Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 25 (23.6.1916)
- Date
- 1916-06-23
- Page
- Seite 231 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Das Jüdische Echo 281 möglich, sich eine Art Autonomie zu sichern und im Schutze der starken Weltmacht ein friedliches Lehen zu führen, in der Form etwa, wie es nach dem Exil unter der persischen Herrschaft tatsächlich volle zwei Jahrhunderte zum Segen Palästinas der Fall war. Oie Zeit der Kleinstaaten war vorbei, jetzt hieß es, sich mit dem Begriff des Weltreiches abzufinden. So versuchte er die Regierung zum Einlenken ‘zu bewegen. „Dasjenige Volk und Königreich aber, das ihm, Nebukadnezar, dem Könige von Babel nicht dienen will, und das seinen Hals nicht in das Joch des Königs von Babel stecken wäll, mit Schwert und Hunger und Pest will ich es heimsuchen, spricht der Herr. Das Volk indes, welches seinen Hals in das Joch des Königs von Babel steckt, daß es ihm diene, das will ich ruhigauf seinem Boden lassen, daß es ihn bearbeite und bebau e“. (27, 8—11.) Aber Jeremia fand keinen Anklang weder im Volke, dem das Verständnis mangelte, noch bei Hofe, wo eine kleine Gruppe kurzsichtiger Politiker den maßgebenden Einfluß ausübte. So nahm das Verhängnis seinen Lauf. Die babylonischen Heeresmassen setzten sich südwärts in Bewegung und bald stand der Feind vor den Toren. Die Verteidigung erfolgte, wie stets, mit jener Tapferkeit und heioischen Standhaftigkeit, die später auch die stolzen Römer noch zu spüren bekamen. Von Verhandlungen mit dem Feind oder gar von Übergabe durfte nicht gesprochen werden. Allerdings war der König Zidkia selbst weit entfernt, die mehr notgedrungen zur Schau getragene Sicherheit auch innerlich zu verspüren. Insgeheim bangte er und ließ sich von Zweifeln quälen. In seiner Beklemmung schickte er zu Jeremia (man ist versucht, sich zu erinnern, wie der unschlüssige König von Italien vor der Kriegserklärung an Österreich nochmals Giolitti zu sich rief), aber der hatte seine Meinung nicht geändert. Verdüstert und erbittert, daß die Regierung es trotz seiner Warnungen soweit hatte kommen lassen, machte er seinem Zorn Luft: „So spricht der Herr: ich will die Kriegswaffen in eurer Hand, mit denen ihr den König von Babel und die Chaldäer, die euch bedrängen, außerhalb der Stadtmauer bekämpft, umwenden und ins Innere dieser Stadt zusammenziehen, und ich selbst will gegen euch kämpfen, und will die Bewohner dieser Stadt, die Menschen wie das Vieh niederschlagen: durch eine gewaltige Pest sollen sie umkommen. Darnach aber will ich Zidkia mit seinen Leuten und den Dienern, die in dieser Stadt von der Pest, dem Schwert und dem Hunger übrig gelassen sind, in die Gewalt Nebukadnezars überliefern“. (21, 4—7.) In quälender Unschlüssigkeit blieb der König sich selbst überlassen. Jeremia aber setzte seine Agitation für den Frieden fort, ohne der Verbote und der „Hetzpresse“ zu achten. Laut predigte er den Anschluß an Babylon: „Wer in dieser Stadt bleibt, wird durch das Schwert, durch den Hunger und durch die Pest umkommen; wer aber hinausgeht und sich den Chaldäern, die euch bedrängen, ergibt, wird leben bleiben und sein Leben zur Beute haben“. (21, 9—10.) Natürlich erregte er Anstoß bei der Kriegspartei, er wurde unter strenge Aufsicht gestellt und schließlich unter dem Vorwand (37, 13), daß er zu den Chaldäern überlaufen wolle, „in Schutzhaft genommen“. Die Führer der Kriegspartei strengten einen Hochverratsprozeß gegen ihn an und sprachen zum Könige: „Laß doch diesen Mann töten! Er macht ja doch nur die Kriegsleute, die in dieser Stadt noch übrig geblieben sind, und das ganze Volk mutlos, indem er derartige Reden gegen sie führt“. (38, 4—5.) Und der König war schwach genug, um ihnen nachgeben zu müssen; resigniert sagte er: „So nehmt ihn hin. Denn der König kann nichts gegen euch ausrichten“. Jeremia zu töten, war bei seiner Popularität wohl doch zu gewagt. So wurde er in eine schlammgefüllte Zisterne geworfen lind dort gefangen gehalten. Aber noch aus der Zisterne heraus erschallte seine warnende Stimme. Unterdessen wurde der König immer mehr von Unrast und Zweifeln in bangen schlaflosen Nächten verfolgt. Von seinen „obersten Beamten“ ohnedies ob seiner schwächlichen Haltung argwöhnisch beobachtet, nahm er in nächtlicher Heimlichkeit nochmals seine Zuflucht zu Jeremia. Er ließ ihn vorführen, doch aus Furcht vor seinen Ministern ließ er ihn schwören, daß die Verhandlung geheim bleiben würde. (38, 24). In dieser Unterredung setzte Jeremia noch einmal seine ganze gewaltige Persönlichkeit ein, um den König Zum Frieden mit Babylonien und damit zur Rettung des Staatsgebäudes zu bewegen. „Wenn Du Dich den Obersten des Königs von Babel ergibst“, sagte er, „so wird Dein Leben ungefährdet sein und diese Stadt wird nicht niedergebrannt werden. Ergibst Du Dich aber den Obersten des Königs von Babel nicht, so wird diese Stadt der Gewalt der Chaldäer überliefert werden und sie werden sie niederbrennen, auch Du wirst ihren Händen nicht entrinnen“. (38, 17—18) Fast schien es, als ob sich diesmal der König doch noch zu einem Entschlüsse aufraffen wollte und schon gab er nach — da kamen ihm wieder kleine Bedenken: „Ich habe Angst vor den Judäern, die bereits zu den Chaldäern iibergelaufen sind, man möchte mich ihnen preisgeben, daß sie ihren Spott mit mir treiben“. (38, 19) Und wieder mußte die Unterrredung ergebnislos abgebrochen werden, das Schicksal Judäas ging seiner Erfüllung entgegen. Der Soldat war stärker als der Politiker, und vor dem nationalen Stolz mußte die Einsicht sich neigen. Bis zum letzten Mann wurde die Festung verteidigt. Aber 'im Sturm wurde die Mauer durchbrochen, die durch Hunger und Pest entkräfteten Verteidiger niedergemacht oder gefangen genommen. Völlig zusammengebrochen versuchte der König zu fliehen, aber babylonische Patrouillen holten ihn ein. Das Leben zwar wurde ihm geschenkt, aber er wurde geblendet und blieb, während seine ebenfalls gefangen genommenen Söhne hingerichtet wurden, als Staatsgefangener in Babylon. Jeremia brauchte den Sieger nicht zu fürchten. Nebukadnezar war über seine politische Stellungnahme wohlunterrichtet und da er zur Sicherung seiner Herrschaft im Lande die probabylonische Partei der Judäer heranziehen wollte, ließ er ihn mit Auszeichnung behandeln. Es stand ihm frei, nach Babylon zu übersiedeln (40, 4), oder im en besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (HotelKönigshof) München