Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 20 (19.5.1916)
- Date
- 1916-05-19
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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184 Das Jüdische Echo Nr. 20 die Vorbereitung betrifft, so kann sie nur dem grausam scheinen, der beim Tiere dasselbe Verständnis für die Vorgänge seiner Umgebung voraussetzt, wie sie etwa ein zum Tode verurteilter Mensch haben würde. Das Tier empfindet nur den unmittelbaren Zwang der Fesselung und fühlt keine Todesangst. Es ist nicht wahr, daß Tiere vor Blutgeruch scheuen, oder aus dem Schicksal anderer Tiere auf ihr eigenes schließen. Die Beschwerden, die dem Tier durch die Fesselung gemacht werden, dürfen um so weniger als Grausamkeit bezeichnet werden, weil offenbar das gefesselte Tier viel weniger der Gefahr ausgesetzt ist, daß die Tötung fehlerhaft ausgeführt wird“. Wie oft diese fehlerhafte Tötung, bei nicht gefesselten Tieren wirklich vorkommt, erzählt ja der „zuverlässige Freund“ der „Süddeutschen Monatshefte“ selbst: „Vier Kühe brauchen eine Reihe von Schlägen, bis sie umfaßen“. Eine Kuh muß zweimal, ein Stier sechsmal geschossen werden. Gar nicht zu reden von der schrecklichen Beschreibung vom Töten der Schweine, die 12 Schläge bekommen -mußten, unter ständigen Fluchtversuchen. Dagegen erscheint uns denn doch eine möglichst schonend ausgeführte Fesselung eine Wohltat zu sein. — Wenn im „Bayerischen Volksfreund“ vom 29. April einfach erklärt wird, „die namhaftesten Männer der Wissenschaft haben sich in gleichem Sinne geäußert und das rituelle Schächten als verabscheuungswürdige Tierquälerei erklärt“, so braucht dieser kühnen Behauptung gegenüber nur nochmals auf die bereits erwähnte Gutachtensammlung verwiesen zu werden. Das Handwerk und die Juden. Von J. Hein. (Schluß.) Aus der Geschichte lernen wir, daß im Handwerk der Korpsgeist immer eine große Rolle gespielt hak Im Handwerkerstande läßt sich nur durch die 'Vereinigung, duirch den '‘Zusammenschluß Großes erreichen. Die Organisation ist es, die das Handwerk fördert und vorwärts treibt. Das Handwerk bedarf ferner eines gewissen Standesbewußtseins, wodurch verhütet wird, daß die Leistungen sinken und das Unterbieten in den Preisen ausartet. Wer das Handwerk heben und fördern will, der muß auf immer bessere Leistungen bedacht sein. Dies anzustreben ist die Aufgabe der Organisationen des Handwerks. Auf der Organisation ruht die Zukunft des Handwerks — Organisation gepaart mit der richtigen Selbsthilfe und aufgebaut auf dem richtigen Geschäftsgeist. Was für den Handwerkerstand für allgemein gilt, das gilt auch für den jüdischen Handwerkerstand im besonderen. Ein neue Frage für das jüdische Handwerk wird in Deutschland der zu erwartende Zuzug jüdischer Handwerker aus dem Osten, aus Rußland bilden. Wie können diese zuziehenden jüdischen Hotel Simson Tutzing am Starnbergersee wieder geöffnet. Handwerker denn ausreichend Lohn und Brot, eine gesicherte wirtschaftliche Existenz finden, ohne die schon im Inlande seßhaften jüdischen Handwerker durch ihre Konkurrenz wirtschaftlich zu schädigen oder gar zu vernichten? Wie kann der nach dem Kriege zu erwartende jüdische Handwerkerstrom so geleitet werden, daß er sich ordnungsmäßig vollzieht, daß er zu keinen Beschwerden und Unzuträglichkeiten führt? Das ist das Problem, das nach dem Kriege zu lösen ist. Die Entwicklung des Handwerks — auch des jüdischen Handwerks —■ nach dem Kriege wird sich nur auf dem Wege der Organisation in gesunder Weise vollziehen können. Der Handwerker muß noch mehr als bisher sich in den Dienst einer dazu berufenen handwerklichen Organisation stellen und die Handwerker-Organisationen — also auch die Organisationen der j ii - d i s c h e n Handwerker — müssen so gut geleitet sein, müssen so ausgebaut werden, daß sie das Handwerk vorwärts treiben, daß sie jedem Handwerker nützen. Nach dem Kriege wird es viel Arbeit geben, die zu bewältigen ist, denn der Krieg hat vieles zerstört und vernichtet. Große Waren- und Gütermengen wurden während des Krieges aufgebraucht. Den großen Bedarf nach dem Kriege allein zu decken, dazu wird die Industrie — bei aller Leistungsfähigkeit, die sie besitzt — nicht im Stande sein, denn sie steht auch vor Aufgaben des auswärtigen Handels, der auswärtigen Güter- und Warenversorgung, die gelöst werden müssen. Das Handwerk muß also mithelfen bei der Versorgung des inländischen Absatzgebietes für Waren und Güter; das inländische Absatzgebiet ist ja auch die eigentliche Domäne. Aber nach dem Kriege werden voraussichtlich auch die Geldmittel knapp sein und es werden die Steuer- und sonstigen öffentlichen Lasten ins Ungeheuere steigen. Da läßt sich nur planmäßig, systematisch, mit Hilfe einer entsprechenden Organisation, das Richtige erreichen. Schon jetzt im Kriege ist die Bedeutung der Organisation im Handwerk gestiegen — man denke nur an die großen Heereslieferungen, die an das Handwerk durch Vermittlung der Handwerksorganisationen vergeben worden sind —, nach dem Kriege wird die Wichtigkeit der Organisation für das Handwerk noch mehr steigen, auch für das jüdische Handwerk. Die preußischen Handwerkskammern haben bereits eine besondere Organisation zur Übernahme größerer Heereslieferungen mit dem Sitze Berlin gegründet. Da nun aber das jüdische Handwerk gerade im Bekleidungsgewerbe sehr stark vertreten ist (vgl. hierzu die statistische Aufstellung in der vorig. Nummer dieser Zeitschrift), so wird man eine besondere jüdische Organisation zur Übernahme solcher großen Lieferungen schaffen müssen. Damit würde auch nach dem Kriege eine geeignete Grundlage gegeben sein, wie sich das jüdische Handwerk — selbst bei starkem Zuzug aus dem Osten — eine fruchtbare und ersprießliche Entwicklung sichern kann. Denn durch den Zusammenschluß zu leistungsfähigen Lieferungsverbänden, die größere Heeres-, Staats¬ und Privatlieferungen im Ganzen übernehmen und dann auf ihre Mitglieder verteilen, kann das jüdische Handwerk in den meisten Fällen jede Konkurrenz aufnehmen, selbst mit der Industrie. Voraussetzung ist natürlich, daß diese Organisation richtig aufgebaut und hinreichend mit Kapital versehen ist.