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Das jüdische Echo · 1916-05-26 · 21 (26.5.1916) · p. Seite 193

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
21 (26.5.1916)
Date
1916-05-26
Page
Seite 193 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21 Das Jüdische Echo 19B Und nun zu diesem Zusammenwirken des Deutschen und des Juden beim Aufbau der neuen (als möglich vorausgesetzten) Weltkultur. Hier fehlt uns ganz besonders eine eingehende Begründung, und wir müssen vielfach Goldmanns Anschauungen als Hypothesen hinnehmen, die gleichfalls nur auf seinem tiefen Glauben beruhen. Er baut seine Lehre von der Gemeinsamkeit des Schaffens an der neuen sozialen Kultur auf der gleichen Wesensart des Deutschen und des Juden auf und auf ihrer beider Anschauung, daß der Sinn ihres Lebens eine Aufgabe gegenüber der Menschheit sei. Auf die Darstellung der gleichen Wesensart hier näher einzugehen, ist unmöglich — sie bleibt vielfach am Äußerlichen haften. Was aber die nationale Mission des jüdischen Volkes und die des deutschen Volkes anbelangt, so hat nur die erstere einen klaren Inhalt: nämlich die Verbreitung der Lehre vom Gott der Gerechtigkeit (dem jüdischen Volke hat der Inhalt des göttlichen Befehls: „Ihr sollt!“ stets und in jedem einzelnen Falle deutlich vor Augen gestanden). Sollte dagegen die Sittenlehre Immanuel Kants wirklich der geistige Besitz des Deutschen und ihre Verbreitung seine Mission sein, so ist noch unklar, wie diese in erster Linie an den Einzelnen sich richtende Lehre zum Staatsprinzip erhoben und anderen Völkern als Grundlage der neuen Weltkultur übermittelt werden kann. Naheliegende Rücksichten verbieten es, auf diese Zweifel weiter einzugehen. Mag sein, daß Goldmanns fester Glaube an die deutsche Kraft der Sittlichkeit berechtigt ist, und das deutsche Volk als Volk Mittel und Wege zur Durchsetzung Kant'scher Moralprinzipien finden wird — dann wird es aber schwerlich eines anderen Volkes als Mitarbeiter bedürfen. Das Endergebnis lautet: Goldmanns Schrift ragt in ihrem Wollen über das seichte Geschreibe der vielen anderen heraus, in ihrem Vollbringen läßt sie viele Hoffnungen unerfüllt. Am ehrlichen Glauben des Autors zu zweifeln und die Schrift aus Gründen irgendeiner Opportunitäts-Politik zu bekämpfen, erscheint jedoch ganz unzulässig. Die als Anhängsel beigegebenen „zionistischen“ Schlußkapitel wären besser fortgeblieben, denn sie geben der Schrift nur eine ästhetische, keine logische Abrundung. Helene Hanna Cohn. England und Frankreich gegen — die Juden. Von einer neutralen Persönlichkeit, die im Aufträge der Israelitischen Allianz London und Paris besuchte, erfährt die „Neue Hamburger Zeitung“ folgendes: „Die schmerzlichste Überraschung, die mir in den beiden Ententehauptstädten zuteil geworden, ist, daß die französische und englische Regierung mit der Petersburger eine Abmachung getroffen hat, kraft welcher er bis zum Juni d. J. alle wehrfähigen russischen Auswanderer (wovon etwa 6 3 Prozent Juden sind) in ihre Heimat zurückgesandt werden müssen. Für unsere Glaubensgenossen, die Rußland und Polen als Bettler verließen, um sich im gastfreien Frankreich und England eine neue Existenz zu begründen, ist dieser Akkord der Verbündeten ein furchtbarer Schlag. Maßgebende Personen verwendeten sich in London für die Einwanderer, ihre Anstrengungen brachten aber keinen Erfolg, ln England führten Rabbiner eine scharfe Polemik gegen die Regierungsorgane, besonders gegen den britischen Botschafter Sir Buchanan, um den hartherzigen Plan zu bekämpfen. Was nutzte es ihnen? Sechs Rabbiner , w u r d e n ihres Amtes enthoben, darunter befanden sich sehr geschätzte, von ihren Gemeinden verehrte Männer. Den jüdischen Zeitungen sitzt die Zensur ebenso im Nacken wie den Mitarbeitern des Labour Leader. Versammlungen wurden untersagt, Juden, die sich in Gesprächen gegen das anglorussische Bündnis äußern, kommen vor den Richter und büßen ihre Unvorsichtigkeit mit Gefängnis. Zurzeit könnte die russische Heeresleitung aus England allein an 80 000 diensttaugliche Kleinrussen und Polen erhalten, falls der Kontrakt in voller Ausdehnung in Kraft tritt. Von zuständiger englischer Seite wird mir jedoch mitgeteilt, daß man sich vorerst darauf beschränken werde, die Juden russischer Nationalität von 18 bis 30 Jahren einzuziehen. Später, wahrscheinlich im September, soll die Altersgrenze bis auf die 42jährigen ausgedehnt werden. Das Bekanntwerden der Vereinbarung führte natürlich eine Auswanderung der mit Auslieferung Bedrohten nach Amerika herbei. Seit Anfang Februar erhalten die Leute keine Reisepässe mehr; wie es scheint, läßt man die Juden nicht mehr an Land. Von verschiedenen Seiten wurden Gerüchte verbreitet, daß die Auswanderer „deutsche Agenten“ sind. Und unter diesem Vorwände verweigert man ihnen das Betreten amerikanischen Bodens. Viele wenden sich nach Brasilien, suchen Beschäftigung als Landarbeiter. Zweigstellen der Israelitischen Allianz bemühen sich, den Mittellosen Verdienst zu verschaffen, aber das Elend unter den aus England geflüchteten russischen Emigranten ist sehr groß. Wie gesagt, die Londoner Regierung läßt jetzt keinen mehr hinaus. Denn es werden bereits für die Auslieferungen der Unglücklichen, die Rußland aus tiefstem Herzen hassen, große Vorbereitung getroffen, Die zum Waffendienst Gezwungenen befürchten die denkbar schlechteste Behandlung im Zarenheer. Sie bezeichnen sich als das „b i 11 i g s t e Kanonenfutter!“ Ob die englische Regierung für die zurückbleibenden Familien zu sorgen gedenkt, weiß ich nicht. Bisher verlautet darüber nichts. Man glaubt, daß Sammellager für die Armen geschaffen werden . .. Was nun Frankreich anbetrifft, so stehen dort die Dinge noch viel schlimmer. Es glückte der Pariser Regierung durch Machenschaften, deren Niedrigkeit ich nicht des näheren schildern möchte, den Widerstand einiger für die russischen Emigranten plädierenden Politiker und Zeitungsleute zu besiegen. Die Listen der zur Auslieferung Bestimmten sind fix und fertig. Ohne ein Wort des Mitleids, ohne die leiseste menschliche Regung wird man einige Tausend auf den in Marseille vor Anker liegenden Transportschiffen einladen. Dafür ließ doch Rußland eine Division nach Frankreich kommen, dafür geht es jetzt mit den Westmächten bis ans Ende! Das gab Briand den Gegnern der Zwangsrekrutierung russischer Flüchtlinge zu bedenken, und alle moralischen Bedenken schwanden dahin. [Ü]=^==^> '"" i ^s==[i | Hotel Simson Tutzing am Starnbergersee | | wieder geöffnet, \ L==l

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