Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 25 (23.6.1916)
- Date
- 1916-06-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Qanzj. M.4.—, Einzelnummer 10 Pf. — Ver 1 ag des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 PI. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 25 München / 3. Jahrgang 23. Juni 1916 Russische Judennot. Die Judenheit Rußlands steht unter dem niederdriiekenden Eindruck , der immer deutlicher judenfeindlichen Regierung Stürmer. Die Erkenntnis wird immer allgemeiner und tiefer, daß die russischen Juden in einer ungeheueren Gefahr schweben und daß die Regierung auf eine blutige Katastrophe systematisch hinwirkt. In fast rein russischen Städten mit Hunderten von russischen und einzelnen jüdischen Kaufleuten, werden die letzteren in Kundmachungen von Polizeibehörden namentlich als diejenigen aufgeführt, die große Mengen Lebensmittel noch besitzen; die Russen bleiben unerwähnt. In Briansk wo ähnliches geschehen war, hat der Polizeimeister zugegeben, daß seine Angaben bezüglich der Juden unwahr waren. Die jüdischen Ärzte werden von der Front zurückgezogen, die verschiedenen Kriegsorganisationen müssen unter dem Drucke der Behörden die von ihnen beschäftigten Juden entlassen. Die Bewegungsfreiheit der Juden wird fast gänzlich abgeschafft. Nur nebenbei sei bemerkt, daß es ihnen unmöglich geworden ist, Auslandspässe zu erlangen. In der letzten Zeit ist eine neue Verleumdung aufgekommen. In der Armee nehmen die Desertionen von Soldaten erschreckende Dimensionen an. Tausende flüchten in die Dörfer und verbergen sich dort. Auch dafür werden die Juden verantwortlich gemacht, die an der Front und hinter dieser angeblich eine deutsch-freundliche Propaganda treiben! Ein Ministererlaß verlangt, daß man alle Juden einer strengen Beobachtung und Überwachung unterziehe. Ist der Verdacht halbwegs begründet, soll der Jude unverzüglich dem Kriegsgericht ausgeliefert werden. Wenn die k r i egsgerich11 i che Untersuchung ergebnislos bleibt, soll der verdächtige Jude den Ziv i 1 behörden abgetreten werden, die ihn auf administrativem Wege nach Sibirien verbannen können. Die Folgen dieser Verfügungen sind nicht abzusehen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Militär- und Zivilbehörden fest entschlossen sind, die Juden als Sündenbock nach dem Kriege der zornig empörten Masse hinzuwerfen. Man ist in Rußland, ganz gleich wie der Krieg endet, auf Judenpogrome unerhörter Grausamkeit, auf scheußliche Blutbäder gefaßt. Man starrt in jüdischen Kreisen verzweifelt und trostsuchend nach Westeuropa, Amerika und weiß nicht, ob irgend eine Macht in der Welt imstande sein wird, das furchtbare Verhängnis abzuwenden. (J. A. K.) Neuer Chassidismus. Zum Erscheinen des 2. Heftes der von Martin Buber herausgegebenen Zeitschrift „Der Jude“. Das nunmehr erschienene zweite Heft des „Juden“ beweist es: das Erscheinen dieser Zeitschrift war wirklich eine Notwendigkeit. Es mußte die Tribüne geschaffen werden, um die sich alle scharen können, die ihrem Judentum mit einem neuen, tiefen Empfinden gegenübertreten, mit einem inbrünstigen Fragen nach Weg und Ziel einer Erneuerung des jüdischen Geistes, mit Hinweisen und Vorschlägen, wie man den Weg beschreiten, das Ziel erreichen könne, eine Tribüne auch für jene, die mit Bausteinen kommen, um das Gebäude der jüdischen Geschichte und Geistesentwicklung lückenlos zu errichten. Das erste Heft des „Juden“ sollte im wesentlichen der Welt zeigen, wer die neuen Juden sind, wie die Fragen lauten, die sie in ihrm Innersten bewegen, auf welche Art der Erneuerung es ihnen ankommt, aus welchen Quellen ihre Sehnsucht nach Höherentwicklung entspringt. Das zweite Heft des „Juden1 zeigt die neue jüdische Bewegung schon inmitten des Wegs zu einem nicht mehr nur geahnten, sondern von ferne bereits erblickten Ziele, es zeigt sie inmitten einer emsigen Pioniertätigkeit, sich den Weg zu dem Ziele zu bauen. Die uns im ersten Hefte nur als Sucher eines Neuen entgegentraten, sie zeigen sich uns jetzt schon als Arbeiter an diesem Neuen. Und einer ist unter ihnen, der es schon auszusprechen wagt, aus welchen Wurzeln dieses Neue seine Kraft ziehen soll. Der Inhalt des zweiten Heftes ist ungemein reichhaltig. 'Es gibt hier Aufsätze, die vom Schicksal und von der Seele des jüdischen Volkes zu berichten wissen, andre, die eine Entscheidung in wichtigen Gegenwartsfragen zu fällen wagen, wieder andre, die zu praktischer Arbeit rufen und auch solche, die dieser Arbeit ihre Tendenz geben wollen. Unter denen, die von der Seele des jüdischen Volkes zu berichten wissen, ist wiederum Martin Buber der künstlerischste Denker. In einem Aufsatz „Das Gestaltende“ rührt er an tiefe Menschheitsprobleme, die das Judentum auf seine besondere Weise erleben und durchkämpfen mußte. Es ist das Schicksal des Einzelnen und der Gesamtheit, daß sie sich aus der Gestaltlosigkeit zur Gestaltung aufringen, daß sie die Materie, die sich in ihnen selbst und in der Masse des Volkes ihnen entgegenstellt, bezwingen wollen. Das Handeln der Propheten entspringt der Sehnsucht, vor allem ihr eignes Volk zu gestalten.