Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 25 (23.6.1916)
- Date
- 1916-06-23
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Das Jüdische Echo Nr. 25 Jene titanischen Kämpfe in den Menschen des Judentums aber haben sich nur in der Vorzeit abgespielt, und sie waren die Gesundheit des Judentums. In ihrem Aufhören liegt die Krankheit des Judentums: wenn das Gestaltlose über das Gestaltende Macht gewinnt, so muß das Judentum erlöschen. Aber Buber glaubt an das \V.iedererwachen der alten Gestaltungskraft. Von der Seele des jüdischen Volkes weiß auch Arno Nadel in seinem Aufsatz „Jüdische Volkslieder“ zu sagen. Man muß die darin zitierten Lieder selbst gelesen haben, um den Hauch des jüdischen Geistes zu spüren, den Nadel uns vermittelt. Die historische Entwicklung des Judentums neuerer Zeit schildern zwei Aufsätze. Der eine von R. S a 1 m a n zeigt, welche Formen das Judentum in . Polen, .selbst zu seiner Organisation geschaffen hat. Der andre von Lazar Abrams o n geht mehr auf die rechtlichen Verhältnisse ein, die den Ostjuden von der Staatsregierung aufgezwungen worden sind. Beide Aufsätze sind ungemein lehrreich für den, der das Wesen des Ostjuden als eine teilweise Folge seiner äußeren Lebensbedingungen verstehen 'lernen will. Die Schöpfungen der jüngsten Phase im historischen Schicksal der Juden, ihrer beginnenden Riickkehr nach Palästina schildert Adolf Böhm. Er gibt eine knappe, zusammenfassende Darstellung der jüdischen Positionen in Palästina. Salomon Lehne rt erzählt von dem neuesten und. fruchtbarsten praktischen Versuch, das nationale Leben im Galuth zu beleben. Junge Nationaljuden haben kürzlich in Berlin ein jüdisches Volksheim nach Art der amerikanischen „Settlements“ eröffnet, in dem Kindern, jungen Leuten und auch Erwachsenen eine allgemeine soziale Hilfeleistung und geschmackvolle Geselligkeit geboten werden und in dem sie zu nützlichen und innerlich wertvollen Menschen erzogen werden sollen. Außer ihrem Wert für die, denen geholfen werden soll, werden solche jüdischen Siedlungsheime den Wert einer Erziehungs- und Belehrungsstätte für die Helfer selbst haben, die im Lehren lernen und sich selbst veredeln werden. Max Mayer macht den Versuch, in der Frage, ob Hebräisch oder Jidisch als jüdische Weltsprache anzunehmen sei, einen Ausgleich zu schaffen. Es fragt sich allerdings, ob ein solcher „Ausgleich“ der schon heute so ungeheuer wichtigen Frage möglich ist. Oskar Epstein gibt der zionistischen Gegenwartsarbeit ihre Richtung an: ihr Ziel soll es sein, den Einzelnen zu lehren, für sich selbst und für die andren eine stärkere Durchdringung des ganzen Lebens mit jüdischem Geist zu erkämpfen. Das Diasporajudentum soll auf die Einwirkung vorbereitet werden, die Palästina auf das jüdische Leben haben wird, es soll ferner „den Gemeinsinn systematisch sichern und ausbauen“, damit die aus seiner Mitte, die nach Palästina gehen, sich in die dortige Gemeinschaft einzufügen wissen. Epstein hätte diese Gedanken vielleicht noch Beitunterricht gründlich und zweckgemäss erhalten Sie im Universitäts-Tattersall Amaiienstr. 27 Trambahniinie 2, 3, 10, 26 Telephon 26451 Prospekte auf Wunsch schärfer herausarbeiten und erläutern können. Zum Schluß sei jener Aufsatz erwähnt, der kühn das neue Ziel nennt, die Wurzeln zu bezeichnen wagt, daraus das neue Judentum, zu dem alle andren nur die Wege bahnen wollen, seine Kraft schöpfen wirc*. Hillel Zeitlin schreibt über die „Aufgaben der polnischen Juden“ und bezeichnet sie folgendermaßen: Die Juden in Polen müssen dem ganzen jüdischen Volke helfen, eine Heimstätte in Palästina zu schaffen, sie müssen ihre nationalen Rechte in Polen verteidigen und miisden die jidische Sprache pflegen. Und dann folgt ein Gedanke, den ich mit Zeitlins eignen Worten hierhersetzen will: „Die Juden in Polen haben noch eine sehr große und heilige Aufgabe vor sich. Richtiger gesagt: sie haben eine heilige, erhabene, höchst wichtige und höchst verantwortliche Mission. In Polen wurde der Chassidismus geboren, in Polen hat er sich entwickelt und verzweigt, differenziert und geteilt und dort ist er auch zerbröckelt und in mancher Hinsicht niedergegangen. Diie polnischen Juden müssen aber fromm, ernst und klug den teuren Schatz bewahren, den ihnen der Unendliche mit seiner Rechten in seiner großen Huld geschenkt hat: die Glorie, die auf den jüdischen Propheten von Podolien und Wolhynien ruht: dem Baalschem, dem Maggid von Meseritsch, Rabbi Nachman Bratzlawer, dem Raw von Ljadi, auf ihnen und ihren Schülern und Nachfolgern, den Schatz von Gottesfurcht, Demut, Ergebenheit, Heiligkeit, Weltgedanken und Weltgesichten, in dem Keime einer alt-neuen Weltreligion ruhen, welche die Menschheit erneuern, erheben und von allem Falschen, Niedrigen und Gemeinen erlösen wird . . . Der Chassidismus in Polen muß zurückkehren.... zum Baalschem und seinen gottbegnadeten Schülern. Man muß den Chassidismus zuerst wieder an seine Quelle zurückbringen, dann wird er die Geister und Gemüter aller Menschen befruchten. Weit, weit über Polens Grenze muß das heilige chassidische Wort getragen werden, weit sogar über das ganze jüdische Volk, und dieses Wort soll mit seiner Macht und Innerlichkeit alle Menschen rufen und wecken zur wahren Liebe, zur wahren Gerechtigkeit, zur wahren Herrschaft des Himmels.“ Hier wird es zum ersten Male klar und deutlich ausgesprochen, auf welcher Grundlage das neue, von den im „Juden“ vertretenen jungen Geistern ersehnte Judentum ruhen soll: auf der Idee des Chassidismus. Es ist unmöglich, im Rahmen dieser Besprechugn auf die Bedeutung der Kunde, die uns damit vom neuen Ziele, dem neuen Judentum gebracht wird, einzugehen. Nur dies sei gesagt: die einen werden in dieser Botschaft eine große Hoffnung für die Juden sehen, die andren — eine große Gefahr für das Judentum. Helene Hanna Cohn. Jeremia als Realpolitiker. Von Heinrich M a r g u 1 i e s. (Schluß.) Gegenüber der Unabänderlichkeit des Gescmckes mußte es Jeremia wahnwitzig erscheinen, sich Babylonien entgegenzustemmen. Er sah nur zwei Möglichkeiten: blieb Judäa bei seiner Politik, so war der Zusammenbruch unvermeidlich. Ordnete es aber seinen starren, nationalen Unabnangigkeitssinn der realpolitischen Erwägung unter, verzichtete es zuächst auf den Judenstaat, und unterwarf sich freiwillig, so war es vielleicht * <