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Das jüdische Echo · 1916-06-23 · 25 (23.6.1916) · p. Seite 232

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
25 (23.6.1916)
Date
1916-06-23
Page
Seite 232 (sequence 4)
Language
German
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232 Das Jüdische Echo Nr. 25 Lande zu bleiben, über welches Nebukadnezar einen jüdischen Statthalter, Gedalja, setzte. Jerernia wählte das Letztere. Noch einmal nahm er Veranlassung, für Babylonien einzutreten und seine gleich ihm im Lande gebliebenen Brüder zu ermahnen, sich endlich mit den Verhältnissen abzufinden. Zweifellos hatte Nebukadnezar, so wie später Cyrus, die Absicht, sich mit der Bevölkerung seiner neuen Provinz gut zu stellen. Diese aber vermochte die Fremdherrschaft nicht zu verwinden: sie zog es vor, in die Verbannung zu gehen, als selbst einen jüdischen Statthalter von Nebukadnezars Gnaden über sich zu haben. Gedalja wurde ermordet, die Auswanderung nach Ägypten beschlossen. Vergebens mahnte Jeremia: „Wenn ihr in diesem Lande bleiben werdet, so will ich euch aufbauen und nicht wieder einreißen, und euch einpflanzen und nicht wieder ausreißen, spricht der Herr. Denn ich habe genug an dem Unheil, das ich euch angetan habe. Ihr braucht euch nicht vor dem Könige von Babel zu fürchten“. (42, 10) Mit schwerer Sorge dachte er an das Geschick, das den Juden in Ägypten bereitet werden würde und der Gedanke, das Heimatland zu verlassen, war ihm unfaßbar. Aber auch jetzt noch fand er kein Gehör: das Volk war zum Zuge versammelt und der müde Wanderer Jeremia, um nicht ganz von seinen Brüdern getrennt zu werden, zog ihnen nach, ins freiwillige Exil. Was Jeremia vorgeschwebt hat, das war der Zustand, wie ihn Palästina später unter persischer Herrschaft genoß: ein friedliches Leben als autonome Provinz unter dem Schutze einer starken Großmacht und unter Ausschaltung judenstaatlicher Aspirationen. Vielleicht hätte Judäa der Zusammenbruch des Staates, die Zerstörung der Hauptstadt und die Evakuierung der Bevölkerung erspart bleiben können, wenn staatsmännische Politik und nicht heißblütiger Nationalismus regiert hätte. Es war Jeremia noch vergönnt, wenigstens im Geiste auch die spätere Schichtung erkennen zu können. In Ägypten wurde dem Einsamen klar, daß auch die babylonische Herrschaft nicht von Dauer sein würde: ebenso wie die Babylonier ihre Vordermänner überrannt hatten, so ballte sich nunmehr jenseits Babyloniens die Wolke der neuen Weltmacht zusammen, um ein neues Weltreich an die Stelle des Bestehenden zu setzen. Daß Jeremia im Innersten wenig Neigung zu Babylon besaß, und nur als Realpolitiker zu seiner Stellungnahme gelangte, ist schon daraus ersichtlich, daß er das angebotene Wohlleben in Babylon ausschlug und freiwillig das Schicksal seiner im Lande verbliebenen Brüder teilte. Nachdem mit dem Sturz Gedaljahs und der Auswanderung nach Ägypten jede Möglichkeit zu einem jüdischen Leben in Palästina unter babylonischen Schutz erstorben war, fiel für Jeremia die Veranlassung fort, für Babylon einzutreten, jetzt sah er in ihm nur noch den Vernichter seiner heißgeliebten Stadt Zion und in seinem Zusammenbruch die Rache des Herrn und den Sieg der gerechten Sache. Und mit jubelnder Verheißung beschließt Jeremia sein Leben: „Ein goldener Becher war Babel in der Hand des Herrn, der die ganze Erde berauschen sollte; vom Weine darin tranken die Völker, darum geberdeten sich wie Rasende die Völker. Plötzlich ist Babel gefallen und ward zerschmettert: heult über es! Holt Balsam für seinen Schmerz, vielleicht ist es zu heilen. Wiir wollten Babel heilen, aber es war nicht zu heilen. Laßt es, d a ß wir jeder in seine Heimat zieh n. Denn bis an den Himmel reicht das Gericht, von dem es betroffen, und bis zu den Wolken erhebt es sich. Der Herr hat unsere gerechte Sache zum Licht gebracht: kommt, laßt uns in Zion das Tun des Herrn erzählen!“ (51, 7 10) Welt-Echo österreichische Schulpolitik in Polen. Im Bezirk Radom hat der Schulinspektor die Schließung der Chedarim angeordnet, da diese pädagogisch wie in gesundheitlicher Beziehung unzureichend gewesen seien. An ihre Stelle sollen Schulen treten, die „ihrem Programme nach den Konfessionsschulen mit polnischer Unterrichtssprache ähnlich sein werden“. Es sollen auch jüdische Gegenstände gelehrt werden. — Es soll keineswegs versucht werden, die Chedarim als Musterschulen in pädagogischer wie sanitärer Hinsicht hinzustellen. Daß aber durch Einführung der polnischen Unterrichtssprache die sanitären Verhältnisse gebessert werden könnten, ist gleichfalls nicht anzunehmen. Es kommt wohl der österreichischen Regierung bei dieser Maßnahme mehr auf ein politisches als auf ein sozialhygienisches Programm an. Kulturarbeit im Osten. Der Warschauer Verein Binjan Haneherosath, der sich bisher hauptsächlich mit dem Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten jüdischen Gemeinden, Synagogen, Bäder usw. beschäftigte, verband sich vor kurzem mit dem polnischen Ortliodoxenverein zum Zwecke der weitgehendsten kulturellen und religiösen Tätigkeit. Der nun über 100 000 Mitglieder zählende Verband beschäftigt sich u. a. mit der Einrichtung eigener Volksschulen, moderner Chedarim und Jeschiboth, wo auch allgemeine Fächer gelehrt werden sollen. Außer der bereits eröffneten Jeschibah „Chaje Olom“ wurden vom Verbände auch die jüdischen Jugendvereinigungen „Zeire Jehuda“ und „Hatebunah“ ins Leben gerufen, die sich mit der Wahrung der ökonomischen und religiösen Interessen ihrer Mitglieder befassen. Beim Abschluß der diesjährigen Warschauer Lehrer-Fortbildungskurse wurde festgestellt, daß dieselben von 1725 Zuhörern besucht waren. Außer den pädagogischen Kursen fanden dort Vorträge über die deutsche, polnische, hebräische und jüdische Sprache statt. Die Verwaltung des jüdischen Schul- und Volksbildungsvereins in Lodz ist bei der deutschen Regierung um die Erlaubnis zur Eröffnung einer jüdischen Volks Universität auf Vereinskosten eingekommen. Die Verwaltung des jüdischen Lehrervereins in Lodz eröffnete ein Arbeitsvermittlungsbüro nebst Schiedsgericht für jüdische Lehrer. In der Abteilung für jüdische Volksschulen in der Lodzer Volksschulausstellung befindet sich eine große Anzahl von Zeichnungen, Handarbeiten usw., die von guter kunstgewerblicher Befähigung und starkem Drang der jüdischen Jugend nach künstlerischer Betätigung Zeugnis ablegen. ^g**sc*ler Ärbeiterverband für jüdische Rechte. ln Manchester tagte am 23. und am 24. April die Landeskonferenz des „Arbeiterverbandes für jüdische Rechte“. Es waren 74 Delegierte von 53 politischen und gewerkschaftlichen Organisationen ues jüdischen Proletariats Englands anwesend.

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