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Das jüdische Echo · 1916-06-30 · 26 (30.6.1916) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
26 (30.6.1916)
Date
1916-06-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertel]. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M.4.—, Einzelnummer 10 Pf. — Verlag des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München* Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 26 München / 3. Jahrgang 30. Juni 1916 Von Bayerns Judennöten. Von Felix A. Theilhaber (im Felde). 3. Das Gemeindeleben. Wer die Geschichte des jüdischen Gemeindelebens in Bayern verfolgt, findet, daß zum Ende des XIX. Jahrhunderts in den größeren Gemeinden zwar gesellige Vereine bestanden, daß diese aber auf jede jüdische Note verzichteten und auch absolut keinen jüdischen Charakter hatten, wenngleich sie nur Juden aufnahmen. Sie dienten so ziemlich ausschließlich der Veranstaltung von Tanzvergnügungen für die jüngere Welt und als Mittelpunkt zahlloser Skatpartien für die älteren Semester. Ein wirklich jüdisches Veireinslebfen ist erst das Produkt der neueren Zeit. Abgesehen von den Logen der B. B. und einigen Literaturvereinen ist die Tätigkeit der Organisationen freilich nicht sehr lebhaft (ich sehe von der Vereinen der jung-jüdischen Bewegung, die in München und Nürnberg in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Anhängerschaft eine ziemliche Lebenskraft dokumentieren, absichtlich ab). Viele Vereine erschöpfen ihre Tätigkeit mit dem Aussenden eines Kassierers. Eine wirkliche Stoßkraft konnte das bayerische Judentum durch irgendeine Organisation nicht erlangen. Die jüdischen Gemeinden kümmerten sich nur um die Gottsdienste und überließen fast alle anderen Dinge dem Zufall oder der Schickung. (Daß hier und da mehr geschah, war nicht das Verdienst der Gemeinde, sondern das persönliche Verdienst irgendeines Rabbiners.) Politischen und wirtschaftlichen Angriffen der Antisemiten stand keine geeinte Phalanx aller Angegriffenen gegenüber (viele und die meisten reagierten auf solche Angriffe nicht, weil s i e nicht angegriffen wurden), die Geselligkeitsvereine waren oft von einem erdrückenden Kasten- und Protzgeist, welcher auf viele bessere Elemente abstoßend wirkte, während die Ärmeren ohne Anschluß und ohne Zusammenhang dastanden. Der große Mangel an sozialem Empfinden, das unjüdische Gebahren entspringt letzten Endes der Stagnierung der geistigen Entwicklung des bayerischen Judentumes. Wir haben die oberflächliche Erziehung der Jugend kennen gelernt. Das geringe geistige Schaffen Einzelner wie der Gesamtheit der bayerischen Juden kann uns nicht mehr verwundern. Es fehlt jedes wirkliche Instrument zur Verbreitung jüdischer Wissenschaft, jede wirkliche wissenschaftliche Sammlung. Dabei ist das bayerische Judentum überaus bodenständig und heimatsliebend, sodaß es nur ungern den Norden oder Osten aufsucht, wo es geistig-jüdische Anregung finden kann. (Hochschulen, Archive, Zentren jüdisch-geistiger Tätigkeit finden sich ausschließlich in Norddeutschland.) Die Sturmjahre des jüdischen Nationalismus bescherten allerdings auch Bayern mit Ansätzen, aufkeimenden Lesehallen und Vereinen für Demographie und Statistik. Daneben entstanden kleine Lehrseminare, sporadisch eine Toynbeehalle, als Ansatz literarischer Betätigung eine einzige jüdische Zeitschrift. Über das übrige geistige Leben wird man bei größter Mühe keine große Geschichte schreiben können. Die jüdischen Gelehrten stammen zum guten Teil aus den östlichen Provinzen Preußens, Galizien und Ungarn. ,Austausch‘-Gelehrte hiefiir hat das bayerische Judentum auf jüdischem Gebiet nicht geben können. Auch was an sozialen Instituten gegründet wurde, erhebt sich wenig über eine dürftige Mittelmäßigkeit. Neben den obligaten Armenkassen, die durch den Hilfsverein vor etlichen Jahren wenigstens im Hinblick auf das Wanderelend reorganisiert wurden, bestehen einige sonstige Unterstützungsvereine (für Holzlieferungen, für/ Studierende usw.), zwei Ferienkolonien und Kinderhorte. Die Vertreter der sozialen Betätigung sind nicht die Gemeinden, sondern die U. O. B. B.- Logen, die lange Zeit von vielen Juden als schädliche ,Absonderungs‘-Vereine gegeißelt wurden. Zeugen diese Ergebnisse von einer hohen intellektuellen und sozialen Kultur der Juden? An seinen Früchten sollt ihr auch das Judentum erkennen. Es geht gerade heute eine Bestrebung dahin, die jüdische Religion zu einem „Glauben“ zu stempeln, das heißt aus weiß — schwarz machen. Unsere „Lehre“, wie sie richtig heißt, ist keine Glaubens- und Gebetmühlenbrüderschaft, die sich in mystischen Erlebnissen erschöpft. Stärker denn Kant hat Moses den kategorischen Imperativ in die Welt hinausgerufen: „Du sollst“; und wiederum „Du sollst“ steht am Anfang alles Heiligen. Unklare, weltfremde Phrasen gehören nicht in das Haus Israel. Im Gegensatz zum Katholizismus wendet sich unsere Lehre an die geistige Mitarbeit aller. Jeder Jude hat das Recht und die Pflicht, alles zu lesen und zu prüfen, zu ergänzen und zu erklären. Manches hat dabei langsam aber sicher seine Wandlung erfahren (Opfergesetze, Polygamie, Karäertum usw.). Die jüdische Idee hofft auf den Messianismus, d. h. auf Zeiten, die wir durch unsere Geisteskultur anbahnen müssen, während die christliche Glaubenswahrheit auf vergangene Zeiten zurückblickt und in ihrer Entwicklung stark durch historsiche IdealvoiStellungen gebunden ist.

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