Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- Seite 204 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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201 Das Jüdische Echo Nr. 22 keit der Bauer bereits ein Drittel seiner Jahresernte abzugeben hatte. Daß natürlich mit dem sichtlichen Steigen der Abgaben an Ernte und der Nichtbesteuerung der Ausländer auf der anderen Seite nur Unlust wuchs, ist klar. So ist es nur zu begreiflich, wenn die Leute schließlich sich um eine rationellere Bodenbebauung wenig kümmerten und schon zufrieden waren, wenn sie das für ihre Existenz Nötigste angebaut hatten. Durch Aufhebung der Kapitulationen nun können erstens einmal die in der Türkei ansässigen Ausländer besteuert werden und fürs zweite hat die Türkei freie Hand in ihrer Zollpolitik. Durch Einführung des Agrarzolles soll in weitgehendster Weise die Rohstofferzeugung wie auch die Rohstöffverarbeitung geschützt werden. Freilich ist mit der bloßen Einführung dieses Zolles noch nicht alles erreicht und viele andere Faktoren, so gewissenhaftes Erheben des Zolles, Ausbildung des Kreditwesens, Schaffung landwirtschaftlicher Organisationen usw. wird ebenso wichtig zur Hebung des Bauernstandes sein. Der Ackerbau wird für alle Zeiten die Grundlage des türkischen Wirtschaftslebens bleiben. Seine Hebung durch Schaffung gesunder Bedingungen wird wohl die vornehmste Sorge der türkischen Regierung sein. Für die jüdischen Kolonien in türkischen Provinzen bedeutet der neue Agrarzoll einen wesentlichen Vorteil, denn da bisher Grund und Boden in der Türkei stets auf den Namen eines ottomanischen Untertanen gekauft werden mußte, gehörten die jüdischen Bodenbesitzer keineswegs zu den von der Steuer befreiten „Ausländern“, sondern hatten dieselben Staatslasten zu tragen, wie die türkischen Bodenbesitzer. Milukoff über die Lage der russischen Juden. Der Führer der russischen Kadettenpartei Professor Milukoff, hat sich während eines Besuches in England über die Lage der russischen Juden ausgesprochen, freilich in einer Weise, die von englisch-jüdischen Blättern als ein „bischen optimistisch“ bezeichnet wird. Milukoffs Versicherung zufolge tritt die Blockpartei in der Duma nach wie vor für die Rechte der Juden ein. Allerdings will sie vorläufig keine durchgreifende Änderung der jüdischen Lage sondern nur einzelne Verbesserungen anstreben. Über die Behandlung der Juden in Grenzgebieten als „Spione“ sprach er sich sehr tadelnd aus und versicherte, daß die russische Regierung diese Taktik künftig nicht weiter befolgen würde. Wie der neue Premierminister Stürmer sich zur Judenfrage stellen wird, steht noch nicht fest. An eine vollständige Judenemanzipation ist Milukoffs Ansicht nach für erste gar nicht zu denken, doch glaubt er, daß sobald die gesamte Politik in ein liberales Fahrwasser lenkt, die Lage der Juden sich bessern wird; und daß Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (HotelKönigshof) diese liberale Richtung eingeschlagen wird, erscheint ihm sicher. Vorläufig stehen freilich die Dinge noch so, daß gegen die etwa 300 000 im rus sischen Heere dienden Juden schwere Verdächtigungen erhoben werden. Einflußreiche Kreise senden Rundschreiben an die Armeeführer und ersuchen sie, Material gegen die jüdischen Soldaten zu sammeln. An eine starke Auswanderung aus Rußland glaubt Professor Milukoff nicht. Israelitisches Heldentum. So betitelt sich ein Aufsatz, der im Dezemberheft 1915 der „Internat. Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik“ erschien, kürzlich auch in Buchform von Herrn Gunkel, Professor an der Universität Gießen, veröffentlicht wurde, und der die Geschichte Israels von einem bis jetzt nicht nur in theologischen Kreisen wenig beachteten Gesichtspunkte aus betrachten will. Der Verfasser betont nämlich, im Gegensatz zur gewöhnlichen Auffassung, den politischen neben dem religiösen Charakter dieser Geschichte und weist auf die Wesensverwandtschaft des Heldentums der politischen und der religiösen Führer Israels hin. Nach einer Übersicht über den politischen Werdegang der israelitischen Staaten, über die kriegerischen Eigenschaften und die Kundgebungen politischer Reife des israelitischen Volkes, werden an Hand einer Reihe von Beispielen aus der Bibel die seelischen Eigenschaften seiner Helden und Heldinnen illustriert. Daran reiht sich in innigem Zusammenhänge die Aufzählung der „Gotteshelden“, für deren höchsten und vorbildlichsten Vertreter im Judentum der Verfasser Jesum von Nazareth hält. Ein Schlußabschnitt behandelt noch kurz die gegensätzlichen, unkriegerischen und friedlichen Strömungen in Israel und endet mit der Feststellung, daß ein Volk, das beides kennt, das Heldentum des Schwertes und das Heldentum des Glaubens, unüberwindlich bleibt. Im großen und ganzen erhält der Artikel für uns Juden nichts Neues. Wenn wir zwar bis jetzt nicht so große Aufmerksamkeit jeder seelischen Eigenschaft schenkten, die das heldenhafte Wesen unserer Helden und Heldinnen kennzeichnet, so sind uns die Zusammenhänge zwischen der politischen und religiösen Geschichte unseres Volkes, der heroische Charakter unserer religiösen Größen und die vielen tapferen Frauen und Mädchen Israels, längst vertraut. Wenn trotzdem der oben genannte Aufsatz hier besprochen wird, so geschieht es einerseits, weil er sonst bemerkenswert genug ist, um auch in unseren Kreisen zur Lektüre empfohlen zu werden, andererseits aber, weil es uns wichtig erscheint, gewisse Mängel des Aufsatzes hervorzuheben und eine Beurteilung des jüdischen Volkscharakters zu bekämpfen, die auf einem methodischen Fehler des Verfassers beruht. Auf gewisse Irrtiimer und Unterlassungssünden des Verfassers soll hier nur kurz hingewiesen werden: So ist es z. B. wohl ein Versehen des Herrn Prof. Gunkel, wenn er, indem er von der Blutrache der israelitischen Helden erzählt, unterstreicht, daß Simon tötet, um Rache „für eines seiner Augen“ zu nehmen, was mit dem Inhalt der vom Verfasser angegebenen Stelle — Richter 16, 28, nicht im Einklang steht.