Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102942-9137312--00871-9073697- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. 22 Das Jüdische Echo 203 h e n d e — Nachweis bii ros für freiwillige jüdisch-soziale Arbeit eröffnen, könnte mit geringen Kosten an jüdische Männer, Frauen und Mädchen die Aufforderung ergehen lassen, sich zur Mitarbeit zu melden und könnte aus ihnen einzelne Arbeitsgruppen bilden: Gruppen zur Veranstaltung jüdischer Vorträge, zur Armen- und Einwandererfürsorge, zur Schaffung hebräischer Kindergärten und Jugendzirkel zur Erteilung juristischer Auskünfte. Ich kann mir sogar denken, daß es gelänge, durch solche Büros einen Stab jüdisch-sozialer Arbeiter zu gewinnen, die man den deutschen Behörden im besetzten östlichen Kriegsgebiet als Krankenpflegerinnen, Waisenpfleger, Lehrer und1 Helfer beim schier unermeßlichen Werk der Armenfürsorge zur Verfügung stellen könnte. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß diesen Mitarbeiten keine Zeit zu allgemeiner sozialer Arbeit im Interesse des Staates bleiben solle. Aber auch denen, die nur wenige Stunden in der Woche einer jüdischen Arbeit widmen wollen, könnte ja ein solches Büro für jüdisch-soziale Arbeit zu einer geeigneten Tätigkeit verhelfen. Wo ist die jüdische Organisation oder Gruppe, die sich daran macht, in den verschiedensten Städten Deutschlands solche Büros zu gründen? Wir rufen denen, die der Krieg schlapp, träge und mutlos gemacht hat, wir rufen den vom Heeresdienst Befreiten und besonders den Frauen in den jüdischen Gemeinden zu: Wachet auf! Eure Pflicht ist es, in diesen Tagen, da unser Judentum eine schwere Krise durchmacht, eure jüdische Gemeinde zusammenzuhalten! Und wenn es auch schwierig ist— arbeiten und nicht verzweifeln! H. H. C. Einführung eines Ägrarzolles in der Türkei Über dieses, auch vom Standpunkt der jüdischen Kolonisation in Palästina und Syrien aus wichtige Thema berichten die Tageszeitungen. Seit Jahrhunderten war es dem Osmanenreich nicht mehr möglich, selbständig einen den Bedürfnissen des Landes entsprechenden Zolltarif zu entrichten. Immer wurden solche Einrichtungen von fremden Mächten bestimmt und durch Konzessionen auf anderen Gebieten teuer erkauft. Die neue Agrarzollpolitik der Türkei bezweckt neben einer erträglichen Besteuerung der leistungsfähigen Landwirtschaft dieses ausgesprochenen Agrarlandes, auch die Förderung mehrerer, in ihren Anfängen stehender Industriezweige durch Zollentlastung. Einen inneren Ausgleich zu schaffen zwischen leistungsfähigen und minderleistungsfähigen Wirtschaftszweigen, ist nur möglich, wenn das Land auf andere Weise den dabei entstehenden finanziellen Verlust decken kann. Zwei Wege sind da gangbar. Fürs erste die Heranziehung der meist sehr reichen Ausländer in der Türkei, die bis vor Aufhebung der Kapitulationen steuerfrei waren und fürs zweite Zollerhöhung für gewisse Einfuhrartikel. Aber für beide Möglichkeiten waren bisher der Türkei die Hände gebunden durch Kapitulationen und durch gewisse Verträge. Ein Unikum ist da der türkisch-englische Vertrag von 1837. England konnte auf Grund dessen seine Waren bei einer Verzollung von nur 3 Prozent nach der Türkei einführen, die Waren der Türkei aber wurden bei einer Einfuhr nach England mit 9 Prozent verzollt. Der Zweck dieses hübschen Vertrages ist natürlich, die wirtschaftliche Erstarkung der Türkei zu verhindern. Um ihre Zolleinnahmen zu erhöhen, erhöhte die Türkei 1908 mit Zustimmung der Mächte den Zollsatz für Wareneinfuhr von 8 Prozent des Warenwertes auf 11 Prozent. Das war ein ausgesprochener Finanzzoll, der den wirtschaftlichen Interessen des Landes aber nicht gerecht werden konnte. Da die Erhöhung der Zölle auf eingeführte Waren infolge der Kapitulationen nicht möglich war und ebenso die meist großen Vermögen der Ausländer nicht herangezogen werden konnten, so wurde aus der Landwirtschaft eine möglichst hohe Steuer herauszuholen versucht. Der Erfolg war natürlich ganz negativ, ja er hätte wohl schließlich zu dem Ruin der türkischen Landwirtschaft geführt. Ein paar Zahlen zeigen das. Die Türkei ist von Haus aus ein Agrarland. Aber dennoch bestand bisher das denkbar anormalste Verhältnis zwischen Ausfuhr und Einfuhr. So führte die Türkei 1908/09 für 35,1 Millionen Goldpiaster Getreide aus und für 601,9 Millionen Goldpiaster Mehl ein. Sechzehnmal soviel mußte das Land an Mehl einführen, wie es ausführte. Der Grund der geringen Eigenproduktion war ein mehrfacher. Nach England, das ein guter Getreidekäufer ist, konnte, wie schon oben gesagt, die Türkei nicht ausführen wegen des Zolles von 9 Prozent des Warenwertes. Dazu kam die Überproduktion auf russischem und amerikanischem Boden. Die beiden Sorten sind von einer Qualität, die das türkische Getreide zunächst nicht erreichen konnte. Schon wegen dieses Mangels an Qualität mußte das türkische Getreide um 40 Prozent billiger verkauft werden, um auf dem Markt überhaupt Beachtung zu finden. Dazu kam eine erhebliche Verteuerung der Transportkosten. Alles in allem kamen 100 Kilogramm Mehl, die von Odessa an die türkischen Küstenstädte verfrachtet wurden, viel billiger, etwa um 30 Prozent, als wenn diese 100 Kilogramm im eigenen Lande erzeugt, das dafür nötige Getreide mit Kamelen oder den noch teueren französischen Eisenbahnlinien zu einer weitentlegenen Mühle verfrachtet und dann im Lande verkauft wurden. Noch ein Moment wirkte hindernd auf eine eifrigere Anbautätigkeit im Lande. Das ist die Abgabe eines „Zehnten“. Es heißt das nichts anderes, als daß der Bauer von seiner Gesamternte den 10. Teil an den Staat kostenlos abzugeben hatte. Die Notwendigkeit dieser Einrichtung für den Staat erklärt sich eben daraus, daß .eine andere Deckung seiner Einnahmen nicht möglich war, wie schon erwähnt, infolge der Kapitulationen. Und so mußte dieser Ackerzehnt immer erhöht werden, so daß der Name nur noch an eine alte Einrichtung erinnerte, während in Wirklich- L Josefine Marti Sendlingerstraße 52 Damen - Moden- Atelier nur erstklassige Ausführung Kostüme, Sport-, Reit- und Gesellschafts - Kleider Kriegspreise