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Das jüdische Echo · 1916-07-07 · 27 (7.7.1916) · p. Seite 247

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
27 (7.7.1916)
Date
1916-07-07
Page
Seite 247 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 27 Das Jüdische Echo 247 ander gegenüber: den Orientalen, von China bis Judäa, und den Okzidentalen, vom Griechen und Römer des Altertums bis zum Europäer unserer Tage. Den Morgenländer bezeichnet er als den „motorischen Typus“, den Abendländer als den „sensorischen Typus“. Der motorische Mensch empfindet in Bewegungsvorstellungen, der sensorische in Bildern. „Des einen Denken meint Wirken, des andern Denken meint Form“. (S. 12.) Der sensorische Mensch läßt die Vielheit der Dinge auf sich wirken und bemüht sich, aus ihr eine abstrakte Einheit zu gewinnen; der motorische geht von der Einheit seiner Seele aus und sieht darum die Welt als Einheit. Dieser Trieb zur Einheit tritt beim Orientalen als Forderung auf: die Einheit der Welt vom Menschen aus zu schaffen. Der Weg zur Einheit ist der Weg Gottes; die Welt wird göttlich, indem der Mensch den Weg Gottes wählt. Alle Entzweiung ist Sünde; die Erlösung liegt in der Entscheidung, in dem unbedingten Willen zur Einheit, zum rechten Weg. Diese Lehre von der Entscheidung, zumal in der Gestalt der Umkehr aus bisheriger Richtungslosigkeit, sieht B u b e r als das Grundlegende, Weltgeschichtliche im Judentum an. Die Entscheidung „ist der höchste, der göttliche Augenblick des Menschenlebens, ja des ganzen Weltlebens“ (S. 54), „die Verwirklichung der göttlichen Freiheit und Unbedingtheit auf Erden“ (S. 52). — Aber dieser Akt der Entscheidung zum „wahrhaften Leben“ ist im Judentum kein „bloß ethischer“; „er ist ein religiöser, vielmehr: er ist der religiöse Akt; denn er ist die Verwirklichung Gottes durch den Menschen“ (S. 56). „Nicht der Inhalt der Tat bestimmt darüber, ob sie im Vorhof, im Reich der Dinge verläuft oder ins Allerheiligste dringt, sondern die Macht der Entscheidung, die sie hervorbringt“ (S. 62). „Nicht . . . auf einer ethischen Vorschrift ist die jüdische Religiosität aufgebaut, sondern auf einem Grundgefühl, das dem Menschenleben seinen Sinn gibt: auf dem Grundgefühl, daß eins not tut“ (S. 63). Jeder Einzelne muß seinen Zusammenhang mit Gott immer von neuem erkämpfen, und darin liegt nach B u b e r die Quelle der lebendigen Erneuerung der jüdischen Religiosität zu allen Zeiten. Die lebendige Lehre kämpft im Verlauf der Geschichte immer wieder mit den Mächten, die sie in die starre Form gießen wollen. Als Vertreter dieses lebendigen „unterirdischen“ Judentums sieht Buber in alter Zeit die Propheten, in späterer die Hagada, das Urchristentum, in noch späterer die Kabbala, die chassidische Bewegung an. Nach der Darlegung dieser grundlegenden Thesen seiner Anscnauung vom Judentum wendet Geh Buber zur Betrachtung des jüdischen Mythos md der jüdischen Mystik. Die Zeiten sind glücklich vorüber, wo man in diesen Dingen Schlacken sah, von denen das „reine Judentum“ geläutert werden mußte. Nicht zum wenigsten ist es Bube r s Verdienst, daß wir uns wieder der dichterischen Bildkraft, die in diesen Schöpfungen jüdischen Geistes liegt, ungeschmälert freuen können. Der Schluß des Buches ist der Darstellung des Chassidismus gewidmet, der eng an die mystische Welt-Verinnerlichung der Kabbala ankniipft. Und hier, in chassidischen Legenden und Aussprüchen der Zaddikim, ist so manches lebendig veranschaulicht, was im ersten Teil in kurzen, theoretischen Sätzen niedergelegt war. Aber zu kurzem Referat eignen sich diese Dinge nicht. Eignet sich überhaupt Bubers Buch nicht. Es muß in seiner Ganzheit gelesen, durchdacht, genossen werden. Die schwer mit Gedanken und Bildern beladene Sprache ist so kurz zusammehgedpängt,;däß in einer' Wiedergabe überhaupt kaum ein Wort fehlen dürfte. Das Buch ist ein organisches Kunstwerk. Aber fragen wir lieber: Was gibt uns Bubers Buch vom Geiste des Judentums und seiner weltgeschichtlichen Bedeutung? So müssen wir antworten: Es gibt nur einen Faden jüdischer Geistes-Entwicklung, und nicht einmal den wichtigsten. Will man .die Rolle Israels in der Weltkultur, seine Wirkung auf die Völker richtig erfassen, so muß der Schwerpunkt der Betrachtung da liegen, wo ihn der unbefangene Blick auch immer gesucht hat: im klassischen, biblischen Judentum und seinen Werten. Wo seit der Zerstörung seines nationalen Lebens das Judentum noch in ganz großem Stile auf die Welt wirkte, da geschah es durch „Ketzer“, durch Losgelöste, wie Spinoza, wie Marx und Lassalle. Buber selbst gibt dafüt tief eindringende Erklärungen. Aber sein eigenes Werk fußt nur zum geringsten Teile in diesem klassischen Judentum. Es kann kein Zufall sein, sondern ist durchaus bedeutsam, daß in diesem Buch vom „Geist des Judentums“ sich kaum ein Zitat aus der Bibel findet, gegenüber zahllosen später jüdischer Denker. Es ist kein Zufall; denn der Geist des Judentums, wie ihn uns Buber darstellt, ist der Geist eines späten, eines Exil-Judentums. Weil der Jude aus seiner Gemeinschaft gerissen war, stellte dieses spätere Judentum die Einzelseele ganz auf sich allein; weil der Jude von der mütterlichen Erde abgelöst war, 'versenkte sich seine Seele in unterirdischen und überirdischen mystischen Spekulationen. Innerlich ausgehend von der Betrachtung des Chassidismus, rückschreitend zur Kabbala, zum Midrasch, zum Urchristentum, hat Buber freilich auch versucht, diese Fäden an das antike Judentum des Prophetismus anzuknüpfen, aber doch nur ganz locker. Denn hier, im Prophetentum, liegt in der Tat der Ausgangspunkt, an dem sich zwei Entwicklungswege scheiden: Der eine: das „Leben in Gott“, die Gestaltung der Menschengemeinschaft zu einer sittlichen, heiligen; der andere: das „Leben in Gott“ im Sinne mystischen Aufgehens der Einzelseele in der Weltseele. An der Grenze beider Wege stehen noch die Essäer und Jesus. Buber hat nur den einen Weg venolgt, aber es ist nicht der des klassischen Judentums, nicht der Weg, der es an die Spitze der Menschheit geführt hat. Ich möchte nicht mißverstanden sein: Auch die Bibel lehrt das Leben in Gott. „Ganz sollst Du sein mit Jahwe, Deinem Gotte“. Die Propheten beziehen alle ihre Forderungen auf Gott. Aber ihnen ist dabei Gott eben die Verkörperung (oder Vergeistigung) des sittlichen Prinzips. Nicht jenseits von Gut und Böse, sondern durch sittliches Handeln vollzieht sich nach ihnen die Vereinigung des Menschen mit Gott. Für eine Lehre, wir sie Buber gibt, daß nicht der Inhalt einer Tat ihre Wertung bestimmt, sondern ihre „göttliche Unbedingtheit“, habe ich auch bei erneuter Durcharbeitung der Prophetenbücher in diesen keine Grundlage finden können. Wohl sehen auch die Propheten auf den Geist, in dein eine Tat getan wird, aber die Unbedingthei’t, die sie verlangen, ist die U n b e d i n g t h e i t de r sittlichen Forderung. Wer die elementare

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