Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 21 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- Seite 192 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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192 Das Jüdische Echo Nr. 21 hinein, bedeutet eins der vielen Ruhmesblätter unseres Volkes. So siegte orientalische Staatsklugheit und orientalische Toleranz über den unreinen Geist jüdischer Assimilanten und Renegaten — zum Segen des Staates, zum Segen der Juden. Zur Seele des greisen Akiba kamen Sendboten und brachten ihm Kunde von den Geschehnissen im Lande der Juden. Sie erzählten vom neuen Leben jüdischer Kolonisten, vom Bau einer Schule und dem Kampf um die Sprache, von armseligen Schächern, die ihnen ihr reines Judentum neideten, von Denunzianten und von Verfolgungen. Akiba vernahm es voll Wehmut und ohne daß es ihm neu schien. Denn er kannte die Geschichte seines Volkes. — — — — — — — Nachum Goldmanns Schrift. Ich sage es auch heute wieder: Goldmanns Schrift „Von der weltkulturellen Bedeutung und Aufgabe des Judentums“ ragt über die Flut von Schriften hinweg, die sich in der Kriegszeit über die Judenheit ergossen hat. Nicht etwa, weil sie reifer, abgeschlossener, gründlicher wäre als vieles von dem was in der letzten Zeit über das Judentum, das Judenvolk oder einzelne Erscheinungen des jüdischen Lebens geschrieben wurde. Was sie in meinen Augen wertvoll macht, ist folgendes: sie beschränkt sich nicht darauf, einzelne Gegenwartsfragen zu behandeln und an der Frage vorbeizugehen, die uns Juden heute am tiefsten bewegt, der Frage, welche Rolle das Judentum in der sich bildenden neuen Geisteswelt zu spielen berufen sein wird; andererseits verkündet sie auch nicht ein fernes zukünftiges Judentum, dessen Form und Inhalt noch ganz unbestimmt und bebelhaft Aist, über Spekulationen vergessend, daß wir vor allem für die Gegenwart Klarheit verlangen und Ziele sehen wollen. Sie versucht vielmehr den Sinn des gegenwärtigen Weltgeschehens zu erfassen, versucht, das geistige Leben der nächsten Zukunft zu skizzieren und dem Judentum seinen Platz innerhalb dieser geistigen Wirklichkeit anzuweisen. In ihrem Wunsche, nach Leben Hungernden nicht Steine, sondern Brot zu geben, sehe ich das Verdienst dieser Schrift. Ferner sehe ich ihr Verdienst in einer offenen, ehrlichen Stellungnahme zu der moralischen Bedeutung des Weltkrieges, zu der Partei, auf deren Seite — in der Meinung des Verfassers — das Recht ist. Hier ist ein ehrlicher Wille, den Weltkrieg nicht als ein Außenstehender und Unparteiischer an sich vorbeibrausen zu lassen, sondern ihn vom Standpunkt ewiger Gerechtigkeit aus zu verstehen, mitzuerleben und ihn — wenigstens mit den Waffen des Geistes — in dem Lager, in dem das Recht ist, mitzukämpfen. Das ehrliche Bekennertum dieser Schrift macht sie moralisch wertvoll. Literarisch freilich — ich habe schon in der Einleitung zu den in früheren Nummern abgedruckten Kapiteln darauf hingewiesen, daß man in den wesentlichsten Punkten die Anschauungen des Verfassers nicht verteidigen könne. Sein schwerster Fehler liegt wohl in der Annahme, daß eine einzige, die Welt beherrschende Kultur das Ergebnis des geistigen Ringens der Völker sein werde, während ein mit etwas mehr Skeptizismus Begabter geneigt sein wird, anzunehmen, daß auch in Zukunft die Welt nicht nur eine Kultur, sondern verschiedene nebeneinander hergehende Kulturen haben werde, daß also auch nicht das Erstehen einer neuen Weltkultur der Sinn dieses Krieges sei. Was nun den Einfluß des Judentums auf die Grundlagen dieser Kulturen (der deutschen, der französisch-englischen) zur Zeit ihres Werdens betrifft, so ist er von Goldmann offenbar überschätzt worden, denn stärker als der alttestamentarische Geist tritt in der deutschen Kultur des Mittelalters das alexandrinische Kulturideal hervor, während der französische ebenso wie der englische Imperiumsgedanke auf dem römischen Kulturideal fußt. Bei der Verbreitung dieser mittelalterlichen Kulturen hat nicht allein das Judentum, sondern auch die Judenheit (Goldmann verwechselt diese Begriffe mitunter) eine verschwindend kleine Rolle gespielt, und die geistigen Werte, die das^ Judentum im Mittelalter geschaffen hat. sein Talmud, seine Philosophie, sind niemals in das Denken der europäischen Völker eingedrungen. Auch die Auffassung, daß die Aufgabe des Judentums im letzten Jahrhundert in der Niederreißnng der bestehenden individualistischen Kultur oder Kulturen bestanden habe, beruht auf jener Verwechslung der Begriffe „Judentum“ und „Judenheit“. Von deutschen, französischen, englischen Juden ist tatsächlich an der Auflösung der individualistischen Kulturtendenzen mitgearbeitet worden; wieweit diese Tätigkeit aber nicht aus der politischen Lage der Judenheit, sondern aus dem Geist des Judentums entstanden ist, hätte der Autor nachzuweisen versuchen müssen. Was nun jenen Teil der Goldmannschen Schrift anbelangt, der in diesem Blatte abgedruckt war, so entbehrt er eigentlich — nach dem Gesagten — der Grundlagen. Wer nicht glaubt, daß das Ergebnis dieses Krieges eine Weltkultur sein werde, sondern weiter an das Bestehen verschiedener Kulturen glaubt, der kann auch nicht annehmen, daß diese Weltkultur von Deutschland ausgehen werde. Aber gesetzt Üen Fall, wi'r dürften einer Weltkultur entgegensehen, und diese Weltkultur werde wirklich eine Synthese von kollektivistischer und individualistischer Kultur sein, wie es Goldmann behauptet — dürfen wir wirklich diese neue soziale Kultur gerade von Deutschland erhoffen? Hier ist die Stelle, wo der moralische und der logische Wert der Goldmannschen Schrift sich am stärksten von einander scheiden. Goldmann glaubt unbedingt an die kulturschöpferische Kraft Deutschlands, und wir können uns seines offenen Bekenntnisses zu diesem Glauben nur freuen; aber wir bedauern doch, daß seine Beweisführung an Stärke weit hinter der Stärke seines Glaubens zurückbleibt. Zuerst einmal: was heißt „soziale Kultur“? welches ist ihre Aufgabe, und wie wird Deutschland sie erfüllen? Ich nehme an, daß der Antor Antworten auf diese Fragen bereit hält, die er des geringen Raumes halber, der ihm zu Gebote stand, unterdrücken mußte, aber ich glaube, daß diese Unterdrückung den Wert der Schrift beeinträchtigt. Aber ferner: da er wirklich den festen Glauben hat, Deutschlands Mission sei die Verbreitung des neuen weltkulturellen Gedankens und die Überzeugung von dieser seiner Mission entstamme dem deutschen Volke aus dem Bewußtsein seiner moralischen Kraft, weshalb traut Goldmann dann diesem deutschen Volke nicht zu. daß es seine Mission selbständig zu Ende führen könne, weshalb fürchtet er eine „Übersteigerung des Machtprinzips“ und gesellt ihm als Helfer bei seiner weltkulturellen Aufgabe den Juden zu? Hier liegt die moralisch schwächste Stelle der Schrift, denn hier verläßt den Autor sein unbedingter Glaube an die deutsche sittliche Größe.