Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 21 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- Seite 191 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Das Jüdische Echo 101 baren Zeit hinüberzuretten! Plötzlich besannen sie sich auf ihr Judentum, und in der Furcht entthront zu werden, besannen sie, sich selbst als Wahrer des Judentums zu geberden. Und sie, die sich bisher nicht um die Neubelebung Palästinas gekümmert hatten, offenbarten lebhaften Eifer für das Werk. So kamen sie zu den Kolonisten und sprachen: „Wir wollen mit euch bauen, denn gleich euch suchen wir euren Gott und ihm opfern wir seit den Tagen Asarhaddons, des Königs von Assyrien, der uns hierher gebracht hat.“ Deutlich empfanden die Juden die Gefahr, die ihnen hier drohte. In der Treibhausglut des' Galuth war ihnen ihr geläutertes Judentum erstanden als unbedingte Hingabe an die Idee, und in leidenschaftlicher Wiedergeburt hatten sie erlebt, daß zwischen ihrem Geist und dem Geist der Assimilation keine Gemeinschaft sein durfte. Da führte keine Brücke, und kein Friede durfte den Kampf verwischen — denn das spürten sie deutlich: Gott gab ihnen sein Judentum als Kampf gegen den unreinen Geist. In der Epoche des ersten jüdischen Staates war Judentum ein Kampf gegen Nichtjudentum; seit dem Galuth jedoch die Verneinung des unreinen Judentums. Und so vermieden sie jede Gemeinschaft mit jenen und antworteten: „Wir haben nichts mit euch zu schaffen, daß wir mit euch zusammen Gott einen Tempel bauen sollten, sondern wir für uns wollen Jahwe, dem Gott Israels, bauen.“ Das erbitterte die Leute von Samaria. Die Unreinheit /ihres Geistes aber offenbarte sich in dem, was sie nun taten und rechtfertigte vor der Geschichte, daß das junge Judentum sich von ihnen losgesagt hatte. Sie erhoben einen Lärm und geberdeten sich als einzige Patrioten; und erklärten laut schreiend das Vaterland in Gefahr. Sie erfanden, daß die Juden einen Judenstaat und einen eigenen König wollten und verbreiteten diese Gerüchte. Dann schickten sie einen Boten an Nehemia und ließen ihm sagen: „Unter den Völkern verlautet, und Gasmu sagt aus, Du und die Juden, ihr beabsichtigt, euch zu empören; deshalb seist Du dabei, die Mauer zu bauen, und wolltest ihr König werden, wie aus alledem hervorgehe. Und nun werden derartige Gerüchte dem Könige zu Ohren kommen. Darum komm, daß wir eine Zusammenkunft halten.“ Natürlich verfing auch dies nicht, wie Nehemia berichtet: „Da sandte ich zu ihm und ließ ihm sagen, es ist nichts derartiges gesehehn, wovon Du sprichtst; vielmehr ersinnst Du das von Dir aus! Denn sie alle wollten uns in Furcht jagen, indem sie dachten: ihre Hände werden erschlaffen und von dem Bau ablassen.“ Da trieb der unreine Geist die Leute von Samaria zu diesem Schritt: sie sammelten Unterschriften und sandten heimtückische Anzeige an den persischen Hof des Wortlautes: „Kund sei dem Könige, daß die Juden, die von Dir tieraufgezogen sind, zu uns nach Jerusalem gelangt sind. Sie sind im Begriff, die aufrührerische und böse Stadt wieder aufzubauen, und die Mauern zu vollenden, und die Fundamente graben sie bereits aus. So sei nun dem Könige kund, daß sie, wenn erst die Stadt wieder aufgebaut und ihre Mauern vollendet sein werden, keine Steuern, Abgaben und Wegegelder mehr entrichten und so das Einkommen der Könige beeinträchtigen werden. Da wir nun aber das Salz des königlichen Hauses essen und deshalb die Schädigung des Königs nicht mit ansehen dürfen, darum senden wir und tun es dem Könige kund, damit man nachforsche im Buche der Denkwürdigkeiten aus der Zeit Deiner Ahnen. So wirst Du inu Buche der Denkwürdigkeiten finden, daß diese Stadt eine aufrührerische und Königen wie Provinzen schädliche Stadt ist, und daß man seit uralten Zeiten Aufruhr in ihr angestiftet hat; deshalb ist diese Stadt auch zerstört worden. Wir tun dem Könige kund, daß Du, wenn diese Stadt wieder aufgebaut und ihre Mauern vollendet werden, eben deshalb an dem Gebiete jenseits des Stroms keinen Anteil mehr haben wirst.“ Da schien es, als ob der unreine Geist obsiegen sollte. Cyrus war tot und der regierende König führte Krieg am Hellespont gegen das Abendland. So fand er wohl wenig Zeit, ernsthaft der Sache nachzugehen, und weit entfernt, um die Lage selbst beurteilen zu können, ließ er sich von den Einflüsterungen leiten. Da begann ein hochnotpeinliches Verfahren gegen die Zionisten in Palästina, sie mußten die Arbeit unterbrechen und den Turmbau einstellen. Aber das konnte nicht von Dauer sein. Als Cyrus die Einwanderung von Juden nach Palästina begünstigte, waren nicht nur Gefühle menschlicher Güte die Ursache davon: Staatsmann,ische Erwägung zeigte ihm die ungeheuren Vorteile, die sich für das Reich aus einer Neubelebung Palästinas ergeben konnten. Die Steuern, Abgaben und Wegegelder würden nicht mehr entrichtet werden? Es zeigte sich, daß infolge der fleißigen Arbeit der Juden neue Einnahmequellen entstanden, das Land blühte auf, und die Steuern wuchsen. Das kleine Häuflein ’ gotterfüllter Männer aber, die um ihres Gottes willen das blühende Babylon mit dem wüsten Zion vertauscht hatten, die kleine Anzahl friedlicher Ackerbauer und Hirten der politischen Herrschsucht zu verdächtigen, war geradezu grotesk. Sollte sich die persische Weltmacht, die ganz Asien beherrschte, vor einigen Tausend friedlicher Kolonisten fürchten? Lächerlich: und so kam es, daß man in Susa die Denunziation richtig zu werten wußte. Das Untersuchungsverfahren gegen die angeblich hochverräterischen Umtriebe der Zionisten in Palästina wurde rasch wieder eingestellt, und auf Weisung und mit Unterstützung der Zentralregierung in Susa nahm die Kolonisation ungehindert ihren Fortgang. Die heimtückischen Prophezeiungen jener, die dem neuen Jischub feindlich waren, gingen nicht in Erfüllung, und das Vertrauen der persischen Regierung fand sich nicht getäuscht. Zweihundert Jahre dauerte die Herrschaft der Perser: aber während dieser ganzen Zeit entstand in Palästina nicht die geringste Unruhe, von der berichtet wird. Nirgends zeigten sich Separationsbestrebungen, die Geschichte weiß von keinem nationalen Putsch und von keinem Versuch, einen Judenstaat und ein jüdisches Königtum zu begründen. Still und friedlich lebten sie im weitgespannten Rahmen ihrer nationalen Autonomie, die sie der persischen Staatsklugheit verdankten, schufen Kulturwerke des Friedens, hüteten die nationale, hebräische Reinheit des Tempels und der Schulen — wahrlich, ein unvergleichlicher Lichtblick in dieser wilden Zeit, die restlos von Kämpfen zwischen den Persern und den Griechen ausgefüllt war. Das Andenken des Königs Cyrus lebte in ihnen fort und vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht als die dankbare Erinnerung an den nationalen Befreier des jüdischen Volkes; die Treue und Anhänglichkeit, welche sie dem persischen Volke zu allen Zeiten bewahrten, noch bis weit in die Zeit des persischen Zusammenbruchs und der Hegemonie Alexanders