Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 24 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- Seite 224 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Das Jüdische Echo Nr. 24 Für die unheimliche und unabwendbare Sicherheit, rnit der sich diese Entwicklung vollzog, hatten die judäischen Politiker kein Verständnis. Obwohl durch den Untergang Samarias gewarnt und eindringlich darauf hingewiesen, daß das weltpolitische Schwergewicht im Norden lag, glaubten sie im Süden ein Gegengewicht finden zu können. So ließen sie sich ganz von ihrem unbeugsamen Nationalgefühl leiten, das jeden Oedanken an eine Verständigung mit den fremden Machthabern zurückwies, schlossen ein militärisches Schutz- und Trutzbündnis mit Ägypten und verließen sich im übrigen auf die starken Befestigungen ihrer Hauptstadt Jerusalem. Vielleicht wäre es dieser Politik gelungen, die Entwicklung wenn auch nicht in andere Bahnen zu lenken, aber doch wenigstens aufzuhalten, wenn man sich auf Ägypten hätte verlassen können, und wenn vor allem die eigene militärische Widerstandskraft eine ausreichende gewesen wäre. Beides war nicht der Fall. Ägypten hatte schon häufig gezeigt, daß es im Augenblick der Gefahr leicht den Bundesgenossen um der eigenen Sicherheit willen im Stich ließ; auch boten die innerpolitischen Verhältnisse Ägyptens nicht jene Gewähr für die Stabilität der äußeren Politik, die für ein Bundesverhältnis unerläßlich ist. Noch schlimmer war es um die eigene Wehrkraft bestellt. Das öffentliche Leben in Judäa war von Gegensätzen zerklüftet, von Auflösung durchsetzt. Der kleinen königstreuen und kriegerischen Nationalpartei (Grundbesitzer, Offiziere, Großeigentümer) stand die Masse des verarmten Volkes gegenüber. Hohe Steuern, Unterdrückung und Ausbeutung durch die Reichen hatte die sozialen Gegensätze bis zum äußersten verschärft. Kein Wunder, daß in steigendem Maße demokratische Volksführer auftraten und dem Verlangen nach allgemeiner Gleichheit und Gerechtigkeit, nach Schutz der Waisen und Kinder, nach Bestrafung der bestechlichen Richter in den Volksversammlungen immer lauteren Ausdruck gaben. Die Regierung war schwächlich und unentschlossen, die Könige von einem quälenden Dualismus erfüllt, der ihr Handeln lähmte. Seit nämlich unter König Josia (621 v. Chr.) das angeblich jahrhundertelang verschollene und vergessene mosaische Staatsgesetzbuch bei einer Tempelrestaurierung ans Tageslicht gezogen und von dem zielbewußten und energischen Staatsbeamten Jesaia mit Nachdruck in den Vordergrund geschoben worden war, hatten die Könige das gute Gewissen zu ihrer der Zeit entsprechend rein weltlichen Politik verloren. Die Volkspartei natürlich griff die ihr günstige Gesetzgebung auf und verlangte mit immer größerer Dringlichkeit von der Regierung ihre Befolgung. Sie wurde rasch zu einer Macht, mit der man rechnen mußte, und teils aus diesem Grunde, teils auch weil die Volksführer in geschickter und agitatorischer Weise den Zusammenbruch des Zehnstämmereiches auf die Nichtbefolgung der Gesetze zurückführten, wurde die Könige selbst irre, an sich selbst zweifelnd und gaben, wie insbesondere Zidkija, stets schwankende Zwittergestalten ab, die am allerwenigsten geeignet waren, in bedrohlicher Zeit das Staatsruder zu führen. Noch etwas, anderes war es, was einzelne der Volksführer sich zur Aufgabe machten: die Sicherung der nationalen, der auswärtigen Politik. Gerade bei dem genialsten und kraftvollsten unter ihnen, bei Jeremia, trat dieser Gesichtspunkt am stärksten hervor und verschmolz mit den anderen Komponenten zu einer so gewaltigen Synthesis, daß seine Persönlichkeit weit über den Rahmen des Gewohnten wuchs und selbst dem heutigen Verständnis Schwierigkeiten bereitet. Er war Sozialist und kämpfte gegen die Ungerechtigkeit der Reichen, weil ihm das Elend der Armen, der Waisen und Witwen zu Herzen ging, er war Jahveist und kämpfte gegen die Ungerechtigkeit, weil sie seiner sittlichen Weltanschaung ins Gesicht schlug; und er war Nationalist, der die allgemeinen politischen Verhältnisse klar überschaute, die Gefahr und die Bedrohung durch den äußeren Feind erkannte und mit allen Mitteln der Beredsamkeit darum kämpfte, das Staatsruder in die richtige Richtung zu drängen. Je weniger ihm dies gelang, je näher er die Gefahr heranwachsen sah, desto größer wurde gerade das Realpolitische in ihm, mehr und mehr rückte der äußere Feind, Babylonien, in den Vordergrund all seiner Tätigkeit, bis alles andere darüber zurücktrat. Mit einer machtvoll aufrüttelnden Warnung beginnt gleich seine erste Rede: „Es erging das Wort des Herrn an mich also: Was sieht Du? Ich erwiderte: einen siedenden Topf sehe ich und zwar kehrt er uns seine Vorderseite von Norden her zu.“ Da sprach der Herr zu mir: „Vom Norden her wird das Unheil zum Sieden gebracht über alle Bewohner des Landes, denn ich will alle Völkerschaften der nordischen Königreiche berufen, daß sie kommen und ein jeder seinen Thron an den Eingang der Tore Jerusalems setze und wider alle seine Mauern Iringsum und wider alle Städte Judas.“ (1, 13—16.) Und weiter 5, 15—17 und vor allem 6, 22—26: „So spricht der Herr: schon kommt ein Volk vom Nordland her und eine große Nation erhebt sich vom äußersten Winkel der Erde. Bogen und Wurfspieß führen sie, grausam sind sie und üben kein Erbarmen. Ihr Lärmen tost dem Meere gleich und auf Rossen reiten sie, gerüstet wie ein Kriegsmann wider Dich, Tochter Zion. Wir haben die Kunde von ihm vernommen, schlaff sind unsere Hände, Angst hat uns erfaßt, Zittern wie eine Gebärende.“ Aber nicht nur Jerusalem ist dem Geschick verfallen: nur zu deutlich erkennt Jeremia, daß sich im Norden eine Weltmacht entwickelt, deren Bereich sich über alle Länder bis nach Ägypten hinein erstrecken wird, und daß es keine Möglichkeit gibt, dieser Entwicklung zu entgehen: Denn also sprach der Herr zu mir: „Nimm diesen Becher mit Wein aus meiner Hand und laß von ihm alle Völker, zu denen ich Dich senden werde, trinken, daß sie trinken und schwanken und wahnwitzig werden vor dem Schwerte, das ich mitten unter sie sende. Da nahm ich den Becher aus Gottes Hand und ließ alle Völker trinken.“ 25, 15—26 und zwar: Jerusalem, Ägypten, Uz und das Philisterland, Edom, Moab, Ammon, Tyrus, Sidon, Arabien, Elam und Medien, „dazu alle Könige des Nordens, wie sie einander nahe oder fern liegen.“ Und weiter 27, 5—6: „Ich habe die Erde, die Menschen und das Vieh, die auf der Erde leben, durch meine Kraft und meinen ausgestreckten Arm geschaffen und habe immer gegeben, wenn es mir gefiel. Nunmehr aber gebe ich alle diese Länder in die Gewalt meines Knechtes Nebukadnezar, des Königs von Babel.“ Mit dieser Warnung setzte sich Jeremia in •unverhüllten Gegensatz zu der öffentlichen Meinung, welche zu einem Anschluß an Ägypten neigte und glaubte, sich dadurch dem Nordreich gegenüber behaupten zu können. (Vielleicht erleichtert