dem neuen Wahlkomitee alle Parteien, die Nationalisten, die Zionisten, “fe Chassidim und die Misnagdim, der nationale teil der Sozialisten und die gemäßigten Assimiianten vereinigt. Nur die extremen Assimilanten und der radikal-sozialistische „Bund“ stehen abseits. Besonders bemerkenswert ist der Anschluß der sogenannten „Neo-Assimilanten“ an das Wahl-

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