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Das jüdische Echo · 1916-06-09 · 23 (9.6.1916) · p. Seite 216

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
23 (9.6.1916)
Date
1916-06-09
Page
Seite 216 (sequence 4)
Language
German
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216 Das Jüdische Echo Nr. 23 wiederum die Verluste so schrecklich und die Verwüstungen namentlich in Galizien so groß, daß mit der Erziehung von über tausend verwaisten Kindern nicht bloß eine „völkische Forderung“ erfüllt, sondern auch eine soziale und vaterländische Aufgabe gelöst wird. Nikolsburs:, am 19. November 1915. Ermordung einer jüdischen Familie in Kniazoluka (Galizien). (Originalbericht des Jüdischen Archivs“.) In Kniazoluka bei Dolina (Galizien) wurde der Jude Alter Papper von den Russen festgenommen. Die Verhaftung erfolgte auf Grund der Anzeige, die ein Nachbar gegen Papper bei den Russen erstattet hatte. Papper soll sich anläßlich eines Streites geäußert haben: „Wenn unsere österreichischen Soldaten zurückkommen, dann werde ich ihnen schon erzählen, wie Ihr für die Russen gearbeitet habt!“ Papper wurde von den Russen an eine Kanone gebunden und bis vor Dolina geschleift. Seine Frau und sein kleiner Sohn liefen jammernd mit und baten die Russen um Gnade. Vor dem Einzuge in Dolina haben die Russen den Papper, seine Frau und das Kind erschossen und die Leichen in den Straßengraben geworfen. Dies geschah am 20. Oktober 1914, in der Zeit des ersten Rückzuges der Russen aus der Gegend von Dolina. Von der Russenherrschaft in Rohatyn (Galizien). (Originalbericht des „Jüdischen Archivs“.) Brief des Herrn Rubin G 1 ii c k s m a n n , z. Z. im Felde. 30,5 cm-Mörserbatterie 3, 1. Korps Graf Bothmer, Deutsche Südarmee, an Herrn Dr. Heinrich Schiffmann, Wien. Rohatyn, den 5. VII. 1915. Lieber Freund! Als ich Dich letzthin in Wien traf, versprach ich Dir regen Brieftausch. Die Ereignisse des Krieges bringen es mit sich, daß man derlei Zusagen nicht immer erfüllen kann. Ereignisse des Krieges sind es aber auch, die es gebieterisch erheischen, daß ich Dir jetzt schreibe . . . Die Tragödie des jüdischen Volkes, die sich in den letzten Tagen in Galizien abgespielt hat, übertrifft alle Höllenqualen, die uns Dantesche Phantasie schildern konnte. Ich bin gestern von Stryj her gefahren. Man passiert Zydaczow, Chodorow, Knihinicze südlich Rohatyn. Alles zerstört mit Feuer und Schwert. Aus den Schutthaufen starren die nackten Schornsteine zum Himmel. Die Bewohner dieser Städtchen sind in der Mehrzahl Juden. Frauen und Kinder liegen auf der Straße zwischen Ruinen und Schutthaufen. Die Männer sind zum Großteil nach Rußland mitgenommen worden. In Knihinicze versuchten die Bewohner die von den Moskalen gelegten Brände einzudämmen. Da schossen die Kosaken auf sie. Ich selbst habe mehrere Schußwunden und Brandwunden verbunden. Die Ruinenfelder widerhallen vom Weinen und Klagen der armen Weiber und Kinder. Die Wohnungen eingeäschert, die Väter und Gatten weggeführt nach Rußland, einem ungewissen Geschick entgegen. Genauere Erhebungen konnte ich erst in Rohatyn pflegen, da wir hier längere Rast haben. In diesem Städtchen, dessen malerische Lage und Gestaltung an Südtirol erinnert, hat die russische Bestie besonders arg gewütet. Zweimal wurde von den Russen Feuer gelegt. Das erste Mal bei dem Einzüge der Kosakcnpatrouillen, das andere Mal, und dies gründlich, als die Moskalen flüchten mußten. Hier bestand während der letzten sechs Monate ein russisches Ftappenkommando, dessen Kommandant, namens Porcbna, von einer Grausamkeit war, die schon an Perversität grenzte. Ein Beispiel für viele: Zwei Frauen namens Esther S c h o r r und Sure B o t f e 1 d , beide über 50 Jahre alt, verkauften Seife angeblich um 2 Kopeken über dem vorgeschriebenen Maximalpreis. Dafür ließ der Kommandant jeder 51 Nagaikahiebe verabreichen. Eine von den Frauen brach tot zusammen. Als die Russen das Ende ihrer Herrlichkeit herannahen fühlten, versuchten sie die polnische und ruthenische Bevölkerung durch Lockungen, Bitten und Drohungen zur Auswanderung nach Rußland zu bewegen. Doch diese antworteten, sie werden nur dem Zwange gehorchen. Da ließ man sie in Ruhe. Die Juden wurden aber zusammengetrieben und fast alle Männer, die noch zurückgeblieben waren, 570 an der Zahl, nach Rußland eskortiert. Wenn die russische Bestie einmal diese Untaten wird verantworten müssen, so wird es ihr jedenfalls schwer fallen, zu behaupten, es hätte sich um Fortschleppung von zukünftigen österreichischen Soldaten gehandelt. Denn unter den Weggeführten befinden sich zahlreiche Greise und Kinder. Einige Beispiele: Srul G o 111 i e b , 85 Jahre alt. Berl Eigen, 78 Jahre alt. Meier Stelzer, 94 Jahre alt. Samuel Brunn, 90 Jahre alt. Moses Faust, 70 Jahre alt. Wolf Schwarz, 72 Jahre alt. Mendl Blocksberg, 12 Jahre alt. Moses Stock, 85 Jahre alt. Leib Michael Poczter, 70 Jahre alt. Srul Poczter, 13 Jahre alt. Hersch H i r s c h e n h a u t, 12 Jahre alt. Juda Hirschenhaut, 10 Jahre alt. Isak Spiegel, 65 Jahre alt. Elias Aron Klarinetar, 65 Jahre alt. Aron B e r e n f e 1 d , 70 Jahre alt. Eisig Schar ler, 70 Jahre alt. Osias Kalman Fuchs, 65 Jahre alt. Jeannette Rotraub, (eine Frau, die anstatt ihres versteckten Mannes nach Rußland verschleppt wurde). Simche Nathan R o t r a u b , über 50 Jahre alt. Jonas Rappaport, 75 Jahre alt. Simche T o t f e 1 d , 80 Jahre alt. Salom. Weiler, 73 Jahre alt. Wenn man die Drangsale der Juden in Galizien während der Russenherrschaft genau beschreiben wollte, so müßte die Märtyrergeschichte des jüdischen Volkes um viele Bände vermehrt werden. Es ist so, wie es unser unvergleichlicher Zucke rman'n gesagt hat. In die Siegesfreude mischt sich der Schmerz um die vernichteten Werte, den entweihten Boden und unser geschändetes Volk. Die Aufgabe von Euch, die Ihr nicht im Felde steht, muß vor allem sein: Das öffentliche Gewissen aufzurütteln, aufzupeitschen und alle Kräfte daran zu setzen, daß die schwer geprüfte, aller Mittel entblößte Bevölkerung vor dem Hungertode bewahrt und wenigstens notdürftig untergebracht werde. Unsere Armeen sind im steten Vordringen begriffen. Wenn wir erst in Beßarabien und Wolhynien festen Fuß gefaßt haben, werden wir für Galizien das tun können, was Hindenburg im eroberten Litauen durch Einhebung von Kontributionen für sein Ostpreußen getan hat.

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