Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 27 (7.7.1916)
- Date
- 1916-07-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den V erlag — Bezugspreis: Viertel). M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M.4.—, Einzelnummer 10 Pi. —Verl ag des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4. — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, mw/Mwm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 PI. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 27 München / 3. Jahrgang 7. Juli 1916 Offener Brief an Herrn General** Direktor Ballin. Herr Ballin, ich habe nicht den Vorzug, Sie persönlich zu kennen, ich stehe — so sehr ich Ihr kluges Wirken bewundere — Ihren Leistungen mit der Fremdheit eines Menschen gegenüber, den es zu ganz anders gearteten Zielen als den Ihrigen drängt. Ich weiß auch nicht, ob mir bei genauer Kenntnis Ihrer Art diese die verehrende Liebe einflössen würde, die ich für einige andre Zeitgenossen empfinde. Aber da Leistungen wie die von Ihnen vollbrachten, Tüchtigkeit, Festigkeit und Würde voraussetzen, so habe ich alle Veranlassung, einen kühnen Geist und einen achtenswerten Charakter bei Ihnen anzunehmen. Und deshalb, Herr Ballin, erachte ich es als meine Pflicht, zu protestieren, wenn man in meiner Gegenwart ehrenrührige Beschuldigungen gegen Sie erhebt. Daß ich mir erlaube, Ihnen zu sagen, wessen man Sie beschuldigt, das geschieht nicht nur, weil ich Sie, Herr Ballin, als einen Mitmenschen achte, sondern besonders deshalb, weil Sie ein Jude sind. Ich weiß nicht, wie Sie zu Ihrem Judentum stehen, weiß nicht, wie tief Sie die Stammesgenossenschaft mit den andren Juden empfinden und wie weit Sie sich Rechenschaft darüber geben, daß Sie alles, was Sie tun, nicht nur als Mensch, als Beamter, als Staatsbürger, sondern daß Sie es in erster Reihe als Jude tun. Doch .gleichviel wie Sie selbst in diesem Punkte empfinden — die Welt blickt auf Sie nicht nur als auf den Menschen Ballin, sondern Sie sind ihr auch oder besonders der Jude Ballin. In den Kreisen der Juden selbst, der Judenfreunde und vor allem der Judenfeinde bemüht man sich, aus Ihrem Wesen die typisch jüdischen Züge herauszuschälen und all Ihr Tun und Lassen, Ihr Fühlen und Denken auf das Verdienst- oder Schuldkonto des gesamten Judentums zu setzen. Dadurch, Herr Ballin, liegt auf Ihren Schultern eine Verantwortung, die nicht minder schwer ist als die Verantwortung für das Wohlergehen der deutschen Handelsflotte: es lastet auf Ihnen die Verantwortung für den guten Ruf des Judentums, für die Reinhaltung des Schildes seiner Ehre. Die Pflicht lastet auf Ihnen, das Judentum, als dessen typischer Vertreter Sie der Welt nun einmal gelten, zu verteidigen, wenn es in Ihrer Person angegriffen wird. Herr Ballin, gewisse Umstände geben mir Gelegenheit, täglich ziemlich rückhaltlos die Meinung deutscher hochgestellter konservativer Kreise über den Kaiser, den Kanzler, die Politik der deutschen Staatsregierung und die dem preußischen Hofe nahestehenden Persönlichkeiten zu vernehmen. Herr Ballin, wie ich selbst feststellen konnte und wie mir von den genannten Kreisen angehörigen Bekannten bestätigt wird, spricht man dort die Verdächtigung aus, d a ß der Kaiser und der Kanzler unter dem mächtigen Einfluß jüdischer Großkommerzieller und Finanzleute stehen, daß diese Leute vom feindlichen und neutralen Aus lande bestochen seien und daß sie den Kaiser wie den Kanzler veranlassen, den Krieg in einerWeise zu führen, die dem Auslande nützlich, dem Deutschen Reiche aber schädlich sei. Dies, Herr Ballin, glaubte ich gerade Ihnen sagen zu müssen, weil sämtliche von den Verbreitern dieser Verleumdung angegebenen Charakteristika, nämlich das Jüdischsein, der Stand des Großkaufmanns und die Zugehörigkeit zum persönlichen Umgangskreise des Kaisers auf Sie zutreffen. Daß man es noch nicht wagt, in diesem Zusammenhänge laut und auch öffentlich Ihren Namen zu nennen, sondern bei der Aufrollung dieser Frage nur bestrebt ist, den Interessen-Gegensatz zwischen der deutschen Kriegs- und der Handelsflotte zu betonen, wird Sie nicht täuschen, denn Sie selbst wissen, daß dem Volke, in allen Sphären, als der Handelsflotte Geist im Grunde nur Herrn Bailins eigner Geist gilt. Auch die häufige Ersetzung der Bezeichnung „jüdisch“ durch das Wort „nicht-deutsch“ wird Sie nicht irreführen — Sie, der deutsch sprechende, von deutscher Bildung durchtränkte, für Deutschlands Interessen arbeitende deutsche Bürger wissen selbst, um welches Bestandteiles Ihres Wesens willbn Sie von gewissen Kreisen zu den „nichtdeutschen Deutschen“ gerechnet werden. Herr Ballin, ich weiß nicht, ob die obenerwähnte Verdächtigung der „bei Hofe einflußreichen nichtdentschen Finanzleute in Deutschland“ sich schon bis in Ihre Umgebung gewagt hat. Weil ich das nicht weiß, habe ich mir erlaubt, diese Verleumdung, die von Mund zu Munde läuft und wie ein Gift in immer weitere Volksschichten eindringt, gerade Ihnen zu wiederholen, gegen den sie gerichtet ist. Sie werden sich vielleicht den Kopf zerbrechen, weshalb man gerade Ihrer Person ein so fluchwürdiges Mißtrauen .ejntgegenbringt. Wir aber, Herr Ballin, die wir Ihr Wesen und Ihre Stellung in der Welt voii außen betrachten, wundern uns nicht. Wir verstehen diese Verdächtigung als einen Versuch, in Ihnen das gesamte deutsche Judentum anzugreifen und den Unwillen gewisser