Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Vicrtclj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Qanzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pf. —Ver 1 a g des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 22 München / 3. Jahrgang 2. Juni 1916 Unterredung mit einem türkischen Parlamentarier. Während der Anwesenheit der türkischen Parlamentsmitglieder in München hatte einer der Herren, der Vizepräsident der türkischen Kammer, Hussein Djahid Bey, die Liebenswürdigkeit, sich eingehend mit der Schriftleiterin des „Jüdischen Echos1“ zu unterhalten und ihr dabei Interessantes über die Lage der Juden in türkischen Ländern mitzuteilen. Anerkennend sprach sich Seine Exzellenz über die im türkischen Heere dienenden jüdischen Soldaten aus. „Sie haben sich durchaus als tapfere Soldaten bewährt. Freilich haben wir vielfach auf die geringe Gewöhnung der orientalischen Juden an kriegerische Leistungen und auf ihre mangelnde miltitärische Ausbildung Rücksicht genommen und sie weniger den kämpfenden Truppenteilen als vielmehr den Pionier- und Trainbataillonen zugeteilt, doch haben sie sich an jedem Platze bewährt. Auch die älteren jüdischen Kaufleute in der Türkei, die für den Heeresdienst nicht in Betracht kamen, haben sich gerade in dieser Zeit als wichtiges Element im Staate erwiesen. Die türkische Regierung ist überhaupt überzeugt, daß die Juden ein sehr nützlicher Bestandteil der Bevölkerung werden können. Ich kann Ihnen allerdings nicht verhehlen, daß man von vielen Seiten an die türkische Regierung mit Verdächtigungen — besonders gegen die Kolonisten in Palästina — herangetreten ist. Man hat sie separatistischer Gelüste beschuldigt, und Sie werden verstehen, daß die Türkei, die in dieser Beziehung schlimme Erfahrungen gemacht hat und ja gerade deshalb die Kapitulationen abgeschafft hat, weil sie nicht länger die politischen Sonderbestrebungen fremder Nationen in ihrem Reiche mitansehen wollte, die Bildung eines nicht-ottomanischen Staatswesens in ihrem Staate nicht dulden kann. Inzwischen aber hat sich ja, wie Sie selbst wissen, die Mehrzahl der Juden im türkischen Reiche ottomanisieren lassen und hat damit ihre Loyalität gegenüber der ottomanischen Regierung bekundet. Infolgedessen haben wir keine Veranlassung mehr, den Juden in unserem Lande irgendwelches Mißtrauen zu bezeugen, Wir wissen genau, daß die jüdischen Kolonien in Palästina sehr nützliche Arbeit bei der Versorgung unserer syrischen Armee mit Lebensmitteln geleistet haben, und wir werden cs sicherlich begrüßen, wenn sich nach dem Kriege zahlreiche weitere jüdische Kolonisten aus den Ländern, in denen sie religiösen Verfolgungen ausgesetzt sind, in den asiatischen Provinzen des türkischen Reiches ansiedeln wollen. Weite Gebiete unseres Landes harren der Erschließung, und es ist nur eine Frage der geeigneten Arbeitskräfte und des erforderlichen Kapitals, um sie zu blühenden, reichlich Frucht tragenden Ländern zu machen. Welche Teile des Reiches für die Besiedlung in erster Linie in Frage kommen, darüber bestehen, soviel ich weiß, heute bei der türkischen Regierung noch keine bestimmten Pläne. Aber kennen Sie z. B. die Gegend bei Adana? Aus diesem Lande wird sich außerordentlich viel machen lassen, und Ihre Glaubensgenossen werden sicherlich als wichtiges Bevölkerungselement für die Erschließung in Frage kommen. In welchem Maße die Ansiedlung fremder Kolonisten erwünscht ist, d. h. wievielen Menschen die zur Besiedlung geeigneten Gebiete demnächst Raum bieten werden, das kann ich Ihnen allerdings heute noch nicht sagen. Wir sind überzeugt, daß sich unsere neuen Zoll- und Steuergesetze von hohem Wert für unser ganzes Land und auch für die ottomanisierten jüdischen Ansiedler erweisen werden. Besonders das neue Agrargesetz wird sehr viel zur Hebung der wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung beitragen. Von großem Wert werden aber auch die neuen Einfuhrzölle sein. Solange wir unter dein Druck der Kapitulationen der fremden Mächte auf alle Waren gleichmäßig einen Zoll von 11 Prozent legen mußten, konnte unsere Industrie natürlich nicht aufbliihen. Aber bei dem neuen Zolltarif wird besonders die landwirtschaftliche Industrie sich zweifellos bedeutend heben. Und gerade auf industriellem Gebiet erwarten wir, daß die ottomanischen Juden sich sehr bewähren werden. Sie wissen, einen Antisemitismus im europäischen Sinne hat die Türkei nie gekannt. Man hat bei uns. niemals die jüdische Religion bekämpft, sondern gern den in andern Ländern Unterdrückten eine Zuflucht gewährt. Wenn z. B. gegenwärtig in Deutschland Gerüchte zirkulieren, die türkische Regierung habe angeordnet, in den Schulen ihres Reiches dürfe nur noch muhammedanischer Religionsunterricht erteilt werden, so ist das einfach lächerlich. Natürlich sind die türkischen Staatsschulen muhammedanische Schulen, aber in den Religionsunterricht der übrigen fremden Schulen mischt sich die Regierung durchaus nicht ein. Nur muß sie natürlich Wert darauf legen, daß in den Schulen des Reiches u. a. auch türkischer Unterricht erteilt wird. Sie dürfen überzeugt sein, daß die türkische Regierung, nachdem sie sich von der Loyalität ihrer jüdischen Untertanen überzeugt hat, den Zuzug jüdischer Ansiedler und ihre Betätigung in Ackerbau und Industrie mit Freude begrüßen wird.“