Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- Seite 205 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Das Jüdische Echo 205 Bedenklicher ist es schon, wenn der Verfasser der Persönlichkeit Moses’ als Kriegs- und Gottesheld mit keinem Worte in dem ganzen Aufsätze gerecht wird, obwohl Moses, mit dem vom Verfasser selbst gebrauchten Maßstab bewertet, eher als „erhabenstes Vorbild höchsten Heldentums“ gelten könnte. Mit der noch nicht geklärten Frage über die kriegerischen Eigenschaften der Urisraeliten und der Patriarchen möchten wir uns hier auch nicht eingehender beschäftigen. Doch hätte der Verfasser neben dem in List und Schlauheit so großen Abraham und den friedfertigen Isaac und Jacob, auch den von ihm selbst an anderer Stelle erwähnten fürchterlichen Lemech und Juda den Löwen setzen können, den Sohn Jacobs, dessen Hand „am Nacken seiner Feinde“ ist, wie sein Vater in seinem Segensspruch sagt. Das Bild wäre damit zum mindesten vollständiger geworden. Wichtiger erscheint uns des Verfassers Interpretation eines Weltreichtraumes der Juden, den er leider ohne Zitat anführt. Es handelt sich aber wohl dabei um das Weltreich des Messias. Dieses aber war bekanntlich nie so gedacht, daß die Juden die Welt beherrschen, sondern daß sie zusammen mit anderen Völkern das friedliche Reich des von allen anerkannten Gottes bilden würden. Der religiöse Gedanke ist hier wesentlicher als die Vorstellung, daß der über dieses Weltreich regierende Messias ein Nachkomme Davids sein wei de. Eine größere Beachtung als diese unwesentlicheren Punkte verdient die mangelhafte Beurteilung des jüdischen Volkscharakters in der Diaspora, die der Verfasser, ohne auch die Geschichte dieser Galuth-Zeit in Betracht zu ziehen, in seiner Arbeit gibt. Herr Prof. Gunkel schreibt: „Ein solches tapferes, stolzes und politisch mündiges Volk hat nun das furchtbare Schicksal erlebt, daß es trotz aller seiner Gegenwehr unter die Knechtschaft überlegener Mächte geriet, der es niemals wieder entkommen sollte. Wir verstehen es, daß sich sein Charakter in diesen Jahrhunderten entscheidend (von uns gesperrt) und — was wir nicht vei schweigen dürfen — nicht zu seinem Vorteil verändert hat . . . Von dem Gefühl seiner inneren Überlegenheit über die Völker alle will es nicht lassen; aber dieser Stolz verkehrt sich in ihm unter den ständigen Demütigungen in Hochmut und Eitelkeit. Wahrlich das Bild einer tiefen Erniedrigung; und doch die Erniedrigung eines Helden.“ Dieses Bild der Diasporajuden ist aber, wie gesagt, nicht etwa entnommen der Betrachtung: der Geschichte dieser Juden in Galuth, sondern sie ist an die Übersicht über die politische Geschichte Israels bis zur Erscheinung; Jesus von Nazareth einfach angehängt. Ja, das einzige Zitat, das diese entscheidende Änderung des jüdischen Volkscharakters beweisen soll, ist eine Strophe aus dem Psalm 137, 8, der aber aus der Zeit des babylonischen Exils stammt, also aus einer Zeit, der eine andere noch größere folgte, die dem Verfasser noch viele Figuren von Helden und Heldinnen für seine Studie liefern konnte. Sie ist also kein besonders gut gewählter Beweis für diese angebliche entscheidende Änderung. Es ist nämlich in gewissen historiograpischen Kreisen und meistens bei den Theologen^ immer noch gang und gäbe, die Erscheinung des Christentums als das Ende der israelitischen Geschichte zu betrachten, als ob mit dieser Erscheinung Israel aus der Geschichte plötzlich verschwunden wäre. Gerade Herr Professor Gunkel, der aus dem bisherigen Schema heraus will und die Geschichte Israels nicht als die Geschichte einer Religion, sondern eines Heldenvolkes betrachtet, hat gar keinen Grund, mit seinen Betrachtungen bei Jesus aufzuhören, so lange er z; B. im nächsten Jahrhundert einen Bar-Kochba und einen Rabbi Akiba als weitere bedeutende Belege für seine These vom heldenhaften Charakter des israelitischen Volkes finden kann. Ja, hätte er die ganze jüdische Geschichte bis zum heutigen Tage, nicht nur die israelitische des Altertums, mit seinen forschenden Blicken gestreift, so hätte er, vielleicht zu seiner Überraschung, noch gefunden, daß mit der Verbannung der Volkscharakter der Juden sich doch nicht so „entscheidend“ geändert hat, wie er in seinem Aufsatz annimmt. Er hätte z. B. gefunden, daß die Art wie die jüdischen Märtyrer unter den Römern zu sterben wußten, auf gleicher Höhe steht wie die der früheren Helden, die der Verfasser so bewundert. Diese Art zu sterben, mit dem mahnenden und aufmunternden Ruf „Sch’ma Israel . . .“ im Munde, oder mit einer Danksagung an Gott, daß er ihnen die Gelegenheit gab, für ihren Glauben sterben zu dürfen (nach einer talmudischen Erklärung *), sticht sogar in unleugbar vorteilhafter Weise ab, von jenem enttäuschten, entmutigten und verzweifelten lauten Schrei: „Eli, Eli, lama asabhtani“* 2), mit welchem das zweifelsohne zu bewundernde Martyrium Jesus von Nazareth endete. Diesen heldenhaften (jeist hätte aber der Verfasser auch in dem heiligen Enthusiasmus wiedergefunden, mit welchem die Juden Vorderasiens unter den Volksaufrührern und vermeintlichen Messiassen des Mittelalters zu kämpfen wußten. Er hätte ihn bei den Märtyrern der spanischen Inquisition wiedererkannt, und zwar bei der Masse des Volkes, wie bei einzelnen Helden; z. B. bei jenem spanisch-jüdischen Minister Don Isaac Abrabanel, der seinen Glaubensgenossen ins Exil folgte, trotzdem er sein hohes Amt und seine Privilegien behalten durfte.3) Er hätte ihn, wenn auch auf ganz andere Ziele gerichtet, bei jenen jüdischen Kavallerietruppen wiedererkannt, die als polnisch-jüdisches Korps sich Napoleon I. anschlossen, zur Befreiung Polens. Oder bei jenen vorderasiatischen Judenbataillonen, die sich um denselben Napoleon, auf seinen Aufruf hin, bei Aleppo sammelten, um Palästina für die Juden zu erobern.4) Und dies alles trotz der unzähligen Leiden, Demütigungen und Unterdrückungen des so langen Galuth. Wenn das Leben in Galuth den Volkscharakter der Juden zugegebener Weise unvorteilhaft stark beeinflußt, oft entartet hat, so hat es ihn also nie „entscheidend“ geändert. Die wesentlichen Merkmale diese Volkswesens sind dieselben geblieben J) Talm. Babl. Berachot 61, Talm. Jerus. Berachot 14b. Zitiert in Graetz, Geschichte der Juden, 4, 161 und irgendwo in Marie Brandon Salvador: „A travers les Moissons“ Paris. 2) „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Matth. 27, 46; Marc. 15, 34. a) Graetz. loc. cit. 4. Aufl. 8, 348. 4) Graetz. loco cit. 3. Aufl. 11, 222,