Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 23 (9.6.1916)
- Date
- 1916-06-09
- Page
- Seite 214 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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214 Das Jüdische Echo Nr. 28 Frau Mauschel. Seit Beginn des Weltkrieges ist Frau Mauschel eifrig in sozialer Arbeit tätig. Ihren Mann nimmt sein Geschäft stärker als je zuvor in Anspruch, Gesellschaften und Zerstreuungen, wie man sie sonst pflegte, gibt cs fast gar nicht mehr, der Weg nach der Riviera, nach Trouville und Ostende ist versperrt. Frau Mauschel würde sich entschieden langweilen, wenn nicht diese hübsche neue Mode aufgekommen wäre. Die Mode der sozialen Arbeit. Man braucht es ja natürlich nicht dieser und jener guten Bekannten nachzumachen, die an jedem Morgen hingeht, ihre Pflicht gegen das Wohl der Gesamtheit zu erfüllen, den ganzen Tag rastlos im Lazarett, in der Speisehalle, im Kinderhort oder sonstwo arbeitet und erst am Abend müde heimkehrt. Nein das braucht man nicht. Man kann sich rulng weiter die Zeit zu Nachmittagstees, zu Theatern und Beratungen mit der Schneiderin nehmen. Aber man kann dennoch die neue Mode mitmachen, und seine Pflicht gegen das Vaterland erfüllen, indem man zwei oder sogar drei Stunden in der Woche in einer Nähstube oder einer Beratungsstelle für Kriegswiitwen mithilft. Das tut Frau Mauschel gern, denn erstens hat sie dann das Gefühl, ihre Pflicht gegen „das Volk“ getan zu haben, zweitens tuen es alle Damen der Gesellschaft, und drittens kommt man bei dieser Arbeit mit so hochgestellten Leuten in Berührung: neulich ist Frau Mauschel sogar einer Prinzessin vorgestellt worden. Wenn sie' Glück hat, wird demnächst gar ein buntes Bändchen oder Kreuzchen ihren Busen zieren. Wenn Frau Mauschel abends Gäste hat, so spricht sie eigentlich nur noch von ihrer .Bekannten, der Prinzessin X und ihrer Kollegin der Gräfin Y. Daß auch Fräulein Levy und Frau Cohn zu ihren „Kolleginnen“ gehören, vergißt Frau Mauschel zu erwähnen, wer könnte auch solcher Arbeits-Tiere gedenken, die still und fleißig von früh bis spät schaffen und den Empfang der Prinzessin den anderen Damen überlassen, weil sie gerade in der Hortkiiche zu tun haben? Bei ihren Besuchen im Dort verfehlt Frau Mauschel natürlich nicht, ein gütiges Wort an Frau Cohn und Fräulein Levy zu richten, aber doch nur so, daß die andren Damen nicht auf eine allzu nahe Bekanntschaft (Schließen könnein. Frau Mauschel hat eine fast krankhafte Angst davor, man könnte sie zu der Gruppe der „jüdischen“ Hortdamen rechnen. Neuerdings hat Frau Mauschel einen neuen Ehrgeiz: sie will eine Kriegspatenschaft übernehmen. In einer großen Versammlung haben die Hortdamen den Beschluß gefaßt, Kinder und Waisen vom Kriege betroffener Familien unter die Patenschaft hilfsbereiter Damen zu stellen. Die Prinzessin X hat die erste Rede gehalten, die Gräfin Y die zweite, und Frau Mauschel die dritte. Von der schweren Zeit hat sie gesprochen, von den Pflichten gegen unser Volk und von der wachsenden Bedeutung der Frau im Staate. Dann hat sie sich mit hochroten Wangen als Firste bereit erklärt, selbst eine Kriegspatenschaft zu übernehmen. Kurz nach dieser Sitzung hat Frau Mauschel eine tiefe Enttäuschung erlebt: die Prinzessin X hat sich als eine Antisemitin erwiesen. Es hat sich nämlich darum gehandelt, drei Kindern aus jiidiseh-galizischen Fliiehtlingsfamilien Patinnen zu verschaffen: für das eine Kind hat Frau Cohn die Patenschaft übernommen, für das andre Fräulein Levy, für das dritte aber wollte sich keine Patin finden. Da hat die Prinzessin X Frau Mauschel gefragt, ob sie nicht bereit wäre, die Fürsorge für dieses Kind zu übernehmen. Frau Mauschel ist empört: sie hat sich doch in keiner Weise von den Hortdamen mit den arischen Namen unterschieden, hat doch selbst nichts getan, irgendeinen Gegensatz zu den christlichen Damen zu betonen. Also warum glaubt die Prinzessin gerade ihr das jüdische Patenkind zuschieben zu müssen? Doch nur, weil sie eben doch eine Antisemitin ist! Mit kühler Ablehnung erklärt also Frau Mauschel der Prinzessin, daß gerade dieses Kiiid ihr nicht sympathisch sei, daß sie auch zu wenig Verständnis für die Art der Eltern habe, und daß sie es doch vorziehen würde, die kleine Christine der Witwe Schulze zu betreuen. Am gleichen Tage macht, als sie sich zufällig auf dem Nachhausewege treffen, Frau Cohn der Frau Mauschel einen Vorschlag: als wohlhabende und kinderlose Frau solle sie doch lieber ein Kriegskind an Kindesstatt annehmen. Frau Mauschel horcht auf — ihre mütterlichen Instinkte haben sich bisweilen geregt, sie hat sogar schon mehrmals mit ihrem Gatten darüber gesprochen, daß ein angenommenes Töchterchen ihrem Hause zur Zierde gereichen würde und daß man dann nicht das ganze Geld den beiden unangenehmen, zionistisch angehauchten Neffen zu hinterlassen brauchte. Sie erklärt sich also nicht abgeneigt, und nun schlägt ihr Frau Cohn dasselbe jiidisch-galizische Fliichtingskind als Adoptivtochter vor, das die Prinzessin als Patenkind erwähnt hatte. Aber da bricht aus Frau Mauschel ihre ganze, der Prinzessin gegenüber zuriiekgehaitene Entrüstung hervor und entlädt sich auf Frau Cohns Haupt: Warum es denn durchaus ein jüdisches Kind sein müsse? Frau Mauschel fühle sich nur als Deutsche und kenne keine religiösen Unterschiede. Auch wüßte man bei einem jüdischen Kinde niemals, wie es sich entwickeln könnte, ob es später nicht „diesen prononziert jüdischen Typ“ bekäme und Gott weiß was für „Ghettoeigenschaften“. Und am Ende bekäme man dann auch noch die jiidiische Verwandtschaft lins Haus! Sie, Frau Mauschel, sehne sich sehr nach einem Pflegetöehterchen, aber es müsse so ein sanftes, blondes, blauäugiges Herzchen sein, weich und gefügig wie Wachs, dessen Wesen man ganz nach seinem eigenen — Mausehelschen — Willen formen könne. Im übrigen hätte sie auch nichts dagegen, ein Kind christlicher Eltern in der christlichen Religion zu erziehen. Und nach dieser Rede empfiehlt sich Frau Mauschel und teilt selbigen Tages de'- Prinzessin ihren sehnlichen Wunsch mit, auch ihrerseits der schweren Zeit ein Opfer bringen zu dürfen und dem Kinde Christine der bedauerns- und ehrenwerten Witwe Schulze in ihrem Hause ein Heim zu bereiten, um es zu einer tüchtigen deutschen Frau zu erziehen. Maru. Reitunterricht gründlich und zweckgemäss erhalten Sie im UHversitäts-Tattersail Amalienstr. 27 Trambahnlfnie 2, 3, 10, 26 Telephon 26451 Prospekte auf Wunsch