Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 26 (30.6.1916)
- Date
- 1916-06-30
- Page
- Seite 238 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Das Jüdische Echo Nr. 26 Das Judentum ist also keine vor allein transzendente Philosophie, mit mystischem Umschlag. Es sucht die Ethik auf Grün et der praktisch-geistigen Überlegung zu begr ii n d e n. „Auf daß es dir und den Menschen — allen Menschen — auf Erden gut gehe . Die geringste jüdische Gemeinde Rußlands fungiert als soziale Einrichtung (ohne die in diesem Kriege Millionen Juden verhungert wären), ist die Geburtsstätte großer Gelehrter. Orte, wo seit Jahrhunderten die Polen und Russen geistig verkamen, zeigten in derselben Zeit ein beispielloses geistiges Leben der jüdischen Bevölkerung. Der Bewohner der jüdischen Dörfer erschöpft seine jüdische Tätigkeit nicht im Besuch des Tempels. Als Chevra-Mann und in vielen andren Mizwoth leistet er sozial Erkleckliches. Über den festgesetzten Gottesdienst hinaus gilt sein Studium der hebräischen Literatur. Diese Kenntnis, Vertiefung, Fortbildung des Sinnes des Judentumes ist für das Ganze nud für den Einzelnen eine Lebensbedingung. Nur wenn wir den jüdischen Geist erleben und immer wieder erleben, kann er uns und anderen Werte geben. Ein geistig erschlaffendes Judentum muß und soll zerfallen. Kein eisernes System, kein dogmatischkirchliches Gebäude theologischer Kasten stellt das Judentum dar. Nur das, wovon wir ein Teil sind, was wir täglich mitbegründen, woran wir arbeiten, kann Befriedigung geben. „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Sollte nur die Fabrik, das Geschäft des Kaufmanns ein geistiges Durchdenken und Erfassen erfordern und unsere Religion keiner geistigen Mitarbeit bedürfen? Gewiß eine piece de resistance von Männern treffen wir bei allen jüdischen Gelegenheiten. Sie sichern die Existenz der Vereine, die Masse steht Gewehr bei Fuß abseits. Im Leben meiden die Mitglieder jüdischer Gemeinden jede Gemeinschaft. Nur die Toten kennen auf den jüdischen Friedhöfen eine Einheit und einen Zusammenschluß. Die mangelnden Ausstrahlungen dieser Empfindung konnten wir am deutlichsten an einer Begebenheit nachweisen: Die Revisionskämpfe um das Judenedikt zeigten, wie weit wir gekommen. Intoleranz auf allen Seiten, mangelndes Gemeinschaftsgefühl. Sollen wir ähnliche Verhältnisse wieder erleben? Wir werden und müssen sie bekommen, sofern wir nicht mit der Reform der Gemeindegesetzgebung auch eine Renaissance unserer Kulturarbeit beginnen. Wir haben die Ausbildung der jüdischen Jugend, des heranwachsenden Geschlechtes gefordert. Erst wenn jeder erwachsene Jude vom jüdischen Geistesleben befruchtet wird und wiederum die Gemeinschaft befruchtet, kann eine wirkliche Durchdringung der jüdischen Masse mit jüdischem Geiste erfolgen. Die jüdische akademische Jugend begann eine neue jüdische Tätigkeit mit der Begründung jüdischer studentischer Organisationen, welche ihnen persönlichen und intellektuellen Halt gaben, die jüdischen Logen machten unter den Reitunterricht gründlich und zweckgemäss erhalten Sie im Universitäts-Tattersall Amalienstr. 27 Trambahn'inie 2, 3, 10, 26 Telephon 26451 Prospekte auf Wunsch Älteren einen vielversprechenden Anfang. Aber ihre Zahl ist vorerst zu beschränkt, ihre Tätigkeit zu sehr von der ökonomischen Lage ihrer Mitglieder abhängig. Das pseudo-jüdische Vereinsleben, das im Schatten der Gemeinden sich ausdehnt, muß Farbe bekennen, es muß ein jüdisches Gepräge erhalten. Wir kommen zu dem zurück, was wir als Ausgangspunkt für diese Aufsatzfolge nahmen: In Deutschland ist, vom liberalen Manchestertum des deutschen Parlamentarismus der 1870er Jahre getragen, der Gedanke der freien geistigen und kulturellen Entwicklung ohne staatlichen Einfluß und Einschlag ausgegangen. Die letzten Jahrzehnte dagegen machten den Staat, die Vertretung der Gesamtheit zum Mittelpunkt und zur Hauptstütze jeder Fortschrittsbewegung. Auch für uns gilt diese Erkenntnis. Über den Weg der Reform des Judenstatuts in Bayern müssen wir Gemeinden zustreben, die in großzügiger Weise teils mit Mitteln der Gesamtheit, teils durch Befruchtung der Privatinitiative die bayerische Judenheit zu ihrer historischen Bedeutung zurückführen. Große Arbeiten erwarten uns. Aber je fester der Kranz sozialer und geistiger Schöpfungen um den Bau der Gemeinde wächst, desto kräftiger dehnt sich auch das Bewußtsein unserer Kraft zu jüdischer Fortentwicklung. Blau-Weiß-Tag 1916. Der Jüdische Wanderbund „Blau-Weiß“, der in den verschiedensten Städten Deutschlands wanderlustige Buben und Mädchen um sich schart, veranstaltete an den Pfingsttagen eine Führerversiammlung in Lockwitz. Der Führer des Münchner „Blau-Weiß“, Herr Eli Steinberg, gibt uns nachstehende Schilderung der erfreulichen Veranstaltung. Pfingsten in Lockwitz! Lange vorher wurde dieses Schlagwort bekannt, war es doch das erste Mal seit Bestehen des Bundes, daß eine solche Tagung einberufen wurde. Nicht nur sollte eine Beratung der Führerschaft stattfinJen, sondern die meisten Bünde hatten ihre Pfingstfahrten in die Sächsische Schweiz angesetzt. Es wurden 200 Blau-Weiße erwartet. Unvergleichlich gut war Lockwitz als Ort der Tagung gewählt; wie für uns geschaffen war das Grundstück, das uns zur Verfügung stand: eine leerstehende Fabrik sollte uns aufnehmen. Die Zimmer, mit Stroh ausgelegt, boten der größten Zahl der Wanderer genügend Raum, und andere Ansprüche macht ein Blau-Weißer nicht. Ringum lagen große Wiesen und Wälder und das alles weit draußen, fern vom Stadtgetriebe. Die Berliner waren schon am Freitag angeriiekt, die anderen Blinde kamen im Laufe des Sonntags an. Hamburg, Breslau, Köln, Mannheim, München, Leipzig, Ratibor, alle hatten die Vertreter ihrer Bünde entsandt. Die vom ersten Moment des Sichkennenlernens beginnende herzliche Kameradschaft, die Harmonie, welche die frohe Wanderschar beseelte, legte beredtes Zeugnis davon ab, daß unser Blau-Weiß seinen Erziehungsaufgaben vollauf gerecht wird. Der Sonntag verging bei gemeinsamem Singen und Spielen, der Montag war der 1. Verhandlungstag der Führerschaft, während dessen der größte J.eil der Wanderer Tagesfahrten in die Sächsische Schweiz unternahm.