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Das jüdische Echo · 1916-05-26 · 21 (26.5.1916) · p. Seite 198

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
21 (26.5.1916)
Date
1916-05-26
Page
Seite 198 (sequence 10)
Language
German
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198 Das Jüdische Echo Nr. 21 Schweigend, mit andächtig geneigtem Haupte fuhren sie vorüber an der Göttin, die sie alle, alle willkommen hieß, auch die Ärmsten in den zerrissenen Lumpen, die zu Boden Getretenen mit den schwieligen Händen und die, welche der eigene Wurzelboden ausgespien und vertrieben hatte, weil sie Schutz und Recht von ihm gefordert hatten. In weihevoller Ergriffenheit fuhren sie auf das Land zu, das in einzelnen, zerklüfteten Riesenpfeilern, in atemraubend hohen Türmen aus dem Morgendunst hervorzuwachsen begann, auf das gastfreudige Land der Freiheit. —-- Und nun habe ich sie wiedergesehen! In dem Riesensaal des Volksgebäudes drängen de sich, wie sie sich einst auf dem Zwischendeck gedrängt haben. Alle, alle jene Gestalten vom Zwischendeck sind wieder da. Manche tragen den Kopf freier als zuvor, manche haben die Lumpen von früher mit gutsitzenden Kleidern vertauscht — aber aus vielen hohlen Augen und Wangen blicken der alte Hunger, das alte Elend und die neue tiefe Enttäuschung. In dem weiten Raum haben sie sich eingefunden, alle beseelt von der gleichen Stimmung des Unwillens, des ohnmächtigen Zornes, oder halb ungläubig, daß wirklich Mächte am Werk sein sollen, die bereit sind, langsam, stückweise dem Heere der Verbannten, derer für welche die alte Welt keinen Raum hat, die letzte Zuflucht zu rauben, die Pforten in das neue Land zu verschließen; fragend blicken sie, als könnten sie es nicht fassen, daß wirklich die lodernde Freiheitsfackel, die ihnen zuerst draußen auf dem Ozean geglüht, zerflackern und verglimmen solle. Ganz, ganz allmählich, sagt man ihnen, sei es gekommen: erst ist einer wegen Krankheit in das Hungerleben, dem er entfliehen wollte, zurückgeschickt worden, dann'ein anderer, weil er keinen Heller sein eigen nannte. Danach ist einer, der eine alte Schuld sühnen, einen neuen Menschen anziehen wollte, zurückgetrieben worden. In die Hölle der Not und Entbehrung, das Inferno rohester Unwissenheit, wo grausame Willkür tausend Bildungshungrigen die Schulen verschließt, wurden die Abgewiesenen zurückgestoßen. Die aber bleiben durften, sie haben gearbeitet Tag und Nacht, gerungen im Schweiße ihres Angesichts, um die Ihrigen in das Freiheitsland nachkommen zu lassen, wo ihre Frauen satt werden, ihre Kinder Schulen besuchen und freie, wissende Menschen werden sollen. Nun stehen sie in der mächtigen Halle und jubeln ihren Lieblingen zu, den Männern mit feuriger Beredsamkeit, mit warmen Herzen und offenen Taschen, die mit Empörung gegen ein Gesetz protestieren, das Hunderte von Arbeit und Freiheit suchenden Menschen vom amerikanischen Strande zurückweist, weil ihnen die elenden Heimatsverhältnisse das Erlernen von Lesen und Schreiben verwehrt haben, weil das Hungerleben ihre Körperkräfte geschwächt hat oder weil russische Spitzel sie des Hochverrats bezichtigten. Mit Jauchzen b'egriißen sie ihre Geistlichen, ihre Regierungsmänner und Philantropen, die ihnen versprechen, dagegen zu kämpfen, daß man Tausende vom Leben vernachlässigter Schutzbediirftiger abweisen, daß man Tausende von Menschen auf immer von ihren Liebsten, für die allein sie gestrebt, trennen solle. Mit Bangen hören sie zu, als man ihnen dieses Gesetz als den ersten Versuch schildert, Amerikas gastfreie Tore gänzlich zu versperren, die Enterbten der alten Welt ihrem Schicksal zu überlassen, daß diesem ersten Vorstoß ein zweiter folgen werde, der politische Vergehen, ja den bloßen Verdacht politischer Wühlarbeit als Ausschließungsgrund betrachten wolle, daß alles darauf hinstrebe, den Paßzwang einzuführen und damit der gleichen Willkür, der gleichen Gesinnungsspionage Raum zu geben, wie in dem Lande finsterster Tyrannenwut: Rußland. Wie ein Schrei klingt das Echo des verhaßten Namens, der in der Menge düstere Bilder von Not, Unterdrückung und Verschmachten nach leiblicher und geistiger Nahrung erweckt, und ein Schrei ist der Protestruf gegen das Gesetz der Zurückweisung — der Schrei derer, die nach Brot, nach Bildung, nach Freiheit hungern und denen nun das Verschließen der Pforte zum Licht, die ewige Verbannung in die Nacht der Not und Unwissenheit droht.- Als sei ihre letzte Kraft in diesem Protestschrei dahingeflossen, zerteilt sich die Menge und strömt ins Freie, strömt zurück in ihre Häuser, Zimmerchen oder Dachkammern und reißt mich mit bis an das Flußgestade. Dort stehe ich still, blicke in die Ferne, bis hinaus auf das Meer und versuche, das Fackellicht in der Hand der Freiheitsgöttin zu erspähen. Aber die Nacht ist nebelschwer, und nur ein winziges Fünkchen glimmt in der Ferne. — —-- Chana. Ein jüdischer General. Nach der Kopenhagener „Jüdischen Volksstimme“ beschäftigen sich jetzt die englisch-jüdischen Zeitungen viel mit einem australischen General John Mo nasch, der sich in diesem Kriege und schon früher in Kolonialkämpfen ganz hervorragend bewährt haben und in englischen Mjlitärkreisen überaus geschätzt sein soll. Es wird darauf hingewiesen, daß General John M o n a s c h ein leibhaftiger Neffe unseres bekannten Historikers Professor Heinrich Grätz ist. Seines Vaters Schwester war die Gattin des Professors Grätz. Grätz soll nach diesen Meldungen dem jungen Monasch zur Auswanderung nach Australien geraten haben, „weil er in Deutschland keine Aussicht auf Karriere gehabt habe“. Wie wir feststellen konnten, stimmt es in der Tat, daß General Monasch ein Neffe von ‘Heinrich Grätz ist. Aber unrichtig ist, daß er aus Deutschland auf Anraten Grätz’s ausgewandert ist. Er ist bereits in Australien geboren, wohin sein Vater schon in jungen Jahren auswanderte. Dieser ist geboren in Krotoschin in Posen, das bekanntlich auch die Heimat Max Nordaus ist. H. Sch. I OCO».E#Iia (Die sachliche Verantwortung ■■CSSUSl ist den Einsendern überlassen.) Die Verbreitung von historischen Kenntnissen unter den Juden. Von geschätzter Seite gehen uns mit der Bitte um Abdruck die folgenden Ausführungen zu: Der Weltkrieg, die großen Opfer, die dabei auch von den deutschen Juden gebracht werden, die nach dem Kriege zur Notwendigkeit werdende intensive Zusammenfassung aller wirtschaftlichen Kräfte, die Nutzung und Erfassung aller im Volksganzen schlummernden fruchtbaren und lebenspendenden Triebe — das alles wird die Stellung der Juden nach dem Kriege verändern.

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