Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 20 (19.5.1916)
- Date
- 1916-05-19
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Das Jüdische Echo Nr. 20 Ihm kommt aber ein anderer zur Hilfe und versucht, Bergmanns Philosophie auf das praktische Leben anzuwenden. In der „Jüd. Rundschau“ schreibt M. M. folgende Sätze: „Das ist unser Ziel: daß die nationale jüdische Kultur der Ostjuden von uns nicht nur als jüdisch anerkannt und von der Ferne verehrt, sondern zu unserer eigenen gemacht werde. Erst wenn wir Mendele und Perez, Bialik und Tschernichowsky nicht mehr als „ostjüdisch“ empfinden, sondern als notwendigen und selbstverständlichen Inhalt unseres Kulturbewußtseins, wird der westjüdische Nationalismus jene Stufe erreicht haben, die den Fortbestand des Westjudentums auch im erdrückenden Milieu einer starken Außenkultur garantiert. .Der zionistische Kaufmann, Arzt und Rechtsanwalt muß nach dem Vorbild der jüdischen Gasse im Osten jüdisch zu leben beginnen. Er muß sich die jüdischen Gemeindestuben judaisieren, sich jüdische Volksschulen gründen, seinen Kindern eine hebräische Erziehung geben, durch sein ausgesprochenes Interesse für jüdische Bücher und Dramen eine jüdische Literatur und ein jüdisches Theater schaffen helfen (Entsteht Literatur durch Nachfrage? Anm. d. Red.), er muß eine konsequente jüdisch-nationale Politik treiben. Er muß sein Leben so gestalten, daß ihm, gleich den Ostjuden, „Baum und Strauch, Luft, Wind, Pferd, Hund“ wieder jüdisch werden. Dann wird ihm auch die Kultur der Juden in Warschau und New York nicht mehr „ostjüdisch“ erscheinen, sondern schlechtweg jüdisch.“ Also: die Kultur der Juden in Warschau und New York ist das Ideal, und das Ziel der Westjuden muß es sein, dieses Ideal zu erreichen. Eine fast unglaublich erscheinende Meinung! Waren es nicht die Juden von Warschau und New York und ihr stagnierendes Kulturleben, ihre Unfähigkeit, in Wissenschaft und Religion, in Kunst und Organisation irgendwelche neuen nationalen Schöpfungen hervorzubringen, die Theodor Herzl so tief erschütterten? Genau so tief wie das Absterben der jüdisch-nationalen Schaffenskraft in Westeuropa. War es nicht der Schmerz über diese stagnierende Kultur, der ihm die große Sehnsucht nach dem neuen Judentum in Palästina gebar? Und nun: nachdem es nicht einmal den in dichten Siedlungen bei einander lebenden, eine eigene Sprache sprechenden, tief im traditionellen Judentum wurzelnden und von der russischen Kultur streng geschiedenen Juden Osteuropas möglich ist (von New York gar nicht zu reden, wo alles ostjüdische als „ostjüdisch“ empfunden wird), außer in ihrer, durchaus vom Milieu beeinflußten Literatur, irgendwelche geistigen Güter zu produzieren, nun sollen wir in West-Europa in möglichst hohem Maße die geistige und kulturelle Gemeinschaft mit unseren Wirtsvölkern aufgeben, um den — Kulturstillstand des Ostjuden dafür einzutauschen? Wir, die durch Goethe unsere „Brüder Beitunterricht gründlich und zweokgemäss erhalten Sie im Universitäts-Tattersall Amalienstr. 27 Trambahnlinie 2, 3, 10, 26 Telephon 26451 Prospekte auf Wunsch im stillen Busch, in Luft und Wasser“ kennen lernten, sollten uns statt dessen am polnisch-jüdischen oder russisch-jüdischen Baum und Strauch ergötzen? Wir, die wir unser jetzigen Leben aus Nietzsche und Hegel, aus Beethoven und Brahms, aus Rembrandt und Lenbach, aus — ja auch aus Fichte und Bismarck schöpfen, sollten dafür eintauschen — was? eine kaum minder tiefe kulturelle Zwiespältigkeit? Von den politischen Folgen gar nicht zu reden, denen wir uns aussetzen würden, wenn wir Hebräisch nicht nur zu unserer Haussondern auch zu unserer Schulsprache machen, und uns damit mit Dänen, Polen und anderen Fremdvölkern in Deutschland auf eine Stufe stellen wollten. Wir sind ja bereit, unsere westeuropäische Kultur aufzugeben, aber erst dann, wenn von Palästina ein neues, ein lebendiges und auf allen Kulturgebieten sich entwickelndes Judentum ausgehen wird, das wir dafür eintauschen können. Bis das lebt und sich regt, müssen wir die Kultur von überall hernehmen, wo sie uns geboten wird, und obgleich wir bereit und sehnsüchtig sind, auch Perez’s und Mendeles polnisch-jüdische und russisch-jüdische Kultur in uns aufzunehmen, so dürfen wir uns doch nicht einreden, daß diese Kultur allein genügen würde, das Ziel aller Kultur: unsere Entwicklung zum höheren Menschentum! zu erreichen. Noch leben wir im Galuth, wir in Westeuropa und jene in Osteuropa; noch läßt sich nicht entscheiden, ob die Kultur eines Bialik und Schalom Asch „jüdischer“ ist als die eines Heinrich Heine, eines Schnitzler, ob sie die Grundlage eines Kultursystems ist. Wir zweifeln daran, denn wir sind nach wie vor überzeugt, daß die neue jüdische Kultur nicht vom Galuth, sondern nur von Palästina ausgehen kann. Und die Hoffnung auf diese neue jüdische Kultur ist so stark, daß uns unser vorläufiges Verharren in der Zwiespältigkeit unseres Wesens nicht entmutigen, daß uns ein Warten bis über die Dauer unseres Lebens hinaus nicht verdrießen soll. H. H. C. Das „grausame“ Schächten. Der „Bayerische Volksfreund“ brachte am 29. April einen Aufsatz über das unterbliebene Schächtverbot im Münchener Schlachthof, der sich ebenso durch eine Unkenntnis der Dinge wie durch seine feindliche Gesinnung auszeichnet. Zur Kennzeichnung des Geistes, von dem dieser Aufsatz Zeugnis ablegt, führen wir die nachstehenden Sätze, die in ihm enthalten waren, an: „Die nahmhaftesten Männer der Wissenschaft haben das rituelle Schächten als eine verabscheuungswürdige Tierquälerei erklärt — alles umsonst. Das Judentum — auch die Teile desselben, die sich schon längst um keine religiösen Vorschriften mehr kümmern und Schweinefleisch und Fleisch von anderen nicht geschächteten Tieren ohne die geringste G e Wissensbeschwerung genießen — halten mit weniger ehrenvolle Ausnahmen an dem rituellen Schächten fest. Nicht wenige Juden mögen in dem Recht zu Schächten, eines der Vorrechte der Juden erblicken, die sie um keinen Preis aufgeben wollen. Daß der Magistrat aber jetzt, wo es sich nicht nur um sittliche Gebote, sondern um die Existenz und Wohlfahrt unseres Volkes handelt, sich ehrfürchtig vor dem Willen des Judentums verbeugt, und tortschächten läßt, prägt unserer Stadtverordnung einen Stempel auf, um den sie wahrlich nicht zu beneiden ist.