Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 23 (9.6.1916)
- Date
- 1916-06-09
- Page
- Seite 215 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Das Jüdische Echo 215 Die galizischen Juden. Reichlich ein Jahr ist verflossen, seitdem die verbündeten deutschen und österreichischen Truppen die russischen Heere in den Karpathen bekämpften, sie mit einer unerhörten Schnelligkeit aus ihren sämtlichen Stellungen in Galizien vertrieben und bis tief ins russische Land hinein verfolgten. Es lohnt sich wohl, heute nach Jahresfrist auf diese gewaltige Waffentat zurückzublicken und in Gedanken bei dem Lande zu verweilen, das der Schauplatz der furchtbaren Kämpfe war. Noch heute blutet Galizien aus tausend Wunden. Noch immer ringt die Bevölkerung um ihr wirtschaftliches Bestehen. Der galizische Bauer beginnt, die zerstörten Felder zu bestellen, die Tausende von Juden aber, die in den galizischen Städten und Dörfern lebten, stehen noch immer der furchtbarsten Not gegenüber, und es ist heute noch eine offene Frage, wie das galizische Judentum sich jemals von dem Schlage erholen soll, der in der Kriegszeit auf sein Haupt niedersauste. Die nach Wien und Budapest Geflüchteten beginnt man, in ihre Heimat zurückzuschicken. Die aber keine Heimat mehr haben, weil ihr Heimatsort einfach vom Erdboden verschwunden ist, weil ihre Familie ausgerottet ist oder weil sie — wie dies bei vielen Fliichtlingskindcrn der Fall ist — nicht wissen, wohin sie gehören, wras wird denen die Zukunft bringen? Wem das Schicksal seiner Glaubensgenossen irgendwie am Herzen liegt, der möge bedenken, d a ß heute noch i m m e r Tausende von galizischen Juden vor dem Untergang stehen, daß die Judcnheit der ganzen Welt verpflichtet ist, sich zu fragen: Was soll aus diesen Menschen werden? Zur Erinnerung an noch ungestillte Leiden, noch ungehobenes furchtbares Elend veröffentlichen wir nachstehend einige Berichte, die sr. Zt. in den „Mitteilungen des Jüdischen Kriegsarchivs“ (Verlag R. Löwit, Wien) erschienen sind. Flüchtlingswaisen.') (Originalbericht, erstattet an das „Jiid. Archiv“ von Dr. Maximilian Adler, Nikolsburg.) Die österreichische Regierung hat große Teile Galiziens für die Wiederbesiedlung freigegeben und die Rückkehr der meist jüdischen Flüchtlinge dorthin angeordnet. Dadurch ist eine Frage brennend geworden, die bei der Evakuierung noch nicht aufgetaucht war oder in dem allgemeinen Jammer der Flüchtlinge sich nicht hatte Gehör verschaffen können: „Was soll mit den armen Kindern geschehen, deren Väter nicht als Soldaten gefallen, sondern von den Russen erschlagen oder verschleppt worden und in weiter Ferne elend zugrunde gegangen sind? Mit den armen Kindern, denen Mutter oder Vater auf der Flucht oder in einem Barackenlager gestorben sind? Oder gar mit den Ärmsten der Armen, die schon als Halbwaisen aus der östlichen Heimat ausgezogen sind und nun, auch des anderen Flternteils beraubt, in der Fremde gänzlich verlassen dastehen? Ü Die Abhandlung und die Daten beziehen sich lediglich auf den Zustand in den böhmischen und mährischen Flüchtlingslagern. Über die Zahl der Waisen der jüdischen Kriegsopfer in Galizien und aer Bukowina, welche erschreckend hoch ist, kann derzeit nichts Genaues berichtet werden. Fine Aktion für diese Kinder, welcher der Nikolsburger Rabbiner Dr. L e w i n s) rastlos seine Arbeitskraft widmet, hat folgende Zahlen zu Tage gefördert. Bis jetzt sind 986 Waisen im Alter von 1 bis 14 Jahren (zu denen überdies noch 23 Fünfzehnjährige kommen) bekannt geworden, die als Flüchtlinge in Böhmen und Mähren leben und im Falle der Rückbeförderung nach der Heimat, in welcher die Gemeindeverbände aufgelöst sind und der Private für sich selbst um den nötigsten Lebensunterhalt zu kämpfen hat, vor dem Nichts stehen und dem leiblichen und seelischen Untergang eutgegengehen. Davon sind 473 Knaben und 513 Mädchen, gänzlich eltendos sind 88 Kinder, vaterlos 643, mutterlos 205, bei 27 ist es zweifelhaft, ob sie beide Eltern, bei 23 ob sie den Vater verloren haben, weil ein Eitern teil verschollen ist. Bezüglich xles Alters ergeben sich folgende Daten: Alter in Jahren 1 2 3!4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14?v,hJ der|il 18 30 42 33 1 B6 160 189 7Ä92 84 129 I64| 107 23!l0(9 Die allgemeine Übersicht stellt sich folgendermaßen dar: (v. vaterlos, m. — mutterlos, e. elternlos.) i! Weil ein Eltern- Madchen j, teiI verschollen . m. e.!j elternl. vaterlos Lahl J Alter der Waisen Knaben £m. 986 dazu 23 im Alter von 15 Jahren 1009 Ist auch vdihrend des Krieges der Wert des einzelnen Menschenlebens gesunken, so sind doch ~) Ihm verdanke ich auch das statistische Material. 0 Obwohl als oberste Grenze das Alter von 14 Jahren festgesetzt war, meldeten sich doch auch 23 Kinder im Alter von 15 Jahren. den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (HotelKöoigshof) München