Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- Seite 207 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Das Jüdische Echo 207 die Zeit gekommen und die Notwendigkeit eingetreten, die Operationen auszuführen, und zwar nicht bloß aus Bequemlichkeitsgründen, nicht bloß uni des europäischen Gebahrens willen, sondern aus vielen anderen, tiefer liegenden Gründen. Damit die Jugend keinerlei Störung und keinerlei Art Abhaltung mehr habe und ihre Herzenslust befriedigen kann? Nein, Gott behüte, nicht um der Interessen der Jugend willen, von der ihr fürchtet, sie würde bald mit dem Anlegen der europäischen Kleidung aus der bösen Erziehung heraus wollen, nein, um unserer eigenen Interessen willen, um der Interessen des orthodoxen Judentums willen. . . . Euer Sohn ist ein Geschäftsmann und verkehrt in der Handelswelt, und er macht die Wahrnehmung, daß die langen Kleider samt dem altfränkischen Hut ihn in den ..Kreisen des Handels stören. Nach einer kurzen Überlegung beschließt er, sich europäisch zu kleiden. Zuguterletzt kommt es zu häuslichem Konflikt, der bei strengen Eltern damit endigt, daß der Sohn überhaupt von Haus fortläuft und Aufregung und Trotz ihn dann für vogelfrei erklären. Wieviel Tausende solcher erwachsenen Söhne kehren jährlich eurem orthodoxen Lager den Rücken, nur wegen des Kleiderstreites? Und wieviel Unglück, Kränkung und Kummer bringt ihr über eure Töchter, die hartnäckig nur einen Mann mit kurzen Röcken heiraten wollen. Sie hätten gar nichts dagegen, wenn diese Freier orthodoxe fromme Juden wären, so wie ihr wollt, nur müssen sie europäisch gekleidet sein. In eurem Interesse, im Interesse des jungen Geschlechts, das ihr erhalten wrollt, im Interesse des Judentums, dem ihr so eifrig anhängt, liegt es, daß ihr mit euren eigenen Händen diesen gefährlichen Zaun, der euch von euren Kindern scheidet, abbrecht . . “ Ein gemaßregelter Pogromhetzer. Der Gouverneur von Orjol hat dem Polizeichef von Priansk einen scharfen Verweis erteilt, weil dieser öffentlich die Juden des Lebensmittelwuchers verdächtigt und dadurch das Volk zur Pogromstimmung aufgehetzt hat. Liberale russische Blätter verlangen entschieden* daß die russische Regierung solche Agitationen verhindere. Prozeß wegen eines Christenpogroms in Kiew? Ein höchst merkwürdiger Prozeß wird demnächst die Gerichte in Kiew beschäftigen. 31 Juden aus Lubar (Wolhynien) stehen unter Anklage, im September 1913 einen Pogrom gegen die christliche Bevölkerung vorbereitet zu haben. In dieser sonderbaren Anklage, die dringend der Aufklärung bedarf, sollen gegen 100 Zeugen vernommen werden. Neue russische Maßregeln. Die russische Regierung hat die Duma-Kommission benachrichtigt, daß sie nicht geneigt ist, ihre Einwilligung zu einer Abänderung der Agargesetzc zu geben, durch welche die Juden in den Besitz größerer Rechte gelangen. Andererseits hat der fortschrittliche Block gegen die Aufnahme der Formel „mit Ausnahme der Juden“ in das Agrargesetz protestiert. Da aber die Duma-Kommission keine Aussicht hatte, mit diesem Protest durchzudrhigen, hat sie eine Formel gefunden, durch die nicht-jüdischen Bauern größere Rechte eingeräumt werden, ohne daß der Juden überhaupt Erwähnung geschieht, wmdurch also die alte Rechtsbeschränkung weiter in Kraft bleibt. Dem „Russkoje Slovo“ zufolge sollen ferner demnnächst die für die christlichen Aktiengesellschaften geltenden Gesetze zu deren Gunsten abgeändert werden, während den jüdischen Aktiengesellschaften keine Erleichterungen eingeräumt werden. Jüdisches Gymnasium in Baku. Der Großfürst Nikolaus hat seine Einwilligung zur Eröffnung eines Gymnasiums in Baku gegeben, in dem Hebräisch sowie jüdische Geschichte und Religion gelehrt werden soll. Ligue Franco-Sioniste. In Frankreich wurde kürzlich eine Ligue Franco-Sioniste gegründet, der französische Politiker, Lehrer und Künstler angehören. Die Liga bemüht sich, die Öffentlichkeit in Frankreich über das Wesen des Zionismus aufzuklären. Sie verlangt Freiheit der Einwanderung und Kolonisation in Palästina und Gleichberechtigung für die Juden in allen Ländern. „Wie schön wäre es!“ Das Jubiläum des russisch-französischen Bündnisses gibt Herve in der „Victoire“ Anlaß, wegen seiner früheren Gegnerschaft demütig Abbitte zu leisten. Nach Worten der Zustimmung zum Bündnis schließt er: „Diese Silberhochzeit, selbst trotz der Schmerzen der gegenwärtigen Stunde, wie würde sie schön und freudvoll sein, wenn Viviani und Thomas von Rußland mit einem Hochzeitsgeschenk zurückkämen, welches in dem Versprechen einer allgemeinen [Amnestie für unsere Freundie bestände, die in den Gefängnissen Sibiriens schmachten und außerdem das Versprechen einer weitgehenden Autonomie für das wiedererstandene und zur Nation gewordene Polen enthielte, sowie das Versprechen, daß die Juden' in ganz Rußland bürgerliche und politische Gleichberechtigung erlangten nnd endlich, daß der Zar, gestützt auf die Duma selbst, das neue Rußland regieren werde auf den Wegen der Demokratie und des Liberalismus. Das opferfreudige Whitechapel. Im Londoner Eastend, dem Wohnsitz der armen ostjüdischen Einwanderer, hat man durch Beiträge von 1 Penny bis 10 Shilling die Summe von 50.000 T zu Gunsten der kriegsnotleidcnden russischen Juden aufgebracht. Im gesamten übrigen Großbritannien, einschließlich der Millionärsviertel, sammelte man für den gleichen Zweck 110.000 <£! Comite Pro Causa Judaica. In der Schweiz ist soeben ein Comite Pro Causa Judaica gegründet worden, über dessen Aufgaben das „Israel. Wochenblatt f. d. Schweiz“ folgendermaßen berichtet: Das Comite hat sich zur Aufgabe gestellt, die Aufmerksamkeit der zivilisierten Welt auf die Judenfrage zu lenken. Diese umfaßt die zwei großen jüdischen Probleme: die Forderung der Plano - Magazin Hermann Seherner München,DIenerstr. 22/11 Cvis-ä-vis d.Ratskeller) empfiehlt sein großes Lsger in erstklassigen Pianinos u. Flügel wie E. Kaps, Fr. Schwechten, G. Fiedler usw. zu billigen Preisen. :: Auf Wunsch Teilzahlung :: Reparaturen und Stimmungen