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Das jüdische Echo · 1916-05-26 · 21 (26.5.1916) · p. Seite 190

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
21 (26.5.1916)
Date
1916-05-26
Page
Seite 190 (sequence 2)
Language
German
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190 Das Jüdische Echo Nr. 21 Die Leute von Samaria. Von Heinrich M a r k u 1 i c s. Als im 6. Jahrhundert Babylonien von den Persern über rannt wurde, gehörte es zu den ersten Taten des neuen Weltherrschers Cyrus, daß er die Einwanderung der Juden nach Palästina nicht nur gestattete, sondern nach Möglichkeit förderte. Palästina befand sich damals in ähnlicher Verfassung wie heute. Die langen Kriege, die auf seinem Boden ausgefochten worden waren, die zweimalige Verschleppung der eingesessenen jüdischen Bevölkerung, 722 durch die Assyrer, 586 durch die Babylonier, dies alles hatte bewirkt, daß das einstmals so blühende Land völlig verwüstet und fast herrenlos dalag. Cyrus hatte die Juden sowohl in Persien als in Babylonien schätzen gelernt. Sie waren dort fleißig und arbeitsam, hielten sich fern von Unruhen, belebten den Handel und Verkehr und trugen wesentlich zu des Staates Wohlstand bei. Es kam hinzu, daß eine politische Neugestaltung vor sich gegangen war, welche eine Belebung Palästinas mit einer dankbaren und staatstreuen Bevölkerung wünschenswert erscheinen ließ. Die Assyrer und Babylonier mochten ein Interesse daran haben, zwischen sich und ihrem mächtigen und unbesiegten Gegner Ägypten einen wüsten Landstrich zu lassen. Eine jüdische Bevölkerung schien ihnen jedenfalls dort, da sie nur zu oft für Ägypten Partei ergriff, nicht unbedenklich. Daher ließen sie beide der Eroberung des Landes die Massenverschickung der Bevölkerung folgen. Für die Perser verloren diese Befürchtungen an Bedeutung. Einmal schien ihnen die Dankbarkeit der Juden, denen sie die nationale Befreiung brachten, sicher, dann aber hatten sie Ägypten auch nicht mehr so sehr zu fürchten und in der Tat gelang es ihnen bald, dieses Land endlich zu erwerben und sich zu unterjochen. Die bedeutsame Folge hiervon war, daß die politische Hauptachse nicht mehr, wie bisher, ausschließlich von Babylon durch Palästina nach Ägypten führte, sondern nordwärts, an Palästina vorbei, zum Hellespont und nach Europa, etwa in der heutigen Linie der Bagdadbahn. Damit bekam Palästina die Rolle des Flankenschutzes zugeteilt und in der großen persisch-griechischen Auseinandersetzung, die jetzt folgte, mochte es den Persern eine Beruhigung sein, die dortige Wüste wieder mit Leben zu erfüllen und sich an einer rührigen und ergebenen Bevölkerung einen Rückhalt zu schaffen. So erfolgte die allmähliche und langsame Neu- Besiedlung Palästinas im Schutze und mit Unterstützung des beherrschenden Staates Persien, welcher ungefähr das nämliche Territorium besaß, wie die heutige Türkei. Die Aufgabe der Kolonisten war eine ungeheuer mühselige und läßt sich nur mit der Aufgabe des modernen Zionismus vergleichen. Das Land war nicht ganz verlassen, es enthielt noch eine wenn Reitunterricht gründlich und zweckgemäss erhalten Sie im Universitäts-Tattersall Amatienstr. 27 Trambahnlinie 2, 3, 10, 26 Telephon 26451 Prospekte auf Wunsch auch ganz diintie Bevölkerung, die von der Einwanderung nicht sonderlich erbaut war. Da waren zunächst nichtjüdische Stämme, welche sich recht feindlich verhielten: die Araber, die Ammoniter und die Asdoditer. Sie fürcjiteten eine Verdrängung iaus ihren Wohnsitzen und legten daher der Kolonisation überall Schwierigkeiten in den Weg. Ihre häufigen räuberischen Überfälle auf vorgeschobene Posten der Kolonisten bildeten eine stete Bedrohung, bis die Juden, des Schutzes clmer Staatspolizei ermangelnd, zur Selbsthilfe übergingen: sie stellten bewaffnete Wächter aus, die Schomrim, und diesen gelang es die Ordnung und Ruhe aufrecht zu erhalten. Aber gefährlicher als diese offene Feindseligkeit war das heimtückische Verhalten der Bevölkerung von Samaria. Es waren die Nachkommen derjenigen Israeliten, welche sich bei der Zerstörung des Zehnstämmereiches der Verbannung hatten entziehen können. Von einer Stammesreinheit war keine Rede mehr, da sie sich mit Fremden, insbesondere Assyrern, stark vermischt hatten. Zwar nannten sie sich auch Israeliten und Jahveisten, aber ihr Judentum war verwässert, assimiliert, ihre ganze geistige Kultur mit fremdvölkischen Bestandteilen durchsetzt und dem reinen Judentum entfremdet. Die neuen Kolonisten, die ihr Judentum in der Zeit der Diaspora immer mehr gereinigt, vertieft und durchglüht hatten, fürchteten, daß dieses ihr wertvollstes Gut ihren Kindern nicht in gleicher Reinheit überliefert werden würde, wenn nicht eine Pflegstätte entstand, die es bewahrte. So entschlossen sie sich zum Wiederaufbau des Tempels: der sollte eine Schule sein für ihre Kinder, der Behälter ihrer gotte.'fiillten Seele und der Hort ihrer reinen hebräischen Kultur. Als mühselig die ersten Steine herbeigeschafft wurden, standen die Leute von Samaria abseits und spotteten: „Sobald aber Sanballat hörte, daß wir an der Mauer bauten, ward er zornig und ä-gerte sich sehr. Und er spottete über die luden und spiach in Gegenwart seiner Brüder und der Heeresmacht Samariens und sagte: „Was haben die schwächlichen Juden vor? Werden sie es wieder fallen lassen? Werden sie opfern? Werden sie es so heute noch zustande bringen? Werden sie die Steine aus dem Schutthaufen heraus lebendig machen, obgleich sie verbrannt sind?“ Und Tobia, der Ammonitter, stand neben ihm und sprach: „Was sie auch heute bauen — wenn ein Fuchs1) hinaufsteigt, so wird er ihre Steinmauer wieder auseinanderreißen.“ Der neue Jischub aber ließ sich nicht irre machen, und Tag für Tag stieg die Mauer. Da geschah mit den Leuten von Samaria eine Wandlung. Die wachsende Mauer drohte ihnen täglich mehr als Wahrzeichen einer neuen Zeit, die von ihnen nichts mehr wissen wollte. Wie — sollten sie verdrängt werden, die doch bisher die Herrschenden, die offiziellen Vertreter des Judentums in Palästina waren, verdrängt von diesen Armseligen aus den Ghettostätten Babyloniens? Wenn in Wahrheit ein geistiges Zentrum, eine Hochschule hebräischen Geistes entstehen sollte — sr wollten sie sie selbst erbauen — vielleicht daß es ihnen so gelang, ihren Geist, den Geist einer erstorbenen und unfrucht- D Die von einigen Fachgelehrten vertretene Ansicht, daß Tobia hier nicht an das im alten Palästina heimische Tier, sondern an einen alten persischen Geheimrat dieses Namens gedacht hat, scheint mir doch etwas zu weitgehend.

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