Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 19 (12.5.1916)
- Date
- 1916-05-12
- Page
- Seite 178 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Das Jüdische Echo empfindet diesen Kongreß als unbedingte Notwendigkeit und einzige Möglicheit zu einer durchgreifenden Veränderung der jüdischen Lage. Ein jüdischer Kongreß in Argentinien. Die jüdische Kongreßbewegung in Amerika hat ihre Kreise bis nach Argentinien gezogen. Auch hier wurde ein Kongreß abgehalten, auf dem die Forderung gleicher Rechte für die Juden in Rußland beschlossen wurde. An diesem Kongreß beteiligten sich alle Kreise der argentinischen Judenheit, mit Ausnahme einer kleinen Gruppe des „Bund“. Ein jüdischer Arbeiterdichter. In New York ist vor einigen Tagen der jüdische Volksdichter J. ßowschower im Alter von 43 Jahren gestorben. Seine Bedeutung liegt in den zahlreichen Schilderungen aus dem Leben des niederen jüdischen Volkes und in Übersetzungen, unter denen eine Bearbeitung von Goethes Faust die weiteste Verbreitung gefunden hat. —■ Das in Warschau erscheinende jüdische Arbeiterblatt „Die Lebensfragen“ widmet dem verstorbenen Dichter folgenden Nachruf: Josef Bowschower wurde im Jahre 1872 in Ljubawitsch, Gouv. Mohilew (Rußland) geboren; schon in früher Jugend trat er als Angestellter in eine Mehlhandlung ein. Im Jahre 1890 wanderte er nach Amerika aus, wo er zuerst als Landarbeiter und dann als Angestellter in einem Kolonialwarengeschäft seinen Unterhalt fristete. In seinen Liedern beweinte Bowschower die Leiden der Arbeitermassen, die unter dem Joch einer endlosen Ausbeutung seufzen. Viele seiner Lieder wurden wirkliche Volkslieder, die von den Arbeitern gesungen werden. Feuilleton Der Fasttag. Von J. L. P e r e z. Lin Winterabend. Sara sitzt vor dem Talglicht und flickt einen alten Sack. Mit blaugefrorenen Händen kann sie nur sehr langsam arbeiten; auch die Lippen sind ihr vor Kälte blau angelaufen. Ab und zu legt sie die Arbeit weg und läuft schnell durch die Stube, um die erstarrten Füße zu erwärmen. Auf einer bloßen Strohmatratze schlafen vier Kinder: an jedem Ende schauen zwei Kinderköpfchen heraus, und in der Mitte sind sie mit -einigen alten Kleidern zugedeckt. Jeden Augenblick erwacht ein anderes Kind, erhebt sich ein anderes Köpfchen und bittet: „Essen!“ „Wartet, wartet, Kinder!“ tröstet sie Sara. „Gleich kommt der Vater heim und bringt uns Abendbrot mit. Dann werde ich euch aufwecken!“ „Und Mittagessen?“ fragen weinend die Kinder. „Wir haben ja heute auch zu Mittag nichts gegessen!“ „Er bringt auch Mittgcssen mit!“ Sie glaubt selbst nicht daran, was sic sagt. Sie sucht mit den Augen in jedem Winkel, ob sie nicht doch irgendwo etwas findet, was sie vorsetzen könnte. Es ist aber nichts da. Vier feuchte nackte Wände. Ein zersprungener Ofen. Und alles ist naß und kalt. Auf dem Herde stehen einige zerbrochene Töpfe, auf dem Ofen eine alte verbogene Chanukalampe. In der Decke steckt noch ein Haken, an dem einst ein Leuchter hing. Zwei leere Bettstellen ohne Kissen . , , Nichts, gar nichts ist übrig geblieben! Nr. 19 Endlich sind die Kinder ordentlich eingeschlafen Sara blickt auf sie mit Kummer und Wehmut Dann richtet sie ihre verweinten Augen auf die Türe: sie hört Schritte, schwere Schritte, die die Stufen zum Keller hinabsteigen. Zwei Wassereimer klappern an der Mauer entlang. Ein letzter Hoffnungsstrahl erleuchtet ihr eingefallenes Gesicht. Sie klopft einige Mal mit einem Fuß gegen den andern, steht mühselig auf und geht zur Türe. Sie macht auf, und ein blasser, gebückter Mann mit zwei leeren Wassereimern kommt in die Stube. „Nun“, trägt Sara leise. Er stellt den Eimer hin, legt das Tragjoch ab, seufzt und antwortet noch leiser: „Nichts, Gar nichts! Kein Mensch zahlt . . . Alle sagen: morgen . . . übermorgen , , , am Ersten . . .“ „Die Kinder haben noch nichts gegessen,“ sagt Sara. „Es ist noch gut, daß sie jetzt schlafen! Meine armen Kinder . . .“ Sara kann sich nicht mehr beherrschen und beginnt leise zu weinen. „Was weinst du, Närrchen?“ trägt der Mann. „Ach Mendel, Mendel! Die Kinder sind so hungrig! . .“ Sie will die Tränen mit Gewalt zurückhalten. „Wie werden wir enden? Mit jedem Tag wird es noch schlimmer!“ „Schlimmer? Nein, Sara, sündige nicht mit den Lippen: im vorigen Jahre hatten wir es schlimmer, viel schlimmer! Damals hatten wir kein Brot und auch keine Wohnung! Die Kinder lagen am Tage in den Gassen herum und bei Nacht auf den Höfen . . . Heute haben wir wenigstens einen Strohsack und ein Obdach!“ Sara weint noch heftiger. Sie hat sich erinnert, daß ihr damals ein Kind gestorben war: es hatte sich erkältet, war heiser geworden und starb mitten auf der Straße. „Wie im Walde ist es gestorben . . . (Mögen die ihm bestimmt gewesenen Jahre den am Leben Gebliebenen zugerechnet werden!) Es war nichts da, womit man es hätte retten können . . . Weder in die Schul gelaufen, noch den Friedhof gemessen, noch den bösen Blick besprochen ... Wie ein Licht ist es ausgegangen!“ Er tröstet sie: „Weine nicht, Sara . . . Weine nicht . . . Sündige nicht vor Gott . . .“ „Ach, wann wird er mit uns einmal Mitleid haben!“ „Habe du mit dir selbst Mitleid! Nimm es dir nicht so zum Herzen! Sieh, wie du ausschaust! Heute vor zehn Jahren feierten wir Hochzeit . . Und wie siehst du heute aus! Ach und weh! Und du warst ja einmal die Schönste in der Stadt!“ „Und du?! Man nannte dich doch Mendel der Held! Weißt du es noch? Und heute bist du gebückt wie ein Greis und krank . . . obwohl du es vor mir verheimlichst . . .“ „Ach Gott, Gott!“ schreit sic plötzlich auf. Die Kinder erwachen und bitten: „Essen! Brot!“ „Gott bewahre! Wer wird denn heute essen!“ ruft plötzlich Mendel dazwischen. Die Kinder setzen sich erschrocken auf. „Heut ist ein Fasttag,“ sagt Mendel mit finsterer Miene. Erst nach einigen Minuten begreifen die Kinder was er gesagt hat. „Was für ein Fasttag? Was für ein Fasttag?" fragen sie mit weinerlichen Stimmen.