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Das jüdische Echo · 1916-06-02 · 22 (2.6.1916) · p. Seite 202

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
22 (2.6.1916)
Date
1916-06-02
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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202 Das Jüdische Echo Nr. 22 Hrbeiten und nicht verzweifeln! Vorschlag zur Gründung von Nachweisbüros für freiwillige jüdisch-soziale Arbeit. Das Carlyle-Wort klingt hohl wie eine abgegriffene Münze und sollte doch gerade heutzutage tönen, schmettern, Wecken! Wer inmitten jüdisch-sozialer, jüdischer Gemeinschaftsarbeit steht, der macht die betrübende Beobachtung, daß die Kräfte der Mitarbeiter im Laufe der letzten Monate immer mehr erschlafft sind. Der Krieg dauert nun leider Gottes schon fast zwei Jahre lang, die Besten und Tüchtigsten stehen im Felde, und die Gedanken der Daheimgebliebenen sind auf die ständig wachsenden Sorgen des Alltags und auf die ungewisse politische Zukunft gerichtet. Daneben gilt es, viel Leid und große Not im Volke, bei den Verwundeten, den Frauen und Kindern der im Felde Stehenden oder Gefallenen zu lindern. Immer größere Anforderungen werden an die Hilfsbereitschaft und die Opferwilligkeit der Daheimgebliebenen gestellt. Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß Arbeiten, die sich nicht auf eine Hebung der unmittelbaren Not beziehen, von vielen Leuten für unwesentlich, unzeitgemäß, ja für eine unnütze Kräftevergeudung gehalten werden. Ganz besonders stark leidet unter dieser irrigen Meinung das jüdische Gemeindeleben. Wenn wir uns heute in jüdischen Gemeinden deutscher Städte umschauen, so stoßen wir auf sehr betrübende Erscheinungen. Schon vor dem Kriege schlief das Gemeindeleben einen Dornröschenschlaf. Man bemühte sich zwar, irgendein bestehendes jüdisches Krankenhaus, einen jüdischen Kinderhort oder wohltätigen Frauenverein weiter am Leben zu erhalten und seine bescheidenen Aufgaben erfüllen zu lassen. Hier und da hatte man sich sogar zur Gründung eines Jugendbundes, eines Kindergartens entschlossen, an dem ■— der Reiz der Neuheit! — im Anfang fleißig geschafft wurde. Aber im übrigen ließ man die Dinge gehen wie sie eben wollten. Dann kam der Krieg. Die jungen und eifrigsten Kräfte zogen ins Feld hinaus, und die Zurückgebliebenen stürzten sich mit Feuereifer in die deutsch-soziale Hilfsarbeit. Bis, mit der langen Dauer des Krieges, auch dieser Eifer verrauchte. Ein paar jüdische Flüchtlingsheime und Einwandererkinderhorte, die in den größeren Städten zu Kriegsbeginn gegründet worden waren, führen zwar noch efine kümmerliche Existenz, stehen aber vielfach in Gefahr, aus Mangel an ernsten, ausdauernden Mitarbeitern einzugehen. Von irgendwelchen Neuschöpfungen jüdisch-sozialer Natur: Jugend-, Wanderer- oder Turn-Vereinen, jüdischen Literatur- oder Geschichtskursen ist überhaupt keine Rede. Dornröschen hat nur einmal die Augen aufgeschlagen, sich aber gleich wieder auf das andere Ohr gelegt. — Und was ist die Folge dieser Schlafseligkeit? Unsere jüdischen Jungen und Mädchen, die ohne- Reltunterricht gründlich und zweckgemäss erhalten Sie im Universitäts-Tattersall Amalienstr. 27 Trambahnlinie 2, 3. 10,*26 Telephon 26451 Prospekte auf Wunsch hin infolge der Einberufung ihrer Religionsichrer in ihrer jüdischen Erziehung durch den Krieg schwer geschädigt sind, entfremden sich — in einer falschen Auffassung des Begriffes „deutsche Vaterlands-Liebe“ — dem Judentum in erschreckend starker und schneller Weise. Halberwachsene junge Leute, in denen der Krieg tausend bange Fragen nach ihrem Verhältnis zur Umwelt erweckte, laufen ratlos umher, sehnen sich nach Bildung und religiöser Belehrung und haben keinen Verein, keine Stätte mehr, in der sie von älteren, erfahreneren Führern Anleitung und Anspornung erhalten. Turn- und Sportvereine gehen in Trümmer. In Städten mit einer stärkeren Zahl von jüdischen Einwanderern und Flüchtlingen laufen diese vielfach ohne Berufsanleitung, ohne ein soziales Zentrum, ohne Unterricht für ihre kleinen und ohne gesunde Zerstreuung für ihre großen Kinder herum. Jüdische Bibliotheken und Lesehallen sind geschlossen worden. Jüdische Frauenvereine arbeiten wohl noch, setzen aber vielfach ihren Ehrgeiz darein, sich in corpore für nichtjüdische soziale Arbeit zur Verfügung stellen. Ja, sind wir denn blind? Sehen wir denn nicht, welches Verbrechen unsere Untätigkeit ist? wie sie unserem ohnehin verdorrenden jüdischen Gemeindeleben den Todesstoß versetzt? Schämen wir uns nicht, wenn wir bedenken, daß unsere Männer eines Tages aus dem Felde heimkehren und nach den von ihnen geschaffenen jüdischen Institutionen fragen werden und daß wir ihnen dann werden antworten müssen: Wir haben alles in Trümmer gehen lassen!? Überall auf der Welt organisiert man sich heutzutage. Berufsvereine, religöse Verbände, politische Gruppen — sie alle schließen sich fester zusammen als je, um die ihnen durch den Krieg erwachsenen neuen Aufgaben zu bewältigen. In unseren Städten und Städtchen aber läßt man die jüdischen Gemeinden fortwursteln oder auseinanderfallen. „Aber unsere tüchtigsten Arbeiter sind ja im Felde!“ wird eingewandt. Faule Ausrede! so sollen die Hiergebliebenen heran, sollen sich die Köpfe ein bischen zerbrechen und sich’s ein wenig Zeit und Mühe kosten lassen, die andern zu ersetzen. Die älteren Männer sollen heran, die Militärbefreiten und — vor allem— die Frauen. Was tuen die Frauen in den kleineren und größeren jüdischen Gemeinden dazu, die bestehenden Vereine zu erhalten? Mittel für ihren Ausbau zu sammeln? jüdische Vorträge zu veranstalten, in denen Juden mit der grauenhaften Lage ihrer Stammesgenosen in kriegführenden Ländern bekannt gemacht werden? Kinderkurse für biblische Geschichte oder hebräische Sprache zu veranstalten? mit jüdischen Kindern, besonders mit Einwandererkindern ins Grüne hinauswandern? In Berlin hat ein Kreis junger Zionisten mitten in diesen Kriegstagen ein Siedlungshaus geschaffen, das der Erziehung, Belehrung und Unterhaltung ärmerer jüdischer Kreise gewidmet sein wird. Mitten im Kriege hat man Zeit und Mittel für so ein großes, schwieriges Werk gefunden. In London haben die Bnei Brith-Logen ein Büro eröffnet, in dem man den zu jüdisch-sozialer Arbeit Willigen Posten anweist, auf denen sie ihre freie Zeit zum Besten der jüdischen Mitbürger verwenden können. Aber was tut man bei uns? Mit Leichtigkeit könnte man in unseren bayerischen Städten ähnliche — mit Gern e i n d e b ii r o s in Verbindung s te-

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