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Das jüdische Echo · 1916-07-07 · 27 (7.7.1916) · p. Seite 246

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
27 (7.7.1916)
Date
1916-07-07
Page
Seite 246 (sequence 2)
Language
German
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246 Das Jüdische Echo Nr. 27 deutscher Kreise über mancherlei Dinge auf das deutsche Judentum abzulenken. Sie sehen, Herr Ballin, es handelt sich hier nicht um einen Kampf gegen Ihre oder eine andre Einzelpersöiilichkeit, sondern um den Kampf gegen ein System. Mit Haß und Wut hat man zugesehen, daß ein großdenkender Kaiser, ein vorurteilsloser Kanzler Juden in ihre Nähe zogen. Solange Ihr Wirken an jedem Tage aufs neue 0in Beweis Ihrer Tüchtigkeit war, solange es jeden Tag aufs neue dem Deutschen Reiche einen Nutzen brachte, der sich in vielstelligen Zahlen aiisdriicken ließ, solange konnten nur einige schwachköpfige Dogmatiker es >vagen, von der „Gefährlichkei-t“ Ihres — sollte heißen des jüdischen — Einflusses auf das Schicksal Deutschlands zu reden. Durch den Krieg aber ist Ihre hochbedeutsame Tätigkeit unterbunden worden, die Flotte, an der Sie interessiert sind, ist in deutschen, und ausländischen Häfen kaltgestellt, bringt dem Reiche keinen momentanen Vorteil, und nun wagen sich jene, die es mit geheimem Ingrimm ansehen mußten, daß Sie als Lohn Ihrer Tüchtigkeit das Vertrauen Ihres Kaisers genossen, mit ihrem Gekläff an Sie heran. Nun sollen Sie aus schmählichem Eigennutz, aus Sorge um den Aktienwert Ihrer Gesellschaftsanteile, aus Sorge um die Schiffe Ihrer Gesellschaft, die in amerikanischen Häfen liegen, aus Furcht, England könne nach dem Krige noch dem deutschen Kaufmann „böse“ sein, den Unterseebootkrieg, der angeblich Deutschland in wenigen Wochen von seinem Hauptfeinde befreien würde, kraft Ihres persönlichen Einflusses hintertreiben. Aber nein, ich vergaß, daß die Verdächtigungen ja noch brutaler lauten: Sie sollen ja Geld vom Auslande empfangen haben. Wozu? Damit Englands Flotte unversehrt bleibt und damit Amerika sich weiter durch seine Munitionslieferungen bereichern kann. Wie gesagt, Herr Ballin, nicht Sie allein sollen diesen fluchwürdigen Verrat treiben, sondern die „nichtdeutschen“ Elemente in der Umgebung des Kaisers. Und wozu? Natürlich, damit die „nichtdeutsche“ Kaufmannschaft in Deutschland, die offenbar in der Vorstellung adliger Kreise im deutschen Vaterlande eine Handelsgesellschaft auf Gegenseitigkeit mit ganz einheitlichen Interessen bildet, ihren Vorteil findet. Daß die deutsche Kaufmannschaft, die sich ja gerade nach der Meinung der erwähnten Kreise besonders stark aus „nichtdeutschen“ Elementen zusammensetzt, durch eine lange Dauer des Krieges so völlig ruiniert werden kann, daß Englands und Amerikas Gut- oder Bösesein nach dem Kriege ihr gar kein Nutzen oder Schaden mehr zu bringen vermag, das bedenken jene Leute, die einen Sundenbock suchen, nicht, weil es ihnen nicht in ihren Kram paßt. Herr Bailin, ich hätte es nie gewagt, Ihnen dieses widerwärtige Geschwätz zuzutragen, wenn Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig - überall erhältlich Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (HotelKönigshof) ich nicht fürchtete, daß es die schwersten Folgen haben kann. Die Geschichte lehrt, daß keine Verleumdung zu dumm und zu gemein war, um geglaubt zu werden — sofern sie nur gegen die Juden gerichtet war. Daß auch die blödsinnigste Lüge sich in den Völkern einnisten und Tausende von Juden um Glück und Ruhe oder sogar um Gut und Blut bringen konnte. Herr Ballin, die Verdächtigung, daß die dem Kaiser vertrauten „nichtdeutschen“ Finanz- und Handelsgrößen Deutschland verraten, die richtet sich nicht gegen Ihre oder irgendeine andre einzelne Person, sondern gegen die typischen Vertreter des deutschen Judentums. Und darum haben Sie, Herr Ballin, kein Recht, über diese Verleumdung, so sehr Sie sich auch vor einer Berührung mit ihr ekeln mögen, mit Verachtung hinwegzugehen. Weil die andren Sie — gleichviel wie Sie selbst darüber denken — als Vertreter der deutsch-jüdischen Kaufmannschaft auffassen, darum müssen Sie dm Namen (des deutschen Judentums, das die bereits genannten einflußreichen Kreise dem nervös gewordenen Volke als Sündenbock hinwerfen möchten, dafür sorgen, daß die besonneren und gerechteren Elemente des deutschen Volkes (nicht etwa nur die vom Volke als „Judenpresse“ bezeichneten ^liberalen Zeitungen) den Wahnwitz und die Gemeinheit dieser infamen Lüge aufdecken, ehe sie immer wreiterfrißt und unabsehbares Unheil über die deutsche Judenheit bringt. Werden Sie, Herr Ballin, sich klar machen, daß Sie verpflichtet sind, gegen die Verleumdung des deutschen Judentums einzuschreiten? Ich verbleibe usw. Helene Hanna Cohn, Vom Geist des Judentums. Von Dr. Elias Auerbach (im Felde). Den Geist eines Volkes und die richtenden Kräfte seiner Kulturschöpfungen klar zu erfassen und darzustellen, ist eine schwere Aufgabe; weit schwerer noch als die Erfassung einer genialen Einzelpersönlichkeit mit allen ihren Widersprüchen, Unklarheiten, Begrenzungen, hinter denen doch als Einigendes, Zusammenfassendes eben die Persönlichkeit steht. Ein Volk, dessen Leben sich aus Tausenden von Einzelgestalten, über Hunderte von Jahren hinweg, zusammensetzt, spottet anscheinend jedes Schemas, wie der organische Körper jeder geometrischen Konstruktion. Nur höchste Konzentration und weitschauende Verknüpfung scheinbar fernliegender Einzelheiten kann hier zum Ziele führen. Und jeder solchen Darstellung stehen zwei Gefahren gleich nahe: Unwesentliches zu Wesentlichem zu stempeln — oder Züge von solcher Allgemeinheit zu zeichnen, daß das Individuell-Lebensvolle eines Volkstums zum blassen Abbild eines allgemein- Menschlichen wird. Gerade am jüdischen Volk ist in beiden Richtungen genug gesündigt worden; man denke an die mißglückten Versuche von Lazarus auf der einen, von H. St. Chamberlain auf der anderen Seite. Trotzdem reizt die große und würdige Aufgabe immer aufs neue und erheischt Lösungen. Einen erneuten Versuch macht Martin B über m seinem gedankenschweren und sprachgewaltigen Buche „Vorn Geist der Judentums“.1) Vom weitesten Kreise ausgehend, stellt Buber zunächst zwei große Typen der Menschheit ein- ') Leipzig 1916, Verlag Kurt Wolff.

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