Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 20 (19.5.1916)
- Date
- 1916-05-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den V erlag — Bezugspreis: Viertel). M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 PI. — Verlag des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, mw/mmm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 PI. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 20 München / 3. Jahrgang 19. Mai 1916 Jüdisches Leben im Westeuropa. Im ersten Heft der neuen Zeitschrift „Der Jude“ ist ein hier schon kurz erwähnter Aufsatz von Hugo Bergmann enthalten, der „Der indische Nationalismus nach dem Kriege“ heißt. Dieser Aufsatz rührt an das tiefste Problem, welches das junge Geschlecht der Nationaljuden, bewegt, das Problem, wie Juden in den Ländern Westeuropas ihrem Leben einen jüdischen Kern und Inhalt geben, wie sie alle ihre Handlungen und Empfindungen mit ihrem Judentum verweben und aus der jetzt durch ihr Leben unter anderen Nationen bedingten Zwiespältigkeit des Denkens und Fiihlens heraus zur Einheit jüdischen Wesens gelangen können. Vor zwanzig Jahren, zur Zeit Theodor Herzls, wäre einer, der zu den feinsten jungjüdischen Denkern Westeuropas gehört, schwerlich darauf gekommen, einen solchen Aufsatz zu schreiben. Damals stand die Judenheit Westeuropas plötzlich still, blickte auf die historische Entwicklung ihres Lebens und erkannte, daß diese Entwicklung notwendig zum Untergang des Judentums in Westeuropa führen müsse. Der westeuropäische Jude erkannte, daß er, vom ersten Lebenstage ab mit fremdnationaler Kultur umgeben, durch fremdnationale Schulen, Philosophen, Künstler erzogen, in den Strudel politischen und sozialen Lebens einer fremden Nation hineingerissen und noch dazu im Begriff stehend, sich seiner jüdischen Religion zu entfremden, auf dem Wege war, sein gesamtes Judentum zu verlieren. Damals ergriff der westeuropäische Jude mit klammernden Organen das neue Ideal, das sich ihm als letzte und höchste Hoffnung bot: das Ideal von einem jüdischen Volkszentrum in Palästina, in dem der Jude seine jtidisch-nationle Art würde ausleben und zu höherer Entwicklung führen können. Was den westeuropäischen Juden von damals kennzeichnete, war der Wunsch, seine eigene Person und sein untergehendes Judentum nach Palästina zu retten. Freilich wurde damals die Losung ausgegeben: „Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr in das Judenland!“ aber sie bedeutete wohl kaum etwas anders als: Rückehr zum Gefühl der jüdischen Gemeinschaft! zu einem jüdischen Ideal! Seit jenen Tagen hat der Zionismus seinen ersten Jugendrausch überwunden und hat erkannt, daß dieses Ideal der „Heimstätte für das jüdische Volk“ in seinem vollen Umfange weder heute noch morgen erreichbar ist. Der westeuropäische Jude hat erkannt, daß er noch lange aut seine nationale Erlösung wird warten, daß er sie vielleicht Zeit seines Lebens wird entbehren müssen. Diese Erkenntnis hat drei verschiedene Wirkungen hervorgebracht: ein Teil der früheren, in ihren persönlichen Hoffnungen enttäuschten Zionisten ist von der Bewegung abgefallen; ein Teil hat sich so inbrünstig an jene Zukunftshoffnung angeklammert, daß es ihm kaum eine Rolle spielt, ob seine Hoffnung vielleicht erst seinen Kindern oder Kindeskindern zu einer Wirklichkeit werden wird; und ein Teil hat begonnen, nicht in Palästina sondern in Westeuropa nach der Schaffung eines einheitlich jüdischen Lebens zu streben. Diese — noch nicht lange bestehende — Gruppe glaubt also, daß der Traum vom nationalen Eigenleben sich nicht in Zion erfüllen müsse, sondern auch in Westeuropa verwirklicht werden könne. Das Streben dieser dritten Gruppe bedeutet, daß ihr von dem alten Ideal des Zionismus nichts übrig geblieben ist als der eigentlich unsinnig gewordene Name. (Daß sie neben ihrem Galuthideal auch ein Palästinaideal haben, ändert nichts.) Hugo Bergmann gehört zu dieser dritten Gruppe, denn er sagt: „Haben die Galuthverzweifelten recht, gibt es keine wirklichen eigenen Bedürfnisse den jüdischen Menschen Jals solchen oder haben wir nicht die Fähigkeit, sie hier auch nur teilweise zu befriedigen, dann existieren die Juden als Gemeinschaft gar nicht mehr!“. Das ist eine deutliche Absage an die Herzische Überzeugung, daß sich die Vereinheitlichung, die Erlösung des jüdischen Menschen nur im eigenen Lande vollziehen kann. Denn daß wir „hier“ vielleicht die Fähigkeit, keinesfalls aber die Möglichkeit haben, unsere jüdischen Bedürfnisse zu befriedigen, das gerade ist ja ein Postulat des Zionismus, wie ihn Theodor Herzl lehrte. Dieser durch nichts bewiesene Satz stellt also Hugo Bergmann in ein ganz anderes Lager als jene, deren Hoffnung auf das jüdische Volkszentrum in Palästina (und das von ihm auf alle Juden der Welt ausstrahlende neue jüdische Leben) sich an keine Zeit, nicht einmal an die Dauer ihres eigenen Lebens bindet. Aus dem Wunsche nun, das nationale Judentum zu einer „Rückkehr zur Weltlichkeit und Wirklichkeit“ zu gestalten — und zwar nicht nur in Palästina, sondern auch im Galuth — erwächst Hugo Bergmann der Wunsch, ein jüdisches Volksleben auch in Westeuropa zu schaffen. Wie dieses Volksleben aussehen soll, wie sein Aufbau sich inmitten der sozialen und kulturellen Welt der Andersnationalen vollziehen kann, dazu weiß er keine Fingerzeige zu geben; er sagt zwar: „ ,Mehr Judentum1 kann für den nationalen Juden nur heißen: .Höheres Menschentum!1 doch zeigt er uns nicht, auf welches Volkes oder welches Glaubens Moral sich dieses höhere Menschentum aufbauen soll.