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Das jüdische Echo · 1916-05-19 · 20 (19.5.1916) · p. Seite 185

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
20 (19.5.1916)
Date
1916-05-19
Page
Seite 185 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20 Das Jüdische Echo 185 Ratsam wäre es, eine zentrale Organisation dafür zu bilden — vielleicht mit dem Sitze Berlin, wo ja doch die meisten Reichsbehörden vorhanden sind, die Aufträge zu vergeben haben. Dieser zentralen Organisation können dann Landes-, Provinz-, Orts- oder Fach-Lieferungsverbände, am besten in der Form einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung angegliedert werden, die untergeordneten Lieferungsverbände könnten auch die Genossenschaftsform haben. Die zentrale Organisation sorgt für hinreichende Aufträge und deren zweckentsprechende Verteilung, sowie für die Finanzierung und Verrechnung. Die untergeordneten Organisationen übernehmen die Ausführung im einzelnen; ihnen können sich ja nach Bedürfnis beliebig viele jüdische Handwerker, auch zuziehende aus dem Osten, anschließen, die dann immer, wenn die Organisation richtig geleitet ist, über hinreichende Beschäftigung zu angemessenen Preisen verfügen. Die deutsche Ostjudenfrage kann dadurch, soweit sie für das Handwerk besteht, auf die einfachste und natürlichste Weise gelöst werden; das jüdische Handwerk im Inland gewinnt damit außerordentlich. Das dazu nötige Kapital kann durch Zeichnung, durch jüdische Gönner oder auf dem Genossenschaftswege aufgebracht werden. Dem jüdischen Handwerk wäre damit auch, nach dem Kriege die nötige Leistungsfähigkeit gesichert. Feuilleton Scholem Hlechem. Ein Radiiotelegramm aus Amerika meldet, daß der jüdische Dichter Scholem Alechem am 13. Mai, in New York gestorben ist. Mit ihm verliert die jidische Literatur einen ihrer größten Schriftsteller. Scholem Alechem (S. Rabbinowitz) ist im Jahre 1859 in Perejaslaw im Poltawer Gouvernement geboren. Er wurde im Bethhamidrasch erzogen und begann erst als Jüngling, sich andren als jüdischen Studien zu widmen. Seine ersten — hebräischen — Aufsätze schrieb er für hebräische Tageszeitungen. Einige Jahre lang versah er das Amt eines Kronrabbiners in einer russischen Stadt, widmete sich aber später nur noch der Schriftstellerei in der jidischen Sprache. Seine Werke „Die Weltreise“, „Ein Roman ohne Liebe“, „Das Panorama“ u. a. haben den Juden der verschiedensten Länder seinen Namen vertraut gemacht. Er nennt sich zwar einen Schüler des Medele Mocher Sforim, geht aber ganz eigene Wege und zeichnet sich besonders durch seinen köstlichen Humor aus, der ihm den Namen eines „jüdischen Mark Twain“ eingetragen hat. Eifrige Verteidiger! Von Scholem Alechem. (Aus dem Jüdischen übertragen von Stefanie Goldenring.) Ihr meint, daß die Juden überall unbeliebt sind, daß sie gejagt, geschlagen und geprügelt werden. Und ich behaupt gerade das Gegenteil; die Juden finden überall Verteidiger ... Um es euch zu beweisen, werde ich euch eine Geschichte von zwei Brüdern erzählen, und wir wollen hören, wie ihr nachher darüber denkt. Es waren zwei Brüder, der eine hieß . . . was liegt übrigens daran, wie er hieß. Nehmt an, der eine hieß Meier und der andere Schneier. Zugetragen hat es sich irgendwo in der Smudz, oder in Polen, in Wolhynien oder in Litauen, in der Zeit, als soeben die Revolution mit ihren Schrecken ausgebrochen war. Man redete von einem „Pogrom“, einem ganz gewöhnlichen Judenpogrom, der in nächster Zeit stattfinden sollte. Obgleich unsere beiden Brüder außer ihrer Person nichts zu verlieren hatten, denn sie besaßen kein eigenes Haus, kein Geschäft und kein Vermögen, nicht einmal Weib und Kinder, fürchteten sie dennoch, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Eines schönen Morgens machten sie sich auf den Weg und gingen vor sich hin, wohin die Augen sie führten. In größter Eile waren sie aufgebrochen. Warum eilten sie so? . . . Weil von einem Pogrom gemunkelt wurde, mußte man sich gleich auf die Beine machen? . . . Man würde darauf erwidern: wahrscheilich begann es im Städtchen bereits unruhig zu werden, sogar die Kosaken ritten in den Gassen mit den „Nagajki“ umher ... Was haben Kosaken in einem stillen, jüdischen Städtchen, zweitausend Meilen von der Mandschurei entfernt, zu tun? Aber nehmen wir an, daß wirlich ein Pogrom ausgebrochen war . . . Unsere beiden Brüder Meier und Schneier schnellten dahin, wie ein Pfeil. In der Eile vergaßen sie augenscheinlich ein zweites Hemd, einen zweiten Anzug, ein Reisekissen, einen Proviantkoffer und verschiedene andere Sachen auf den Weg mitzunehmen, die man auf der Reise brauchte, unter anderem auch Brot. Ich erwähne gar nicht erst andere Speisen, wie Wurst, geräucherte Zunge, eine Büchse Sardellen, ich rede nur von einem einfachen Stückchen Brot. „Unserem täglichen Brot“, das kein Menschenkind entbehren kann, selbst wenn es bis ans Ende der Welt rennt. Wenn der Augenblick gekommen ist, da der Magen zu essen verlangt — mögt ihr ein großer Gelehrter oder ein Philosoph sein — ihr werdet nicht eher zur Ruhe gelangen, bis ihr, mit Verlaub zu sagen, eure Därme vollgestopft habt. So hat der Herr den Menschen beschaffen, — dagegen läßt sich nichts einwenden. Was meint ihr? ... Ist es nicht so? Wo waren wir aber stehengeblieben? Bei den Brüdern. Meier und Schneier wanderten also seit dem frühen Morgen unermüdlich, atemlos; nur von Zeit zu Zeit blieben sie stehen, schnappten nach Luft, dann gingen sie wieder weiter, rasteten manchmal einen kurzen Augenblick und stürzten mit rasender Eile wieder davon, als würden sie von Räubern verfolgt, oder als fürchteten sie, zu spät zum Jahrmarkt zu kommen. So ging es den ganzen Tag; erst gegen Abend begannen sie langsamer zu wandern und blieben endlich stehen. Als sie ruhig standen, sagte der ältere zum jüngeren: „Weißt du, was ich dir sagen weilte, Schneier?“ „Was denn, Meier?“ „Was? Ich fühle weniger Müdigkeit als Herzweh. Ich möchte etwas essen.“ „Mir geht es ebenso.“ Nachdem die beiden Brüder diese Worte gewechselt hatten, erblickten sie etwas in der Ferne. * Was meint ihr, haben sie wohl bemerkt? Etwa eine Quelle mit kaltem Wasser, so rein wie Kristall? Oder einen duftenden, soeben aus dem Backofen gezogenen Striezel? Oder warme, in Butter gebratene Fische? Oder vielleicht gar Suppenfleisch mit roten Rüben und Kartoffeln, angerichtet mit geriebenem Knoblauch, dessen Geruch in die Nase steigt? Von alledem fängt sich gar nichts an. Sie sehen mitten auf dem Feld zwei Kosaken auf der Erde sitzen, richtge Kosaken mit langen Piken und kurzen Peitschen, den „Nagajkis“, und roten Streifen an den Beinkleidern. Sie saßen am Boden halb ausgestreckt, auf die Ellenbogen gestützt, die Mütze aufs Ohr gedrückt, das glänzende Haar nach einer Seite herabhän-

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