Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 25 (23.6.1916)
- Date
- 1916-06-23
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Das Jüdische Echo Nr. 25 Freuden dieser Welt "wollte ich nicht! Aber das war kein Weib, das war ein Klotz! Sie mußte kommandiert werden, sonst geschah nichts. „Steh’ auf!“ — rief ich; sie stand auf. „Kleide dich an!“ — sie gehorchte. „Mach Feuer an, koch’ dies und das!“ — Alles führte sie auf Befehl aus, doch allein — nichts. Wenn ich vergaß, ihr zu sagen, was zu tun sei, war nichts getan. Ihretwegen mußte ich — der Lehrer Sender! — all’ meine Würden beiseitelassen und auf den Markt einkaufen gehen, mußte die Kinder anziehen — und noch dazu nicht meine Kinder, sondern fremde! So ein Qolem ist noch nie gewesen! Sie hatte gar keine Seele! Sogar essen muß’ ich sie heißen! Alles Böse auf Feiwel den Schadchen bis ins vierte Glied nach vorwärts und rückwärts! Der hat mir das Prachtexemplar angehängt! Freilich — sie hatte 250 Rubel von all’ den Männern, die sich von ihr geschieden hatten. Jeder hatte wohl mit Freuden den letzten Pfennig dafür hergegeben! Doch dieses Geld war bei einem ihrer Vettern angelegt und der verzinst es mit kaum 14 Prozent. Ich meinte, das sei mein Tod! Ich rede zu ihr, — sie antwortet nicht! Sie weiß gar nicht, daß man zu ihr redet!! Und dann hatte sie noch eine Eigenart: Sie konnte ihre eigenen Kinder nicht leiden. Wo eines ihr nahe kam, gleich setzt’ es einen Puff, einen Knuff! . . . Das Geschrei hörte nie auf. Ich habe einmal im Zorn einen Leuchter nach ihr geworfen — es tut mir heute noch leid. Denn in Wahrheit — war sie denn schuld? Es wird wohl eine Krankheit gewesen sein! Ich fuhr mit ihr zu jedem Rabbi, der nur halbwegs in meiner Nähe wohnte; keiner konnte ihr helfen... Ein Doktor kann einen kranken Fuß heilen; aber wenn kein Fuß da ist, — dann kann der Doktor einpacken! Und der Rabb'i — Vergebung für den Vergleich! — heilt kranke Seelen. Doch Gott hatte vergessen, ihr eine Seele einzublasen. Da kann kein Rabbi helfen. Sie blieb, was sie war. Und ehe ich sie los wurde! Kein Rabbi wollte die Scheidung durchführen. Alle sagten, sie besäße nicht so viel Vernunft, die Scheidung zu verlangen . . . Wie gefällt euch diese Begründung? Wenn sie Vernunft gehabt hätte, wäre sie doch mit ihrem ersten Mann alt geworden! Als ich endlich einen Rabbi fand, der die Sache durchführen wollte, da hat es ein halbes Jahr gedauert, ehe man ihr eindrillen konnte, was sie vor dem Rabbi zu sagen habe. Und in Wahrheit hätte sie auch das nie gekonnt, wäre nicht die Frau des Rabbi — ein prächtig-braves Weib! — solch’ ein Ausbund an Klugheit gewesen. Sie fand einen Ausweg; Gott segne sie dafür! Bei der Amtshandlung war sie dabei; und als die Frage kam, ob mein Golem4) in die Scheidung willige, da nickte sie mit ihrem klugem Kopfe. Das sah mein Golem und das „Ja“ kam heraus mit Gottes Hilfe...“ Die zwei anderen Frauen haben sich von Sender geschieden. Einer gefiel sein langer struppiger Bart nicht. Sie sagte, er sei ihr zu struppig und sie ekle sich vor struppigen Bärten. „Was kann ich tun, da ich nun einmal einen langen, etwas struppigen Bart habe? Ich kann doch nicht — Gott verhüte es! — ihretwegen 4) Eine Menschenform aus Lehm, der Rabbi Löb aus Prag der Sage nach durch ein kabbalistisches Zauberwort des Gottesnamen Leben einhauchte und die er als Diener verwendete. Diese Sage wurde oft in Poesie und Prosa verherrlicht. Hier bedeutet es einen Lehmklumpen, Klotz, ohne Seele (Auch der Golem hat der Sage nach keine). mich rasieren lasen? Ich setzte ihr auseinander, ein langer Bart sei eine ehrwürdige Mannesz.er; Juden schwören bei ihrem Barte wie bei einer Heiligkeit Sie aber blieb dabei: mein Bart ekle sie an; sie könne keinen Bissen hinunterbriiigen wegen meines Bartes. Da habt ihr S: „Was soll ich also mit dem Bart tun? frage ich sie. Air apn Schädel samt Ich habe mich lange gewehrt. Ich hatte Scheidung und Heirat schon satt bis zum Halse. Hat man schon glücklich geheiratet und ein paar Schüler zusammengekratzt, dann muß man sich wieder scheiden, wieder die Schule auflassen! Die alte Leier! Überdies hatte zu meinem Unglück der Teich des Städtchens, wo ich damals wohnte, keinen Namen. Wir hätten zur Scheidung in eine andere Stadt fahren müssen. Ich suchte ihr also den Gedanken auszureden; umsonst! Ich bitte, ich schreie: „Meinetwegen! Ich bin einverstanden. Nur warte noch ein Jahr, wenigstens ein paar Monate!“ Sie will nichts hören, nichts bedenken. „Scheidung! Scheidung!“ — schreit sie wie toll. Ich habe der Hexe schließlich nicht mehr geantwortet und mit dem Unterricht meiner Schüler begonnen. Doch sie stellt sich vor mich hin und schreit: »Scheidung! Scheidung!“ Dazu schmeißt sie die anderthalb Teller, die noch vorhanden sind, auf die Erde. Es war ein Glück, daß sie sich ekelte, mir nahezukommen, sonst hätte sie mir mehr als einmal den Bart ausgerissen. Das war auch eine wilde Bestie, eine Schlächterstochter, die Witwe eines Schneiders! Vornehme Abkunft, was? Ich mußte die Gemeinde bitten, im Beth- Hamidrasch Unterricht zu halten. Sie kommt aber auch ins Beth-Hamidrasch und schreit am heiligen Ort: „Scheidung! Scheidung!“ Ich bat die Väter meiner Schüler, in ihren Häusern unterrichten zu dürfen. Sie haben Mitleid mit mir und ich hatte ein paar Wochen Ruhe. Kam sie in ein Haus, so warf man sie hinaus. Nun ändert sie ihre Taktik: sie hört auf zu kochen, zu kehren und zu waschen. Selbst am Sabbat war das Zimmer in Unordnung. Kurz, sie hat mich gepreßt und ich habe ihr den Scheidebrief gegeben . . .“ „Die zweite, die sich von mir scheiden ließ, war eine neue Sorte von Unmensch. Ich habe eben mit den Weibern Glück! Aller Dreck bleibt an mir kleben! Man muß, wie zu allem, auch zu einer Frau Glück haben. Andere haben Frauen, das sind Juwelen; doch ich — daß Gott erbarm1! . . . Mit einem Wort — was ich jetzt kriegte, das war unerhört! Wieder war der Feiwel, der Schadchen, hinter mir her; ausreißen möge ihn sein Grab, den Verräter Israels! ... Er, der Schuft, will natürlich von nichts gewußt haben! 4,Trage ich eine Schuld?“ — fragt er, der — Pfui! „Ich sehe ein Frauenzimmer, die frei ist; da rede ich ihr halt zur Heirat zu! Kann ich ihr ins Herz sehen? Woher soll ich ihre Marotten kennen? M i r gefällt dein Bart!“ So hat er mich abermals eingefädelt. Kurz und gut — er hat mir eine Stumme angehängt, weiß Gott, eine Stumme! In den ersten paar Tagen dieser neuen Ehe habe ich aufgeatmet. Ein Weib ohne Sprache! — das wünsche ich allen Zaddikim! Aber sie war auch von gemeinem Holz, aus 'irgend einer Schusterstube, und — ich gefiel auch ihr nicht. Was — glaubt ihr — tat das Weib, um mich loszuwerden? Sie hatte eine furchtbare Stimme und mit der hat sie trompetet! Was ihr eigentlich nicht paßte, weiß ich bis heute nicht; doch sie hat trompetet und dazu Fußtritte und