Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 20 (19.5.1916)
- Date
- 1916-05-19
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Das Jüdische Echo Nr. 20 gend. In einem Ohr steckte ein silberner Ohrring, ihre Gesichter waren rot, von der Sonne dunkclgebrannt, die Zähne weiß wie Milch. Im Munde hielten sie Pfeifen. Ihre Pferde standen neben ihnen mit herabgelassenen Köpfen und zupften Gras; ein kleiner eiserner Kessel mit drei Beinen hing über dem Feuer. Es kochte etwas darin . . . Was mochte es wohl sein? Fisch, Fleisch, Wurst, Grütze? Etwas Schlechtes war es sicher nicht, das merkte man am Geruch? Wales aber rituell? . . . „Weißt du, was ich dir sagen werde, Schneier?“ „Was denn, Meier?“ „Was? . . . Wiir haben nichts zu riskieren. Fieber wollen wir uns ihnen nähern, als daß sie auf uns zukommen.“ „Das denke ich auch.“ Nach diesen Worten näherten sich die beiden Brüder den Kosaken. Hätten sie es nicht freiwillig getan, so hätten sie es gezwungenermaßen tun müssen. Denn sobald die Kosaken die Juden bemerkt hatten, waren sie nicht faul, setzten sich auf, winkten ihnen und riefen in russisch-jüdischem Dialekt: „Ei, Jzchok! Chaim! Kommt her!“ Und es entspann sich zwischen den Kosaken und den Brüdern ein Gespräch, das selbst ein Mensch mit achtzehn Köpfen nicht wiederzugeben vermöchte. Man stelle sich vor, den Kosaken machte es Spaß, nur jüdisch zu sprechen, obgleich sie gerade so gut jüdisch sprachen, wie die beiden Brüder russisch. Die beiden Brüder kannten nur das eine Wort „skudawo?“ (woher), und fürchteten dieses Wort mehr, als alles andere. Wie zum Trotz war dieses Wort das erste, das sie von den Kosaken hörten. Sie mußten sich natürlich hüten, den Kosaken zu erzählen, daß sie vor einem Pogrom flohen, denn dadurch würden sie in Todesgefahr geraten. Was weiß ein Kosak von einem Pogrom? . . . Unsere beiden Brüder berieten sich miteinander und stellten sich dumm, als ob sie kein Wort russisch verstünden. Statt zu antworten, woher sie kamen, zeigten sie mit der Hand auf den Kessel mit dem schmackhaften Gericht, das darin kochte; dabei lief ihnen das Wasser im Munde zusammen, als ob sie sagen wollten: „Wir sind hungrig, wir möchten essen, und ihr verdreht uns den Kopf mit Fragen, die wir nicht verstehen.“ Die Kosaken schienen verstanden zu haben, daß die Juden hungrig waren, sie ließen die Frage „skudawo“ für ein anderes Mal und rüsteten sich, die Sitte der Gastfreundlichkeit zu üben, aber sie taten es nach Kosakenart. Und zwar wie? Sie machten sich vorher über die langen jüdischen Röcke und über die gekräuselten Schläfenlöckchen lustig, bestanden darauf, daß der eine Jzchok und der andere Chaim hieße, und nahmen sich vor, sie mit Grütze und Schweinefleisch zu bewirten; denn es war ein Spaß und zugleich auch •eiin Verdienst, einen Juden mit Schweinefleisch zu füttern. Kurz, sie beschlossen, agazan Piano Hermann Scherner München, Dienerstr. 22/11 (vis-ä-vis d. Ratskeller) empfiehlt sein großes Lager in erstklassigen Pianinos u. Flügel wie E. Kaps, Fr. Schwechten, G. Fiedler usw. zu billigen Preisen. :: Auf Wunsch Teilzahlung :: Reparaturen und Stimmungen daß jeder von ihnen einen Juden übernehme; der einer übernahm Jzchok, der andere Chaim. Man setzte sich auf die Erde; den Juden stellten sie eine Schüssel mit heißer, fetter Grütze hin, gaben ihnen zwei hölzerne Löffel in die Hände und kommandierten nach Kosakenart: „Jeschte, schidi!“ (Eßt, Juden!) In unserer Sprache heißt das „Kommt essen, jüdische Kinder! Laßt es euch gut schmecken!“ Aber nach dem Ton, in welchem die Worte „Jeschte, schidi!“ gesprochen wurden, waren sie folgendermaßen zu verstehen: „Ihr werdet essen, ob ihr wollt oder nicht!“ Dabei ist nicht zu vergessen, daß die beiden Brüder tothungrig waren, daß sie vor Hunger vergingen. Einen Augenblick saßen sie regungslos da, obgleich der Duft der heißen, fetten Grütze ihnen in die Nase stieg und ihre Magen wie von Zangen bearbeitet wurden. Offenbar merkten die Kosaken, daß die Juden die schwer zu entscheidende Aufgabe noch nicht gelöst hatten; sie begriffen, worin das Hindernis bestand; nun kommandierten sie zum letzten Mal, mit solcher Stimme, daß das Herz der Juden erbebte. Da sagte der ältere zu dem jüngeren: „Weißt du, was ich dir sagen werde, Schneier?“ „Was denn, Meier?“ „Was? . . . Wir müssen anfangen zu essen, denn hier ist unser Leben auf dem Spiel.“ Darauf begannen sie, ernstlich mit den Löffeln zu arbeiten, verschlangen die heiße Grütze, wie am Freitag abend die Nudeln, verbrühten sich die Lippen und die Zunge und schluckten wie Gänse; dabei vergaßen sie ganz und gar, daß sie sich als Gäste zu benehmen hatten und daß das Essen nicht rituell war. Ich fürchte, die Grütze mundete ihnen, wie ein Paradiesgericht, denn ihr hastiges Zugreifen und Schlingen war ganz unnatürlich; selbst die Kosaken wunderten sich darüber und begannen in ihrer Sprache miteinander zu reden: „Was sagst du, Wanjuscha, zu deinem Chaim, wie hastig er zugreift?“ „'Nein, Pawluscha, du irrst dich, dein Jzchok verschlingt das ganze Essen.“ Die beiden Brüder taten so, als verstünden sie nichts und arbeiteten mit den Löffeln, was das Zeug hielt. „Wanjuscha, sage deinem Chaim, er soll nicht so hastig zugreifen! Wenn ich nach ihm greife, holt ihn der Teufel!“ „Versuch1 nur einmal, meinen Chaim anzurüliren, dann zermalme ich deinen Jzchok. zu Staub.“ Ohne lange zu überlegen, riß Pawluscha Wanjuschas Juden den Löffel aus der Fland und versetzte ihm einen Seitenhieb, daß er sich dreimal überschlug. Das verdroß Wanjuscha natürlich sehr, er sprang auf und schlug Pawluschas Juden mit der Faust vor die Zähne, daß seine Augen Funken sprühten. Darob entrüstet, versetzte Pawluscha Wanjuschas Juden drei flammend feurige Ohrfeigen. Wanjuscha richtete sich auf und rief mit zornerbranntem Antlitz: ,Dafür, daß du meinen Juden schlägst, werde ich deinen Juden braun und blau schlagen.“ Wanjuscha und Pawluscha nahmen sich ihrer Juden für das ihnen zugefügte Unrecht an und prügelten und schlugen sie erbarmungslos, so daß das bißchen christliche Kost ihnen schlecht bekam. Ein Glück, daß die Juden die Hände in die Füße nahmen und davonliefen . . . Wie aus einem bösen Traum erwachend, liefen sie atemlos, wohin die Augen sie führten, ohne sich umzuschauen, aus Angst, daß sic vielleicht verfolgt, würden. Sie liefen und liefen, endlich